bedeckt München

Fürstenfeldbruck:Hilfe für den Abschied

Als Autor will Rainer Liepold Angehörigen genauso helfen wie mit seinen Vorträgen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Pfarrer und Autor Rainer Liepold spricht über Bestattungskultur

Von Fabiana Braunstorfer, Fürstenfeldbruck

Friedhof oder Krematorium? Welcher Bestatter? Und wie die Kosten bewältigen? Hinterbliebene sind bei der Organisation von Trauerfeiern mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Dabei kommen laut Rainer Liepold oft die individuellen Wünsche des Verstorbenen und der Trauergemeinde zu kurz. Der Pfarrer, Fachbuchautor und Coach spricht deshalb bei seinem Vortrag in Fürstenfeldbruck über Möglichkeiten und Gewohnheiten der heutigen Bestattungskultur.

Etwa fünfundzwanzig Menschen haben an diesem Abend im Gemeindesaal der Erlöserkirche Platz genommen. Trotz des ernsten Themas bleibt der Austausch locker und ehrlich. Das liegt zum Teil auch an Liepolds geradezu schauspielerischer Vortragsweise.

Denn Liepold kennt den Tod. "Ungefähr 600 Menschen dürfte ich unter die Erde gebracht haben", erzählt er. Als Pfarrer sei das eine der wichtigsten Aufgaben. Nicht nur bei der Bestattung nach dem, sondern auch bei der Begleitung vor dem Tod ist Liepold an der Seite der Betroffenen. Im Lore Malsch Haus, einem Pflegezentrum im Münchner Osten, betreut er außerdem Hochbetagte.

Dort im Pflegezentrum mache er "nicht nur deprimierende Erfahrungen". Ein Pflegezentrum sei kein Ort, an dem nur negative Stimmung herrsche - wie wohl viele denken. "Im Pflegezentrum wird viel gelacht."Auch bei Bestattungen solle kein Zwang zur Trauermiene herrschen. "Wenn viele intensiv weinen, dann wird auch am breitesten gelacht."

Es gibt keine Formel des richtigen Bestattens, stellt der Referent klar. Trauer und Abschied seien etwas sehr Persönliches - jeder habe andere Bedürfnisse. Einmal wählte der Sohn eines Verstorbenen bei der Bestattung die Hand statt der Schaufel, um Erde auf den Sarg zu streuen. Die Erde in der Hand zu spüren habe etwas Persönlicheres - "Erde fühlt sich nach Leben und Tod an". Seitdem wähle auch Liepold immer die Hand statt der Schaufel. Auch wollte einmal ein Enkel die Urne seines Großvaters lieber selbst zum Grab tragen. Solche Handlungen sind für Liepold schlüssig. "Man kann von Trauernden was lernen", sagt der Pfarrer.

Nach dem Tod eines Nahestehenden folgt zumeist erst einmal ein Besuch bei einem Bestattungsinstitut. "Fragen prasseln dort auf die Menschen ein, die emotional unter Druck stehen", sagt Liepold. Durchschnittlich neunzig Minuten dauert so ein Termin, 110 Fragen müssen Angehörige beantworten. Viele seien da überfordert und ließen sich bei der Entscheidungsfindung leiten. Manche Bestatter unterbreiteten dann Vorschläge, die für sie selbst ein gutes Geschäft sind. Um die Entscheidung zu beeinflussen käme es beispielsweise vor, dass der Verstorbene bereits direkt in einen teuren Sarg gelegt werde. "Dann heißt's, wir können Ihre Mama natürlich auch in den Billigsarg legen."

Liepold rät, sich zunächst einmal über drei, vier Bestatter zu informieren. "Der Qualitätsunterschied ist unglaublich groß, der Preisunterschied nicht." Denn es gebe Bestattungsunternehmen, die auf die Wünsche des Kunden eingehen. "Ein guter Bestatter ermöglicht den Trauernden die Wünsche."

Liepold erinnert sich etwa an einen Fall, als ein hinterbliebener Ehemann das Grab für seine Frau selbst schaufeln wollte - so wie er es von früher kannte. Da habe der Bestatter vorher alle benötigten Informationen zusammengetragen, etwa, wie tief man nach Vorschrift graben müsse. Auf dem Friedhof dann habe er seinem Kunden Tee zur Stärkung gebracht.

Auch bei herkömmlichen Friedhofsbestattungen gebe es einen Spielraum. Man könne die Zeremonie, den Sarg und das Grab individuell gestalten. "Legen Sie an das Grab Gegenstände, die Sie an die verstorbene Person erinnern", empfiehlt Liepold den Angehörigen beispielsweise. Alleine das vorherige Raussuchen helfe bereits beim Prozess des Abschieds. Eine Dame aus dem Publikum pflichtet ihm bei. Sie gibt an, sie sei einmal zu einer Beerdigung gegangen, bei der man das Fahrrad des Verstorbenen, einem passionierten Radfahrer, ans Grab gelehnt hatte. So wurde es geradezu "lebendig und authentisch".

Liepold führt fort, es gebe noch mehr Freiheiten. Wenn man die Verstorbenen nur in Naturfasern kleide, könne man sie selbst waschen und anziehen. Die zeitlichen Vorgaben einhaltend, dürfen Angehörige die Toten auch Zuhause aufbahren und eine traditionelle Totenwache halten. Im Ausland sind neben der Friedhofsbestattung auch andere Aufbewahrungen der menschlichen Überreste möglich. So stehen laut Liepold dort schon häufig Urnen auf dem Fernseher oder es baumeln aus der Asche gepresste Diamanten um den Hals. Auch in Deutschland wird langsam die Sargpflicht gelockert, sodass beispielsweise nicht-christliche Tote im Leichentuch bestattet werden können. In Bremen wurde der Friedhofszwang aufgehoben, sodass bei Windstille die Asche verstreut werden darf. Sogenannte "Online-Friedhöfe" sind für Trauernde, die in räumlicher Distanz voneinander leben, dem Verstorbenen eine Seite zu widmen. Wenn auch virtuell, so sind solche Seiten Orte, an denen Erinnerungen oder Bilder geteilt werden können.

Bei manchen Trends ist Liepold allerdings skeptisch, "ob sie dem Abschiednehmen nicht im Wege stehen." Er könne sich nicht vorstellen, dass die immerzu sichtbare Asche auf dem Fernseher den Hinterbliebenen hilft, loszulassen. Viele im Gemeindesaal nicken bekräftigend.

Insgesamt vermutet Liepold, dass in den kommenden Jahren der Anspruch wächst, die Zeremonien und Gräber individuell zu gestalten. Eine logische Entwicklung: Je vielfältiger und liberaler die Gesellschaft der Lebenden, desto bunter werden auch die letzten Ruhestätten. Denn auch der Abschied ist Teil des menschlichen Lebens.

© SZ vom 23.12.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema