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Fürstenfeldbruck:Geheimnisse der Vergangenheit

Bürgerliches Leben in FFB um 1900

Die Aufnahme zeigt die Brüder Georg und Josef Brameshuber mit vier Besucherinnen im Garten in den Zwanziger- oder Dreißigerjahren.

(Foto: Museum Fürstenfeldbruck)

Das aktuelle Amperlandheft beschäftigt sich mit dem Bürgertum und den Erdställen

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Der Ober sticht den Unter trotz allgemeinem Wahlrecht und Rechtsgleichheit. Wer in Bruck das Sagen hatte, zeigt Stadtarchivar Gerhard Neumeier in einem Beitrag im aktuellen Heft der Zeitschrift Amperland. Neumeier hat sich ein Bild über das Bürgertum der Kleinstadt verschafft. Demnach gaben der alte und neue Mittelstand sowie die Honoratioren aus dem Bildungsbürgertum den Ton an. Ein richtig reiches Wirtschaftsbürgertum gab es an der Amper nicht. Ein weiterer Beitrag im neuen Heft beschäftigt sich mit den rätselhaften Erdställen.

Grundlage für die sozialhistorische Auswertung Neumeiers bildeten Adressbücher, Einwohnerliste, Meldedaten und Familienstandsanzeigen. Erstaunlich ist, was ein Historiker, der sein Handwerk versteht, aus dem Material herausfinden kann. Die Stichprobe, auf die Neumeier sich stützt, umfasst 147 Personen. Die größte Gruppe (55) waren die Handwerksmeister, gefolgt vom neuen Mittelstand (41), den kaufmännischen, städtischen und staatlichen Angestellten, Lehrern, Technikern und Werkmeistern, sowie den Händlern (35). Das Bildungsbürgertum fiel mit 16 Angehörigen zu klein aus, um daraus valide Schlüsse zu ziehen.

Die Handwerksmeister waren die wichtigste Gruppe in Bruck, sie waren zugleich Hausbesitzer und gehörten zu den Honoratioren des Ortes, dazu gehörten die Konditoren Brameshuber und Härtl, der Tapezierer Johann Baptist Buck oder der Schneider Heinrich Gerum. Überraschend ist, dass nur ein Viertel von ihnen gebürtige Brucker war, die übrigen hingegen Zugezogene. Noch signifikanter ist die Herkunft bei den Kaufleuten, die zu fast 90 Prozent nicht aus Bruck stammten. Die meisten kamen aus den Bezirken Schwaben, Niederbayern und der Oberpfalz an die Amper, hat Neumeier herausgefunden. Seine Daten belegen ein hohes Maß an Migration in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Was die soziale Mobilität betrifft, hat Neumeier die allgemeine Erkenntnis bestätigt, dass das Bürgertum vor allem erblich ist. Über die Hälfte der Handwerksmeister hatte einen Meister zum Vater. Die Übernahme des Betriebes hatte den unschätzbaren Vorteil, Kosten zu sparen. Die übrigen Handwerksmeister stammten in Bruck aus der besitzenden ländlichen Schicht, also den Bauern, oder aus Handwerker- und Arbeitermilieus.

Die Zahl der Dienstboten, ein bürgerliches Statussymbol des 19. Jahrhunderts, nahm jedoch ab. In der Zeit der Weimarer Republik hatten in Bruck nur noch wenige kleinbürgerliche Haushalte Gesinde, schreibt der Archivar. Zur politischen Einstellung finden sich in dem Aufsatz einige Hypothesen. Alle Fraktionen des Kleinbürgertums orientierten sich zunächst an der katholischen Bayerischen Volkspartei (BVP), bevor viele zur NSDAP überliefen. In 94 Fällen konnte Neumeier die Präferenz ausmachen, 54 von ihnen wurden Mitglieder der NSDAP. 1933 hatten die Nazis im beschaulichen Bruck bei knapp 6 000 Einwohnern etwa 400 Mitglieder. Dann verhängte die Partei eine Aufnahmesperre, um den Zustrom weiterer Opportunisten abzuwehren. Als dieser 1937 aufgehoben wurde, folgte die nächste Eintrittswelle, schreibt der Archivar.

Ein weiterer Beitrag ist den sogenannten Erdställen gewidmet. Dabei handelt es sich nicht um Gebäude für das Vieh, sondern um von Menschen geschaffene unterirdische Systeme aus Gängen und Kammern, deren Ursprung und Bedeutung im Dunkeln liegt. Seit fast 200 Jahren beschäftigen diese Erdställe die Forscher, die das Rätsel aber nicht lösen konnten. In den Jahren 1835 bis 1840 soll eine solche Anlage von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften bei Roggenstein in Emmering ausgegraben worden sein, schreibt Anton Haschner in einem posthum veröffentlichten Aufsatz. Der Indersdorfer Lokalforscher hatte sich jahrzehntelang mit dem Phänomen beschäftigt und die These aufgestellt, die Erdställe stünden mit der frühmittelalterlichen Vorstellung in Verbindung, wonach die Seelen im Hades auf das jüngste Gericht warten. Die Vorstellung vom Fegefeuer setzte sich in der katholischen Kirche erst im Hochmittelalter durch. In dem Beitrag aus seinem Nachlass erwähnt Haschner zehn solcher Erdställe im Landkreis, von denen sechs im Zusammenhang mit einer Kirche stehen.

Die Anlagen bestehen aus Gängen, Treppen, Stufen, Nischen, Trockenmauern, Bohr- und Luftlöchern und münden in Kammern, oft mit Bänken oder Sitzleisten ausgestattet. Sie wurden aus Steinen, Lehm und Sand angelegt und waren nicht mit Stein- oder Ziegelmauern oder einer Holzkonstruktion gesichert. Insgesamt sind etwa 2000 solcher Erdställe in Mittel- und Westeuropa bekannt. Unter Forschern kursieren zwei Thesen zu den rätselhaften Bauten, die einen halten die Erdställe für Relikte heidnischer und vorchristlicher Kulte, die anderen für Zufluchtsstätten und Verstecke der Menschen im Kriegsfall aus dem Mittelalter.

"Amperland - Heimatkundliche Vierteljahresschrift für die Kreise Dachau, Freising und Fürstenfeldbruck", Heft 1, 2021, fünf Euro. Die Hefte können im Buchhandel bestellt werden

© SZ vom 22.04.2021
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