Film über Holocaust-Überlebenden:"In meiner Seele ist eine unendliche Traurigkeit"

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Film über Holocaust-Überlebenden: Peter Gardosch - einer der letzten Zeitzeugen von Auschwitz und Kaufering ist am 16. November gestorben.

Peter Gardosch - einer der letzten Zeitzeugen von Auschwitz und Kaufering ist am 16. November gestorben.

(Foto: Max Kronawitter/Ikarus-Film/oh)

Peter Gardosch konnte auf dem Todesmarsch im April 1945 fliehen. Die Premiere des Films über sein Leben hat er nicht mehr miterlebt. Der Regisseur Max Kronawitter hat darin sein bewegtes Leben dokumentiert.

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Peter Gardosch hatte zur Premiere des Filmes, in dem sein Lebens- und Leidensweg gezeigt wird, nach Bruck kommen wollen. Doch vor eineinhalb Wochen ist der 92-Jährige verstorben. An seiner Stelle sprechen seine zweite Frau Ramona Gardosch und sein Sohn Peter Gardosch bei der Aufführung im Lichtspielhaus, zu der mehr als 100 Besucher gekommen sind. "Er hätte das Publikum aufgeheitert nach dem schweren Film", sagt Ramona Gardosch.

Die Familie Gardosch lebte in Neumarkt in Rumänien, einer Gegend, die während des Zweiten Weltkrieges von Ungarn, dem Verbündeten Deutschlands, annektiert worden war. Als die ungarische Regierung aufgrund der absehbaren Niederlage geheime Verhandlungen mit den Alliierten aufnimmt, wird das Land von der Wehrmacht besetzt. Im Mai 1944 beginnen die Deutschen damit, die jüdische Bevölkerung in die Vernichtungslager zu deportieren.

Das betrifft auch die Gardoschs, die auch schon davor durch die antisemitische Politik des ungarischen Regimes drangsaliert worden waren. Am 7. Juni 1944 trifft der Zug in Auschwitz ein, Gardoschs kleine Schwester, seine Mutter und die Großeltern werden von den Deutschen sofort ermordet. Der 13-Jährige trägt den Mantel des Großvaters, um älter zu wirken, und wird verschont. Zusammen mit seinem Vater wird Peter Gardosch nach Landsberg verschleppt, dort sollen die KZ-Häftlinge unterirdische Anlagen für die Rüstungsproduktion bauen. Die Bedingungen sind mörderisch, innerhalb weniger Monate stirbt die Hälfte der Gefangenen. Gardosch überlebt, weil ihn ein SS-Offizier als Diener in Beschlag nimmt.

Ein Benediktiner versteckt die Geflohenen im Kloster Fürstenfeld

Im April 1945 muss Gardosch am Todesmarsch teilnehmen, die Deutschen wollen verhindern, dass die anrückenden US-Truppen ihre Opfer befreien. Als ein Lastwagen der Wehrmacht in die Kolonne rast, nutzen Peter Gardosch, sein Vater, zwei weitere Gefangene und zwei SS-Wächter das Durcheinander und flüchten. Sie werden im Kloster Fürstenfeld von einem Benediktinermönch versteckt.

Es ist ein ruhiger Film, ein bewegendes Dokument, das im wesentlichen aus Interviews mit Gardosch besteht. Die meisten Aufnahmen entstanden bei einer Reise, die der Regisseur mit ihm zu den Stätten seines Lebens unternahm, nach Neumarkt, Kaufering, Fürstenfeld, Auschwitz, aber auch nach Jerusalem und in das Haus bei Berlin, wo Gardosch lebte. Kronwitter zeigt, wie der KZ-Überlebende sich ein neues Leben aufbaute, zuerst als Journalist im stalinistischen Rumänien. 1960 wandern er und seine erste Frau aus, zunächst nach Israel, dann in die Bundesrepublik, wo Gardosch das Angebot eines Bauunternehmers annimmt, für ihn zu arbeiten. In Westdeutschland hat Gardosch Erfolg, verdient viel Geld und ist ein Lebemann.

Doch die Vergangenheit vergeht nicht. "In meiner Seele ist eine unendliche Traurigkeit", sagt Gardosch im Film. Er kann über das Leiden aber nicht sprechen. "Er hat immer nur in kleinen Häppchen davon berichtet", erzählt sein Sohn in Bruck. Seiner zweiten Frau Romana verschweigt er jahrelang sein Schicksal, aus Angst, sie als Deutsche würde ihn dann nicht akzeptieren.

Film über Holocaust-Überlebenden: Peter Gardosch junior, der Sohn des Verstorbenen, trägt sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Rechts Regisseur Max Kronawitter, hinten Ramona Gardosch.

Peter Gardosch junior, der Sohn des Verstorbenen, trägt sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Rechts Regisseur Max Kronawitter, hinten Ramona Gardosch.

(Foto: Leonhard Simon)

Das wäre ein Aspekt gewesen, der mehr Tiefe verdient hätte. Wie hielt Gardosch es aus in einem Land, in dem die Täter alle Bereiche dominierten, Staat, Politik und Behörden, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft, und die überlebenden Opfer an den Rand gedrängt wurden? Unkommentiert bleibt auch die Sequenz, in der Gardosch ein Gespräch mit Albert Speer, dem Rüstungsminister, wiedergibt, der ihm gesagt habe, Hitler habe die Deutschen hypnotisiert.

Der Diktator mag charismatisch gewesen sein, aber das ist eine hanebüchene Erklärung, die Rechtfertigung eines Mannes, der Karriere machte. Der Nationalsozialismus baute auf den antisemitischen und rassistischen Ideologien auf, die in der deutschen Gesellschaft Konsens waren, stützte sich auf die Mittelschichten und wurde von konservativen Eliten an die Macht gehievt, die als Koalitionspartner zur Verfügung standen. Auf einem Foto im Film ist der Rüstungsminister Speer zu sehen mit einer Armbinde und der Aufschrift Organisation Todt, jener faschistischen Abteilung, die für den Bau der KZ-Außenlager bei Landsberg verantwortlich war.

Der Film "Von Auschwitz nach Landsberg, von Jerusalem nach Berlin" ist als DVD im Klosterladen in Fürstenfeld erhältlich.

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