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Zweiter Weltkrieg:Wie es Zwangsarbeitern in Fürstenfeldbruck erging

Kriegsgefangenenkommando der Holzstofffabrik (Papierfabrik) Dachau, Zweigstelle Olching

Immer wieder flüchteten Zwangsarbeiter und die Deutschen veranstalteten regelrechte Treibjagden auch im Landkreis. Zu Fahndungszwecken ließ der Leiter der Papierfabrik in Olching Gruppenfotos der Kriegsgefangenen anfertigen.

(Foto: Archiv Klaus Wollenberg)

Ein Historiker hat dazu Unterlagen ausgewertet. Die Arbeitssklaven wurden im Zweiten Weltkrieg schon für geringe Vergehen hart bestraft.

Tausende von Zwangsarbeitern wurden während des Zweiten Weltkriegs in den Betrieben und auf Bauernhöfen im Landkreis eingesetzt, einige waren fast noch Kinder. Manche Bauern und Unternehmer behandelten sie einigermaßen gut und liefen Gefahr, von Nachbarn denunziert und bestraft zu werden. Aber die meisten Zwangsarbeiter traf ein hartes Los. Ihr Schicksal ist anhand von Akten von Polizei, Arbeitsamt und Kreisbehörden sowie einer Aufstellung der amerikanischen Militärregierung einigermaßen gut nachzuvollziehen. Erhalten geblieben ist insbesondere eine Sammlung von Karteikarten mit persönlichen Angaben und Fotos, so dass sich die schiere Zahl in Einzelschicksale auflösen lässt und die Opfer Namen und Gesichter bekommen.

Der Brucker Wirtschaftshistoriker Klaus Wollenberg hat die Unterlagen recherchiert und ausgewertet und die Ergebnisse unlängst bei einer Veranstaltung des Museums Fürstenfeldbruck vorgestellt, die im Rahmen der Ausstellung über die Geschichte der Polizeischule während der NS-Herrschaft stattfand. Für ihn besonders bedrückend seien die Fälle von Jugendlichen und Kindern gewesen, die geschlagen wurden, sagte Wollenberg.

Tobias Weger hat 1998 als erster eine Studie über Zwangsarbeiter in Olching publiziert. Wollenberg hielt damals, als bundesweit über eine Entschädigung der Überlebenden diskutiert wurde, erste Vorträge zum Thema. Weiteres Material tauchte in Entnazifizierungsakten auf. Kurt Lehnstaedt berichtet in einer Studie über die NS-Zeit in Gröbenzell, wie der Chef einer Plattenfirma seine Arbeiter gedemütigt, geschlagen und ausgepeitscht hat.

Im Lauf der Jahre hat Wollenberg nicht nur weiteres Material gesammelt, sondern in seinem aktuellen Beitrag erstmals die wirtschaftliche Bedeutung des sogenannten Fremdarbeitereinsatzes herausgearbeitet. Sein Ausgangspunkt ist die Situation in den 1920er-Jahre, als es um die Landwirtschaft in der Region schlecht stand. Es mangelte an Arbeitskräften, längst hatte die Landflucht eingesetzt. Daran änderte selbst die Weltwirtschaftskrise von 1929 nichts. In den Städten herrschte Massenerwerbslosigkeit, aber zurück aufs Land wollte kaum einer, weil die Arbeit hart und der Verdienst bescheiden war. Selbst die NS-Diktatur änderte daran wenig. Wollenberg zitierte einschlägige Anordnungen, die wohl wenig fruchteten, darunter die Weisung an Unternehmer, Arbeiter zu entlassen, die vorher auf Bauernhöfen beschäftigt waren.

Der deutsche Eroberungskrieg verschärfte den Mangel. Im Mai 1940 klagte Landrat Karl Sepp, er habe 2000 polnische Arbeitskräfte beantragt, aber nur 264 zugeteilt bekommen. Außer Polen wurden anfangs vor allem französische Kriegsgefangene eingesetzt. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 folgten deren Staatsangehörige. Insgesamt wurden mehr als 6200 Zwangsarbeiter im Landkreis eingesetzt, die meisten stammten aus Frankreich, Polen und der Sowjetunion. Deutlich mehr als die Hälfte der Zwangsarbeiter waren in Gewerbebetrieben untergebracht, die demnach überproportional profitierten.

