bedeckt München 10°

Fürstenfeldbruck:Kreisklinik rutscht in die roten Zahlen

Die Pandemie hat auch die Organisationsstruktur des Krankenhauses umgekrempelt. Die Folge sind weniger Patienten und weniger Einnahmen. Ein Defizit von 1,4 Millionen Euro droht. Für weiter steigende Infektionszahlen sieht sich das Haus gerüstet

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Die Kreisklinik leidet unter der Corona-Krise.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Kreisklinik Fürstenfeldbruck rechnet in diesem Jahr mit einem Defizit von etwa 1,4 Millionen Euro. Das teilte Vorstand Alfons Groitl der SZ auf Nachfrage mit. Damit dürfte auch jene kleine Freude wieder vorbei sein, die er darüber kund tat, dass das Fürstenfeldbrucker Haus im Vorjahr zu jenem Drittel bayerischer Krankenhäuser zählte, das 2019 überhaupt Gewinn machte. Wenn es auch im Fall Fürstenfeldbruck nur ein kleiner in Höhe von 124 000 Euro war.

Was das Jahresergebnis angehe, habe er für das laufende Jahr Bedenken, sagte Groitl, als er jetzt die Kreisräte über die aktuelle Lage des Kommunalunternehmens Kreisklinik, zu der auch das Seniorenheim Jesenwang gehört, informierte. Ins Detail ging er nicht, von den Kreisräten fragte hierzu auch keiner nach. Auch zwischen 2011 und 2014 hatte die Klinik vier Jahre in Folge mit einem Minus abgeschlossen, 2014 betrug es 1,5 Millionen Euro. Danach schrieb die Klinik wieder schwarze Zahlen.

Schon vor der Corona-Krise sei die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser kontinuierlich schlechter geworden, heißt es im vor zehn Tagen veröffentlichten 16. "Krankenhaus Rating Report" des "RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung", vielen Krankenhäusern stünden schwere Jahre bevor. Die Pandemie habe diese Herausforderungen nun noch verschärft.

Vorstand Alfons Groitl berichtet dem Kreistag.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

"Corona wirkt sich vielfältig aus", bestätigte Alfons Groitl die Erkenntnisse der Wissenschaftler, als er auf eine Frage von CSU-Kreisrätin Thuy Wegmaier antwortete, die vor drei Monaten ihr erstes Kind in der Brucker Kreisklinik geboren hatte. Nachdem man im Frühjahr infolge der Pandemie "das Haus innerhalb von drei Tagen geräumt" und alle nicht notwendigen medizinischen Behandlungen verschoben habe, laufe die Klinik nunmehr wieder "im Vollbetrieb", der unter Corona aber "nicht der gleiche Vollbetrieb ist wie ohne Corona". Alle Patienten, die stationär aufgenommen werden, werden zunächst auf das Virus getestet und erst, wenn der Abstrichbefund negativ ist, "auf eine Zielstation" verlegt, wie Groitl der SZ erläutert. Das kann ein bis zwei Tage dauern, in dieser Zeit liegen diese Patienten einzeln in Zimmern. Somit können nicht alle vorhandenen Betten belegt und im gleichen Zeitraum nicht so viele Patienten behandelt werden wie vor Corona. Etwa 15 6o0 Patienten werden 2020 laut Hochrechnung in der Kreisklinik Fürstenfeldbruck stationär aufgenommen worden sein. Das sind deutlich weniger als in den Jahren zuvor, in denen es jeweils mehr als 18 000 waren. Hinzu kommen noch etwa 18 300 ambulant in der Klinik behandelte Patienten.

Eine staatliche Vorgabe, Betten für Corona-Patienten frei zu halten, gibt es Groitl zufolge derzeit nicht. Dennoch werde die Klinik bei steigenden Infektionszahlen und zu erwartenden schweren Erkrankungsfällen "das so machen wie im Frühjahr und verschiebbare Eingriffe verschieben", kündigte er vor dem Kreisräten an. Die Intensivstation sei darauf vorbereitet. Insgesamt gibt es dort 15 Intensivplätze, von denen mittlerweile zwölf über eine Beatmungseinrichtung verfügen.

