Fürstenfeldbruck:"Die Anwohner der Lager haben es mitgekriegt"

Lesezeit: 2 min

Fürstenfeldbruck: Letzte Gelegenheit, Zeitzeugen zu befragen: Szene aus dem Film "Todesmarsch. Als das Grauen vor die Haustür kam"

Letzte Gelegenheit, Zeitzeugen zu befragen: Szene aus dem Film "Todesmarsch. Als das Grauen vor die Haustür kam"

(Foto: Max Kronawitter/oh)

Ein Dokumentarfilm lässt Überlebende zu Wort kommen und Menschen, die die Todesmärsche als Augenzeugen erlebt haben. Bei der Vorführung im Lichtspielhaus wird auch Regisseur Max Kronawitter dabei sein.

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Das Lichtspielhaus Fürstenfeldbruck präsentiert am Donnerstag, 27. Januar, um 18 Uhr den Dokumentarfilm "Todesmarsch. Als das Grauen vor die Haustür kam". Zu Wort kommenden Überlebende und Menschen, die diese Todesmärsche als Augenzeugen erlebt haben. Der Regisseur Max Kronawitter wird anwesend sein und steht nach der Vorführung für ein Gespräch zur Verfügung. Er hat zwei Jahre intensiv an dem Film gearbeitet, der zur Hälfte von den Kommunen entlang der damaligen Wegstrecke finanziert wurde.

SZ: Wie kamen Sie auf das Thema?

Max Kronawitter: Ich habe einen Film über den sogenannten Priesterblock im KZ Dachau gedreht und bei den Recherchen stellte sich heraus, dass ein Priester auf dem Todesmarsch dabei war. Das weckte mein Interesse und ich habe angefangen, Material zu sammeln. Außerdem wohne ich seit 22 Jahren in Eurasburg, dort in der Gegend stehen überall Mahnmale, aber von den Einheimischen war wenig über die Vorgänge zu erfahren. 2018 habe ich begonnen, intensiv daran zu arbeiten, es war zugleich die allerletzte Gelegenheit, Zeitzeugen zu interviewen. Einige, die in meinem Film zu sehen sind, sind in der Zwischenzeit gestorben.

Wie haben Sie denn die Zeitzeugen aus den Dörfern gefunden?

Zur Finanzierung des Projekts habe ich bei den Bürgermeistern entlang der Strecke angefragt und das Ergebnis war ermutigend. Einige haben in ihren Gemeindezeitungen aufgerufen, Zeitzeugen mögen sich bei mir melden. Darauf gab es etwa 30 Rückmeldungen, bis heute melden sich noch Leute, und ich rücke immer noch mit der Kamera aus, denn das sind die letzten Stimmen.

Dabei waren die Todesmärsche jahrzehntelang vergessen wie eine prähistorische Siedlung unter der Grasnarbe, erfolgreich verdrängt durch die Tätergeneration und ihre Nachkommen.

Das gilt ja nicht nur für die Todesmärsche, über die gesamte NS-Zeit wurde der Mantel des Schweigens ausgebreitet, weil das Thema mit Schuld beladen war. Gerade auf dem Dorf wollte man niemanden an den Pranger stellen. Wenn der Obernazi tot ist, fällt es leichter, darüber zu sprechen.

Fürstenfeldbruck: Der Diplom-Theologe Max Kronawitter arbeitete während eines Studienaufenthalts in Rom für Radio Vatikan. Zurück in München schloss er sein Studium ab und machte sich gleichzeitig mit 27 Jahren als Filmemacher selbständig. In seinen Produktionen spielen Themen wie Kirche, Glaube und Spiritualität eine wichtige Rolle, aber nicht ausschließlich. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über Prostitution und der Geschichte von Peter Gardosch, einem Auschwitz-Überlebenden, dem es auf dem Todesmarsch in den letzten Kriegstagen gelang, bei Puch zu fliehen und der anschließend im Kloster Fürstenfeld versteckt wurde.

Der Diplom-Theologe Max Kronawitter arbeitete während eines Studienaufenthalts in Rom für Radio Vatikan. Zurück in München schloss er sein Studium ab und machte sich gleichzeitig mit 27 Jahren als Filmemacher selbständig. In seinen Produktionen spielen Themen wie Kirche, Glaube und Spiritualität eine wichtige Rolle, aber nicht ausschließlich. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über Prostitution und der Geschichte von Peter Gardosch, einem Auschwitz-Überlebenden, dem es auf dem Todesmarsch in den letzten Kriegstagen gelang, bei Puch zu fliehen und der anschließend im Kloster Fürstenfeld versteckt wurde.

(Foto: Max Kronawitter/oh)

Im Film sagt ein Interviewpartner, der Durchzug der KZ-Häftlinge habe bei vielen ein Weltbild zusammenstürzen lassen. Dabei waren Abba Naor und andere doch schon monatelang zu sehen, wenn sie halbverhungert durch die Dörfer bei den Außenlagern zur Arbeit mussten.

Ja, die Anwohner der Lager haben es mitgekriegt, aber die Leute weiter weg nicht. Und außerdem ist noch etwas anderes gemeint: Eine deutsche Frau reicht einem Häftling eine Schüssel mit Suppe oder ein Stück Brot und das wird von einem deutschen Soldaten mit dem Gewehrkolben weggeschlagen. Damit bekam das Bild vom anständigen deutschen Soldaten Risse.

Wie ist die Reaktion des Publikums bisher?

Ursprünglich wollten wir den Film in Kinos, Bürger- oder Pfarrheimen entlang der Wegstrecke zeigen, aber die Pandemie hat das zunichte gemacht. Wir haben bisher lediglich zwei Online-Präsentationen mit mehr als 700 Zuschauern gemacht, die Resonanz war gut und es haben sich nochmal Zeitzeugen gemeldet, von denen leider einige dem Coronavirus zum Opfer gefallen sind.

Sie haben bisher immer nur Ausschnitte gezeigt, auch im Brucker Lichtspielhaus ist nicht die komplette Fassung zu sehen.

Der komplette Film dauert 90 Minuten, aber diese Fassung möchten wir erst, wenn das wieder möglich ist, in einer Art Premiere für alle Beteiligten anbieten. Der Film soll Menschen zusammenbringen und miteinander ins Gespräch bringen. Deshalb habe ich die Dokumentation auch nicht dem Fernsehen angeboten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB