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Fürstenfeldbruck:Hilferuf aus dem Fachgeschäft

Juliane Egert fragt in ihrem Facebook-Video die Politik, was sie tun kann, um mit ihrem Fachgeschäft zu überleben.

(Foto: Juliane Egert/Facebook)

Juliane Egert will ihren Stoff-Laden in Fürstenfeldbruck retten. Per Facebook richtet sie einen Appell an die Politik

Von Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Als Mitte April vergangenen Jahres klar wurde, dass ein Mund-Nase-Schutz sinnvoll sein könnte, da ließ Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern viel Stoff bestellen. Alle sollten sich ihre Masken nähen können. Doch wegen des von der bayerischen Regierungskoalition beschlossenen Lockdowns seit Mitte März konnte das kaum jemand tun. Es fehlten die sogenannten Kurzwaren, es fehlten Garne, es fehlten Nähmaschinennadeln. In dieser Situation bekam das Fürstenfeldbrucker Traditionsstoffhaus Egert an der Augsburger Straße vom Landratsamt eine Ausnahmegenehmigung, von 14. April an ausschließlich für den Verkauf des dringend benötigten Zubehörs zu öffnen. Lange Schlangen bildeten sich damals vor dem Geschäft. Jetzt aber bleiben die Kunden aus, weil niemand mehr Masken nähen muss im zweiten Lockdown und der Familienbetrieb wie alle anderen Geschäfte im Fachhandel zwangsweise geschlossen sind. Dauert die Schließphase noch länger, könnte es sein, dass Fachgeschäfte wie Egert erst gar nicht mehr wieder aufmachen, wenn das erlaubt ist.

"Ich als Unternehmerin weiß langsam nicht mehr, woher ich das Geld nehmen soll, um alles zu bezahlen", sagt Firmeninhaberin Juliane Egert in einem Video auf ihrer Facebook-Seite. Aufgenommen hat sie es in ihrem Laden. Im Erdgeschoss, wo vor einem Jahr die Kunden noch Baumwollstoffe für die Alltagsmasken bekamen und das begehrte Gummiband, hat sie schon Ware für Frühjahr und Sommer liegen. Bestellt im September vergangenen Jahres, als die Politik noch nicht wieder reagierte auf die steigenden Zahlen infizierter Urlaubsrückkehrer und nicht absehbar war, dass vor Weihnachten wieder alles dicht gemacht werden sollte. Die Mitarbeiterinnen hat Juliane Egert in Kurzarbeit geschickt, doch seit mehr als vier Wochen wartet sie auf die Zahlung des Kurzarbeitergeldes. Die Überbrückungshilfe III? Um die zu beantragen, müsste sie ihre Umsätze der kommenden fünf Monate planen, klagt sie im Video: "Ich weiß ja noch nicht mal, wie lange der Lockdown weitergeht."

Als Fachhändlerin für Stoffe glaubt sie nicht an den Erfolg des Onlinehandels für ihre Ware. Sie habe keinen Onlineshop. Die 40-Jährige stellt das sinnliche Erlebnis des Stoffkaufs in den Vordergrund: Stoffe müsse man fühlen, Kundinnen und Kunden wollten sehen, wie ein Stoff falle. Von Click & Collect hält sie dementsprechend wenig und führt an, dass sie vom Verkauf von Kurzwaren als Firma nicht existieren könne. Egert spricht in diesem Fall nicht nur für sich, sondern auch für die vielen anderen Fachgeschäfte in und um Fürstenfeldbruck, deren Augenmerk auf der persönlichen und umfassenden Beratung der Kunden liegt.

Gehälter sind zu zahlen, die Fixkosten lägen monatlich bei 10 000 Euro. Deshalb stellt Juliane Egert schon mal die Frage: "Liebe Politik, wie sollen wir weitermachen, wie sollen wir überleben?" Sie fordert ein "klares Konzept für die Öffnung". Vorbereitet wäre sie. Alle Beschäftigten tragen Masken, sie hat einen Desinfektionsmittelspender aufgestellt und eine UV-Anlage, um die Raumluft zu reinigen. Auf ihren Aufruf hin hat noch kein Politiker einen Kommentar auf ihrer Facebookseite hinterlassen. "Bitte gebt mir Antworten", fleht Juliane Egert. "Ich weiß nicht,wie ich finanziell weitermachen kann."

© SZ vom 24.02.2021
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