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Fürstenfeldbruck/Olching:"Verwundungen der Seele"

Fee Dürr (links) und Inge Ammon bei der Liveübertragung aus dem Life-Studio-FFB am Freitagabend.

(Foto: Screenshot)

Friedensaktivistin Inge Ammon spricht mit Demo-Organisatorin Fee Dürr über Corona und die Auswirkung auf die Menschen

An die Stelle der Angst "voreinander" solle das Verständnis "füreinander" treten. Das fordert Fee Dürr, die in Olching die sonntäglichen Corona-Demonstrationen veranstaltet. Am Freitagabend hat die 40-jährige Web-Programmiererin mit der Fürstenfeldbrucker Friedensaktivistin Inge Ammon, 89, gesprochen. Der Dialog wurde im Life-Studio-FFB der Brucker Brücke live übertragen und ist von Youtube abrufbar.

Im Vorfeld war es zu Irritationen gekommen über Ausrichtung des Gesprächs. Denn ursprünglich hatte die Brücke dieses unter dem Titel "Was macht Corona mit uns? - Pandemie-Schutzmaßnahmen kritisch betrachtet" angekündigt. Der wurde aber dann geändert in "Was macht Corona mit uns? - Ein Zwiegespräch über die Folgen der Pandemie". Denn es soll nicht nur um die coronabedingten Auflagen wie Mundschutz oder Mindestabstand gehen, gegen die sich die Demonstrationen auf dem Olchinger Nöscher- und Volksfestplatz richten. Das ist vor allem Inge Ammon wichtig, die den Blick eher auf die Auswirkungen für den Einzelnen lenken will - aus den Perspektiven junger und älterer Menschen.

Inge Ammon ist Friedens-Netzwerkerin und gehört dem Brucker Asylkreis an. Sie macht klar, dass auch sie ein ungutes Gefühl hat, wenn sie unter Berufung auf den Seuchenschutz in ihren Grundrechten beschnitten wird. Die Entmündigung im Zuge des Lockdowns Mitte März habe sie geärgert, erzählt sie. Denn auch wenn sie wegen des Alters der Risikogruppe angehört, so wolle sie doch selbst entscheiden, ob sie beispielsweise zum Einkaufen geht oder nicht. Zumal sie selbst mit Blick auf eine mögliche Infektion "keine Angst vor Tod und Sterben" habe. Ammon erzählt fast ein wenig verwundert von ihrer Enkelin, die aus Sorge um die Großmutter fast schon "streng geworden" sei und monatelang auf Besuche verzichtet habe.

Fee Dürr setzt - anders als noch kürzlich in einem SZ-Interview - Covid-19 nicht mehr explizit gleich mit einer "normalen" Grippe. Sie kenne durchaus Menschen, die Patienten mit schweren Verläufen und sogar Todesfälle im Freundes- oder Bekanntenkreis haben. Gleichwohl fühle sie auch stark mit Menschen, "die einsam sterben" müssen, weil sie nicht besucht werden dürfen. "Die Verwundungen der Seele" seien in solchen Fällen "ganz furchtbar", pflichtet ihr Inge Ammon bei.

Die Eingriffe in die Grundrechte hält Fee Dürr in der Summe für überzogen. Der Protest dagegen, so betont sie, erfolge immer gewaltlos auf dem Boden des Grundgesetzes. Die Demonstranten sind ihrer Beobachtung nach "ganz normale Menschen", die keine rechte Gesinnung haben und deshalb auch nicht in diese Schublade gesteckt werden dürfen. Zudem bleibt sie dabei, dass zu viel Angst geschürt werde und manch kritischer Experte zu wenig zu Wort komme. Sie "zweifle nicht alles an" - gleichwohl sähen die aktuellen Zahlen so aus, "als wäre die Gefahr vorbei."

Inge Ammon enthält sich einer solchen Bewertung. In die Zukunft blickt sie unbeirrt mit einer Prise Optimismus. Sie hofft, dass die Gesellschaft Corona als Weckruf begreift, dass sie nicht wieder zurückkehrt zum angeblichen Normalzustand, sondern dass die Pandemie die Augen öffnet für die Bedeutung von Frieden, atomarer Abrüstung und Klimaschutz.

© SZ vom 09.06.2020

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