Süddeutsche Zeitung

Verkehrspolitik:Ohne Unterbrechung

Dass S-Bahn-Haltestellen im Landkreis ausgelassen werden, um Verzögerungen im Fahrplan auszugleichen,wollen viele Lokalpolitiker nicht länger hinnehmen. Sie fordern das Verkehrsministerium zum Handeln auf

Von Julia Bergmann, Fürstenfeldbruck

Im Ärger um ausgelassene S-Bahn-Haltestellen wenden sich nun auch die Bürgermeister der Anliegergemeinden der Linie S 3 im Landkreis an den zuständigen Staatsminister Joachim Herrmann. Über das Konzept der Deutschen Bahn, Bahnhöfe mit "geringem Verkehrsaufkommen" auszulassen, um Verspätungen im Fahrplan auszugleichen, zeigen sich die Politiker empört.

Das Auslassen sei für den bayernweit gewünschten Kurs, die Bürger weg vom Individualverkehr und hin zu einer umweltfreundlicheren Beförderung zu bewegen, kontraproduktiv. Mehr noch: Die Bürgermeister der S-3-Anliegergemeinden fürchten weitreichende Folgen für den Straßenverkehr. Denn sollten weiterhin Haltestellen ausgelassen werden, müsse man mit einem Vertrauensverlust der Kunden rechnen und schließlich auch damit, dass die Zahl derer, die den öffentlichen Personennahverkehr nutzen, stetig sinke. Die Menschen würden vermutlich wieder verstärkt mit dem Auto fahren. "Noch mehr verstopfte Straßen sind zu erwarten", meint Paul Dosch, der Vorsitzende des Verkehrsausschusses der Gemeinden im nordwestlichen Landkreis und Bürgermeister von Althegnenberg.

Eine Antwort sei bisher noch nicht eingetroffen, sagt Dosch. Allerdings hatte sich bereits der SPD-Landtagsabgeordnete Herbert Kränzlein an das bayerische Verkehrsministerium gewandt, nachdem die S-Bahn von Puchheim in Richtung München zum zweiten Mal an ihm vorbeigerauscht war, ohne zu halten. Laut Kränzlein betonten ihm gegenüber sowohl das Ministerium als auch die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), dass das Auslassen von Halten kein probates Mittel sei, um die Pünktlichkeit der S-Bahn zu gewährleisten. Mögliche Gegenmaßnahmen habe das Ministerium aber in seiner Antwort nicht angesprochen, sagt Kränzlein.

Die Bürgermeister der Anliegergemeinden der S 3 erwarten sich nun von Herrmann eine klare Aussage darüber, wie der Freistaat Bayern als Auftraggeber des Schienenpersonennahverkehrs diese Praxis der Deutschen Bahn beurteilt und gegebenenfalls sanktioniert. "Tatsache ist, dass die Deutsche Bahn auf diese Weise die vom Freistaat Bayern bestellte und mit ihm vereinbarte Leistung nicht erbringt", heißt es in dem Brief an Herrmann. Dosch und sein Stellvertreter Franz Robeller plädieren in dem Brief für Strafzahlungen, wenn Halte ausgelassen werden, gleichwohl betonen sie, dass den betroffenen Kunden freilich nur mit dem Einhalten der Stopps geholfen würde.

Die Bahn aber argumentiert anders. Wie ein Sprecher erklärt, gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten, wie Mitarbeiter in der Leitstelle mit verspäteten Zügen umgehen können. Zum einen könne die S-Bahn regulär bis an die Endstation weiterfahren, allerdings zöge sich die Verspätung dann wie ein Domino-Effekt durch sämtliche nachfolgende Fahrten. Zum anderen könne die S-Bahn bereits vorzeitig wenden. Dann wäre sie immerhin auf der Rückfahrt wieder pünktlich. Die dritte Option, die seit einiger Zeit getestet wird, ist das Durchfahren an einzelnen Bahnhöfen.

"Uns ist bewusst, dass auch die Durchfahrt für einen Teil der Fahrgäste Nachteile birgt", sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn. Bisher kam es aber vor, dass Züge bei Verspätungen komplett gestrichen wurden, um die reguläre Taktung wieder herstellen zu können. Das Ausfallen ganzer Züge würde man durch die dritte Alternative vermeiden. "Diese Entlastungsmaßnahme wird weder leichtfertig noch zur ausschließlichen Verbesserung der Pünktlichkeit angewendet, sondern kommt dann zur Anwendung, wenn man dadurch den Ausfall von Zugleistungen vermeiden kann", betont der Sprecher. Dazu, ob die neu gefundene Lösung der Bahn auch in Zukunft beibehalten werden soll, äußert er sich allerdings nicht.

Zurückzuführen auf das neue Konzept sind im vergangenen Halbjahr immerhin 85 ausgelassene Halte. Von den Durchfahrten seien alle Linien bis auf die S 1 und die S 7 betroffen. Das geht aus einer Antwort der Bayerischen Eisenbahngesellschaft auf ein Schreiben des Landrats Thomas Karmasins hervor. Auch er hatte sich über das neue Konzept der Bahn beschwert. In der Antwort wird auch erklärt, dass Fahrtkostenrückerstattungen, etwa für Taxifahrten, die wegen der Ausfälle notwendig wurden, möglich seien. Sie würden nach Abwägung der Dringlichkeit der Fälle auf Kulanzbasis entschieden.

Sollte ein Fahrgast, der nicht an seinem Zielbahnhof aussteigen konnte ,kontrolliert werden, würde außerdem kein Bußgeld fällig. Der Ausschuss des Kreistags für Energie, Umwelt und Planung wird sich nun in seiner kommenden Sitzung am 19. September mit den Antworten der BEG beschäftigen. Dann werde sich zeigen, ob es nötig sei, in dieser Angelegenheit weiter nachzuhaken, sagt eine Sprecherin des Landratsamts.

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Quelle:
SZ vom 12.09.2016
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