In der Land- und Forstwirtschaft in Fürstenfeldbruck waren vor Kriegsbeginn 1939 mehr als 9200 Einheimische beschäftigt, in Handel, Handwerk, Industrie und Behörden zusammen knapp 8000 Personen. Berücksichtigt man, dass nicht alle Zwangsarbeiter die ganzen Kriegsjahre im Landkreis im Einsatz waren, während ein Teil der deutschen Arbeitskräfte zur Wehrmacht einrückte, machten die Zwangsarbeiter vermutlich zwischen zehn und zwanzig Prozent der Beschäftigten aus. Allerdings erfasst die schiere Zahl nicht die Bedeutung, wie Wollenberg betonte.

Auf dem Bau und in der Industrie hätten manche Firmen und in der Landwirtschaft die großen Güter ohne diese Arbeitskräfte dicht machen können. Die Betriebe mit den meisten Zwangsarbeitern im Landkreis waren die Reichsbahn (990 Menschen), die Baufirma Moll in Olching (405), die Holzstofffabrik in Olching (242), das Betonwerk Hebel in Emmering (200), die Baufirma Hoch in Bruck (72), die Hausmüllfabrik von Harbeck in Puchheim (64), die Brauerei Maisach (46) sowie Gut Roggenstein (85), die Lotzbeckschen Gutsverwaltung Weyhern und das Versuchsgut Puch (je 76) sowie die Güter in Geiselbullach (68) und Graßlfing (61).

Der Wirtschaftshistoriker bevorzugte in seinem Vortrag den Begriff Fremdarbeiter, weil dieser in Deutschland seit dem Kaiserreich üblich war und erst in der Bundesrepublik durch die Bezeichnung Gastarbeiter abgelöst wurde, und auch, weil ein Teil der Arbeitskräfte sich tatsächlich zunächst freiwillig meldete. Wobei Freiwilligkeit ein relativer Begriff ist, wenn die Chancen schlecht stehen, anderweitig den Unterhalt zu sichern.

Obendrein wurden alle in Deutschland einem strikten Reglement unterworfen und diskriminiert, so dass man insgesamt durchaus von Zwangsarbeit sprechen kann. Darauf verweisen die fast 1200 Vergehen, die Polizei und Behörden registrierten. Das Verlassen einer Gemeinde ohne Genehmigung (404 Fälle) und Fluchtversuche machen das Gros der Fälle aus. Besonders drastisch bestraft wurden unterstellte oder reale intime Beziehungen zwischen Ausländern und Deutschen. Deutsche Frauen wurden von den Behörden in Merkblättern davor gewarnt, ihre "Ehre" zu verlieren. Eine Bruckerin landete im KZ Dachau wegen "verbotenen Umgangs" mit einem Franzosen, drei Frauen wurden öffentlich gedemütigt, indem man ihnen den Kopf schor.

Das Landratsamt war möglicherweise an zwei Morden beteiligt. Die Vormundschaftsstelle ließ 1943 die Gendarmerie in Egenhofen hartnäckig gegen eine ledige Bauerntochter ermitteln, die ein Kind entbunden hatte. Sie gestand schließlich, dass es sich bei dem Vater um einen Polen handelte. Der Mann wurde, so vermutet Wollenberg, hingerichtet, die Bäuerin ins KZ Ravensbrück gesperrt, wo sie im Mai 1944 an Lungentuberkulose starb.

Ein nicht aufgearbeitetes und möglicherweise dunkles Kapitel sei ein Entbindungsheim für "Ostarbeiterinnen" in Gernlinden unter Leitung der NSDAP, berichtete Wollenberg. Die Nazis vernichteten die Akten, bevor die US-Truppen anrückten. Von einer ähnlichen Einrichtung in Indersdorf wisse man aber, das dort Babys getötet wurden. Insgesamt wurden im Landkreis zehn Zwangsarbeiter ermordet, entweder in Konzentrationslagern, von der Gestapo oder von der Polizei exekutiert oder "auf der Flucht erschossen", zehn weitere Menschen begingen Selbstmord.

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