Süddeutsche Zeitung

Fürstenfeldbruck:Mit Frohsinn

Therese Schuster wird 100

Von Rafaela Steinherr, Fürstenfeldbruck

Umgeben von einem Meer aus Blumensträußen sitzt Therese Schuster gut gelaunt in ihrem Wohnzimmer, um die Gäste zu ihrem 100. Geburtstag zu empfangen. Die gebürtige Nördlingerin lebt seit 58 Jahren in der Wohnung in Fürstenfeldbruck, seit dem Tod ihres Mannes vor 20 Jahren alleine. Noch immer, so betont die Jubilarin, habe sie viel im Haushalt zu tun. Generell versorgt sich Schuster nach wie vor vollkommen selbst - lediglich am Vormittag kommt täglich jemand von der Nachbarschaftshilfe zu Besuch. "Man muss halt schauen, dass man vorankommt", sagt sie mit einem Schmunzeln. Auch sei sie keine "Doktor-Geherin", wenn es nicht unbedingt notwendig sei. Ihre Medikamente richtet sie sich jeden Tag selbst her.

Links und rechts von ihr zieren zwei Kissen mit Zebra-Aufdruck das Wohnzimmersofa. Auch an den Wänden hängen zahlreiche Bilder von Vögeln und Elefanten sowie eine Postkarte mit dem Aufdruck "Born to be wild" - kleine Hinweise auf ihre Reisen in das ostafrikanische Malawi. Dort besuchte Schuster einen ihrer Söhne insgesamt fünfmal, als dieser dort aus beruflichen Gründen lebte. Auch zwei ihrer vier Enkelkinder wurden dort geboren. Besonders gefallen habe ihr die einfache Lebensweise, erzählt die Hundertjährige, "viel schöner als das Angebot heutzutage in den Läden, wo die Leut' net wissen, was sie nehmen sollen". Wenn sie 20 Jahre jünger wäre, wäre sie schon längst wieder nach Malawi zurückgekehrt.

Eine bescheidene Lebensweise ohne "den ganzen Pomp" ist ein wichtiges Merkmal für sie. Zehn Jahre hatte sie die Klosterschule der Franziskanerinnen in Nördlingen besucht. Um regelmäßig Zeit zum Lernen zu haben, wechselte sie sich mit dem Kochen des Sonntagsbratens mit ihrer Schwester ab. Sie hätte gerne Mathematik studiert, doch als Mädchen durfte sie die Universität nicht besuchen. Nach der Schule war sie unter anderem bei einer Handarbeitsschule tätig und arbeitete dann bis zu ihrer Hochzeit im Jahre 1942 in einem Kolonialwarenladen. Während ihr Ehemann als Soldat im Krieg war, versorgte Schuster ihren ersten Sohn.

Zu der Zeit lernte sie besonders, aus wenigen Dingen das Bestmögliche zu machen. Den schwersten Verlust erlitt die Frau jedoch durch den Tod zwei ihrer vier Söhne. Eigentlich hätte sie sich auch eine Tochter gewünscht. Trotz all der Entbehrungen, die Schuster in ihrem Leben machen musste, ist Geld für sie nur Mittel zum Zweck. "Durch ein einfaches Leben kann ich viel sparen - das gebe ich dann weiter", erklärt die Hundertjährige. Ihre Lebensweisheit sei von Don Bosco: "Fröhlich sein, Gutes tun, und die Spatzen pfeifen lassen."

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Quelle:
SZ vom 17.10.2020
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