Migration:Wegweiser fürs Zusammenleben

Migration: Präsentation des Integrationskonzepts: Michael Schanderl, stellvertretender Landrat, bei seiner Rede.

Präsentation des Integrationskonzepts: Michael Schanderl, stellvertretender Landrat, bei seiner Rede.

(Foto: Jana Islinger)

Der Landkreis präsentiert ein Integrationskonzept: Dieses stellt Forderungen, sagt Unterstützung zu und soll die Eingliederung erleichtern.

Von Gerhard Eisenkolb, Fürstenfeldbruck

Wie wichtig es ist, für den Landkreis ein Konzept mit Leitlinien zur Förderung der Integration und Vielfalt zu erarbeiten, belegen aktuelle politische Themen. Als kürzlich bei einem Abschlusstreffen der Beteiligten im Landratsamt die Arbeit am Integrationskonzept nach drei Jahren offiziell abgeschlossen und gewürdigt wurde, beherrschte der Umgang mit Zuwanderern die Schlagzeilen. Themen waren unter anderem die Bemühungen der Bundesregierung um das "Gesetz zur Verbesserung der Rückführung", die Berichte des Recherchenetzwerks "Correctiv" zu den Deportationsplänen rechtsextremer Kreise oder die Vorstellungen der Staatsregierung für eine Asylrechtsreform, die eine Änderung des Grundgesetzes umfassen soll. Laut Landratsstellvertreter Michael Schanderl (Freie Wähler) zeige diese Koinzidenz, die Komplexität der Materie.

Das Integrationskonzept soll Wege aufzeigen, wie es auf kommunaler Ebene ermöglicht werden kann, mit Zugewanderten einvernehmlich und gedeihlich zusammenzuleben und somit den sozialen Frieden zu bewahren. Das Papier ist im vergangenen Herbst von allen Fraktionen außer der AfD im Kreistag verabschiedet worden. Zudem soll dieses für das Miteinander in der Gesellschaft und zur Lösung des Arbeitskräftemangels entscheidende Thema nicht den Populisten und Rechtsextremen überlassen werden, hieß es wiederholt.

Migration: Erste Unterschrift unter die Leitlinien: Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl (im Hintergrund: Integrationsreferent Hans Sautmann).

Erste Unterschrift unter die Leitlinien: Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl (im Hintergrund: Integrationsreferent Hans Sautmann).

(Foto: Jana Islinger)

In den Leitlinien heißt es, sämtliche Menschen, die im Landkreis leben, sollten an der Gemeinschaft teilnehmen und diese mitgestalten. Von den Zuwanderern wird erwartet, dass sie sich um den Erwerb der deutschen Sprache und um ein Verständnis von Geschichte und Kultur ihres neuen Heimatlands bemühen. Weiterhin heißt es, der Landkreis stelle sich aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung.

Norbert Seidl unterzeichnet als erster Bürgermeister

Kreisrat und Integrationsreferent Hans Sautmann (Grüne) erstellte gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe das Konzept, das den Handlungsrahmen für die künftige Integrationspolitik und die Arbeit der Landkreisverwaltung zur Förderung des Zusammenlebens im Landkreis setzt. Nun geht es um die Umsetzung und Verankerung des Konzepts auf der Ebene der Kommunen. Einen ersten symbolischen Schritt in diese Richtung unternahm Norbert Seidl (SPD). Der Bürgermeister der Stadt Puchheim bekräftigte mit der Unterzeichnung der Leitlinien den Willen, diese in Puchheim umzusetzen. Sautmann zeigte sich optimistisch, dass diesem Beispiel die restlichen 22 Landkreiskommunen folgen werden.

Eine gelingende Integration lasse sich nicht verordnen, sondern sei, wie es hieß, eine dauerhafte, gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dieses Ziel sei nur zu erreichen, wenn möglichst viele mitmachen und immer wieder die Begegnung von Einheimischen und Zugewanderten ermöglicht wird. Mirko Sfeir, Integrationslotse des Landratsamts, sagte, jeder habe eine Vorbildfunktion und solle schauen, was er zu solchen Begegnungen beitragen könne. Sei das der Fall, folgten auch viele andere diesem Beispiel. Menschen mit und ohne Migrationshintergrund können jedoch nur ins Gespräch kommen, wenn sie eine gemeinsame Sprache sprechen. Daher bezeichnete Schanderl das Erlernen der deutschen Sprache als Grundlage für Austausch und Verständigung.

Auch die Aufnahmegesellschaft muss sich ändern

Sozialamtsleiter Johannes Loibl bezeichnete Migranten als "Teil unserer Gesellschaft". Er forderte, diese wertschätzend als Mitbürgerinnen und Mitbürger aufzunehmen und Bekannte und Freude dazu zu animieren, ihnen gegenüber offen zu sein. Nur gemeinsam könne man gut leben. Puchheims Bürgermeister Seidl bat darum, auch denjenigen, die hier noch nicht richtig angekommen seien, eine Chance zu geben. Er gab auch zu bedenken, man "könne nicht erwarten, dass alle so leben werden, wie wir leben". Es bedürfe also auch einer Veränderung der Aufnahmegesellschaft. Als entscheidend bezeichnete er die Grundhaltung, nach der die Würde eines jeden Menschen zu achten sei. Dazu brauche es Mut, Zuversicht, Wohlwollen und Großzügigkeit.

Alle Haupt- und Ehrenamtlichen lobten das Engagement der Mitstreiter. Dankbar für das Entstandene bezeichneten sie ihre Mitarbeit an den Leitlinien und die dabei geknüpfte Vernetzung als Bereicherung. Die Germeringer Integrationsreferentin Frauke Stechow wies darauf hin, dass ihr der zunehmende Rechtspopulismus Sorgen bereite. Zwar könne sie im Großen nichts verändern, aber in ihrem persönlichen Umfeld sei das durchaus möglich. Gelinge es auf lokaler Ebene, die Menschen zusammenzubringen und Begegnungen zu ermöglichen, helfe das, Vorbehalte abzubauen. Integration sei keine Einbahnstraße, man lerne bei diesem Prozess.

Freude über politischen Konsens

"Ich bin stolz auf uns". Mit diesen Worten begann Andrea Gummert von der Caritas ihre Bilanz. Sie sei stolz, weil es gelungen sei, Menschen mit Migrationshintergrund einzubinden, also diejenigen, "die wissen, worum es geht". Ebenso wie diejenigen, die beruflich mit Migranten zu tun haben. Mit Stolz erfülle es sie zudem, dass die Leitlinien konkret und umsetzbar seien und mit der Zustimmung im Kreistag ein politischer Konsens erreicht wurde.

"Wir machen weiter", beteuerte Sautmann und kündigte an, man wolle für den Landkreis beispielsweise ein Integrationsforum sowie ein Koordinierungscenter ins Leben rufen sowie kommunale Integrationskonzepte anregen. Er begründete auch, was ihn motiviert weiterzumachen. Er wolle helfen, Gräben zuzuschütten, und nicht zulassen, dass es Menschen zweier Klassen gibt. Mitbürgerinnen und Mitbürgern die im Grundgesetz garantierte Würde abzusprechen, sei das Schlimmste.

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