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Fürstenfeldbruck:Hilfe bei der Täterforschung

Franz Emmer

Franz Emmer, Kreisleiter von Fürstenfeldbruck, wurde gegenüber seinen Opfern auch handgreiflich.

(Foto: oh)

Wolfgang Proske legt ein Buch über die Kreisleiter der Nazis vor

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Der NSDAP-Kreisleiter von Fürstenfeldbruck, Franz Emmer, war gefürchtet, weil er seine Opfer ins Büro der Kreisleitung zitierte, anbrüllte und verprügelte oder ihnen mit der Einlieferung ins KZ Dachau drohte. Im Juli 1941 ließ er eine Frau verhaften, die eine Liebesbeziehung zu einem französischen Kriegsgefangenen hatte. Emmer stellte die Frau auf dem Marktplatz an den Pranger, ein Friseur musste sie kahl scheren. Sie bekam ein Schild mit der Aufschrift: "Ich bin eine deutsche Hure", umgehängt.

Als "kleine Herrgötter" bezeichnete Propagandaminister Joseph Goebbels die Kreisleiter der NSDAP. Sie gehörten zum mittleren Parteiestablishment und hatten die Aufgabe, in Städten und Landkreisen darauf zu achten, dass "die gesamte politische, kulturelle und wirtschaftliche Gestaltung aller Lebensäußerungen nach nationalsozialistischen Grundsätzen" ausgerichtet ist, wie es im Organisationshandbuch der NSDAP von 1937 hieß. Die Kreisleiter waren für die ideologische Indoktrination und propagandistische Mobilisierung der Bevölkerung zuständig und gerierten sich vor Ort als "kleine Hitlers", wie Wolfgang Proske schreibt.

Der Sozialwissenschaftler ist Herausgeber der Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" über NS-Belastete. Nun hat er mit einem Buch über die Kreisleiter der Nazis in Bayern eine wichtige Forschungslücke geschlossen. Proske beschreibt in seiner Einführung die Stellung der Kreisleiter in der Parteihierarchie, bevor er in diesem "Gebrauchslexikon für die lokale und regionale NS-Forschung" sämtliche Funktionsträger in den fünf bayerischen Gauen der NSDAP mit Namen, Lebensdaten und Amtszeit aufführt. Proske fordert ausdrücklich zur lokalen Täterforschung auf, und in diesem Sinn kann sein informatives Buch gut genutzt werden.

Zu etlichen Kreisleitern hat Proske kurze Porträts verfasst, nicht über den Brucker Kreisleiter Emmer, was allerdings insofern keine Lücke hinterlässt, als dieser bereits 1988 von der Historikerin Barbara Feit samt seinen Missetaten in einem Aufsatz vorgestellt wurde. Emmer passt in das soziologische Schema, das Proske erarbeitet hat. Die meisten Kreisleiter waren demnach 30 bis 40 Jahre alt, entstammten einem gefestigten Milieu und schlossen sich früh der NSDAP an. Emmer wurde 1893 in Oberlauterbach bei Rosenheim geboren, war kaufmännischer Angestellter und trat um 1920 in die Nazipartei ein. Bei Hitlers Putschversuch zählte Emmer eigenen Angaben zufolge zu jenem Trupp, der am 8. November 1923 zusammen mit General Ludendorff und Hermann Göring den Bürgerbräusaal in München stürmte. Nach dem Verbot der NSDAP betätigt sich Emmer bei den Tarnorganisationen "Völkischer Block" und "Großdeutsche Volksgemeinschaft" und besuchte Hitler zweimal in seinem Luxusgefängnis in Landsberg.

Im Juli 1926 trat Emmer der neugegründeten Nazipartei offiziell wieder bei. Ab 1929 fungierte er als Zellen- und Sektionsleiter in München und zog als Redner durch die Lande. Ein erfolgreicher Auftritt in Alling brachte Emmer im März 1932 den Posten eines ehrenamtlichen Kreisleiters von Fürstenfeldbruck. 1942 übernahm Emmer auf Vorschlag von Gauleiter Paul Giesler in Personalunion die Kreisleitung von Dachau. Der Gauleiter sorgte dafür, dass Emmer, der inzwischen in Bruck wohnte, nun als hauptamtlicher Parteifunktionär sein Einkommen verdiente.

Die Brucker Spruchkammer verurteilte ihn im Entnazifizierungsverfahren als Hauptschuldigen zu sechs Jahren Arbeitslager und Einzug seines Vermögens. Emmer legte Berufung ein, erlangte später eine Wiederaufnahme seines Verfahrens und wurde 1957 vom bayerischen Justizministerium nur noch zu einer Geldstrafe von 500 Mark verurteilt. Inzwischen war der überzeugte Nazi wieder politisch aktiv - bei der Deutsche Reichspartei, einer Vorläuferin der NPD.

Wolfgang Proske, Kleine Herrgötter. Die Kreisleiter der Nazis in Bayern, Kugelberg-Verlag 2021, 81 Seiten, 11,99 Euro.

© SZ vom 12.05.2021
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