Das aktuelle Infektionsgeschehen, das den Landkreis Fürstenfeldbruck mittlerweile als Hotspot ausweist, verfolge man in der Klinik intensiv, sagte Groitl. Am Mittwoch waren es zwei Patienten, die wegen Corona stationär in der Kreisklinik behandelt wurden. Beobachtet hat der Klinikvorstand auch, dass Patienten zwischen April und August deutlich schwerer erkrankt waren als in den vergleichbaren Vorjahresmonaten. Viele Patienten hätten infolge der Pandemie einfach verschleppt, sich stationär behandeln zu lassen, sagte Groitl in der Sitzung.

Die Klinik ist derzeit stark frequentiert, so dass sie sich täglich mehrmals bei der Leitstelle abmelden müsse. Das bedeutet, dass der Rettungsdienst die Brucker Klinik in dieser Zeit nicht mehr anfährt, sondern die Patienten in umliegende Krankenhäuser einliefert.

Groitl gab den Kreisräten auch einen Überblick über die Personalsituation an der Klinik. Die Personalkosten machen demnach 78 Prozent der Gesamtkosten aus. 2017 waren es noch knapp 72 Prozent. Gestiegen ist auch die Zahl der behandelnden Ärzte, im Mai dieses Jahres waren es insgesamt 128. Das hat laut Groitl damit zu tun, dass sich der Arztberuf immer mehr spezialisiere und es nun zum Beispiel Unfallchirurgen, Allgemeinchirurgen, Gefäßchirurgen gebe. Auch sehe der Tarifvertrag mittlerweile vor, dass die Arbeitszeit der Ärzte zeitlich begrenzt ist, weshalb man mehr Personen benötige. Die Akquise von Ärzten gelingt, auch weil man Lehrkrankenhaus der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität sei, wie Groitl sagt. Probleme, Personal zu bekommen, gebe es hingegen im Pflegebereich, seit Jahren investiert man deshalb selbst in die Ausbildung von Pflegekräften. Derzeit sind 54 Auszubildende an der Kreisklinik tätig, das sind mehr als acht Prozent der Vollkräfte. In der Stationspflege arbeiten derzeit 256 Pflegefachleute, in der sogenannten Funktionspflege - zu der Notaufnahme, OP, Kardiologie und Endoskopie zählen - waren es im Mai 79 Pflegekräfte gegenüber 88 im Vorjahr. Die Belastung durch Nachtdienste sei vielen zu hoch, erläuterte Groitl, weshalb gerade Über-Fünfzigjährige versuchten, eher im niedergelassenen Sektor eine Stelle zu finden.

Das Kommunalunternehmen, dessen Träger der Landkreis ist, machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 72,2 Millionen Euro, für 2020 werden etwa 69,9 Millionen Euro erwartet. Landrat Thomas Karmasin (CSU) lobte die Klinik vor allem für "das sehr gute Funktionieren in der Krise - und das ohne Gejammer". Von den Kreisräten gab es dafür spontanen Beifall. Der Landkreis unterstützte die Klinik zuletzt mit zwei Millionen Euro, damit diese die Großraumzulage an ihre Beschäftigten auszahlen kann.

Vor zwei Jahren hatte das Krankenhaus mit einem Virus ganz anderer Art zu tun, als ein Computer-Virus das gesamte System lahm legte. Für insgesamt 1,2 Millionen Euro wurde seither nachgerüstet. IT-Fachmann Ulrich Bode, Kreisrat der FDP, warnte jedoch: Solche Risiken könne man nicht ausschließen. "Wenn jemand gezielt einen Angriff fährt", könne man in Ämtern und Klinik nicht standhalten. Auch gebe es aktuell keine Versicherung, die ein solches Risiko absichere, sagte Groitl auf Nachfrage von AfD-Kreisrat Christian Müller. Zuvor müsse man bestimmte Standards nachweisen, "und darauf arbeiten wir hin".

© SZ vom 15.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite