„Sind Ihnen schon mal Falschbehauptungen begegnet?“, fragt Nadia Westerwald, Community-Managerin der Recherche-Plattform Correctiv, in den kleinen Saal des Veranstaltungsforums Fürstenfeldbruck. Die Mehrheit des Publikums hebt die Hand. Westerwald hält deutschlandweit Vorträge, in denen sie Menschen das Faktenchecken und die Arbeit von Correctiv näherbringt. An diesem Abend haben sich etwa 150 Interessierte eingefunden.
Zwischen Fakt und Fälschung zu unterscheiden, kann im Algorithmus-gesteuerten Online-Wust aus Deepfakes und Filterblasen schon mal schwerfallen. Nadia Westerwald ist nach Fürstenfeldbruck gekommen, um zusammen mit Journalistin Sophie Rohrmeier vom Bayerischen Rundfunk Tipps zu geben, wie sich falsche Informationen identifizieren lassen. Unter der Titelfrage „Wem glaubst du noch?“ hatte das örtliche Bündnis für Demokratie die beiden Expertinnen eingeladen.
Dass man auch Bildern längst nicht mehr vertrauen kann, gilt nicht erst seit Einführung der künstlichen Intelligenz. Trotz enormer technischer Fortschritte aber gibt es nach wie vor Anhaltspunkte, an denen man sich orientieren kann, wie Westerwald erklärt. „KI-Fälschungen werden zwar immer besser, es schleichen sich aber häufig kleine Fehler ein“, sagt sie. Dabei könne es helfen, auf den Kontext zu achten. Sie zeigt ein Bild von Papst Leo XIV., wie er am Schreibtisch im Oval Office des Weißen Hauses sitzt. „Das kann nicht so ganz sein, denn da sitzt normalerweise nur der US-amerikanische Präsident“, erklärt Westerwald.
Darüber hinaus entstünden bei Deepfakes häufig auch optische Fehler. „Der Papst sieht hier ein bisschen zu porentief rein aus. Eine zu perfekte Auflösung kann ein Indiz sein“, so die Correctiv-Mitarbeiterin weiter. Bei Videos sei die Aussprache häufig etwas zu klar. Auch bei Schrift im Hintergrund werfe die KI nicht selten einiges durcheinander. Das Bild des Papstes zeigt einen Buchstabensalat auf der Flagge der Vereinigten Staaten.

Beim Correctiv-Faktenforum oder dem Format „Faktenfuchs“ vom Bayerischen Rundfunk kann man vermeintliche Falschbehauptungen einsenden und prüfen lassen. Anschließend nehmen die Redaktionen professionelle Faktenchecks vor. Beide sind Mitglied im International Fact Checking Network (IFCN), einer unabhängigen Qualitätskontrolle für Medien, die Faktenchecks betreiben, mit Sitz in Florida in den USA. Das IFCN wurde 2015 als Abteilung des gemeinnützigen Poynter Institutes gegründet. Es definiert strenge Standards für Faktenchecks und zertifiziert Redaktionen, die diese erfüllen.
„Die Themen müssen aber schon eine gewisse Relevanz haben. Wir wollen Falschinformationen ja nicht größer machen als sie sind“, sagt Sophie Rohrmeier vom BR. Außerdem könne das Team natürlich nicht jeder Fährte nachgehen. Das Format wurde 2017 vom Nachrichtensender BR24 gegründet. Die Recherchen werden regelmäßig in verkürzter Form im Radio gesendet und sind auch online im Programm der Bayern 2-Radiowelt verfügbar.

Die Idee, die beiden Expertinnen für die Veranstaltung nach Fürstenfeldbruck einzuladen, hatte Bernd Heilmeier, der sich unter anderen mit Katrin Rizzi und Dorothee von Bary im Brucker Bündnis für Demokratie engagiert. Dieses wurde während der „Nie wieder ist jetzt“-Proteste gegen den Rechtsruck 2024 gegründet und setzt sich nach eigener Zielsetzung vorrangig für eine lebendige Demokratie ein.
Seit dem ersten Wahlkampf Donald Trumps 2015 wabern die „Fake News“ als Begriff durch die Debatten. Wofür der Ausdruck verwendet wird, sieht Journalistin Rohrmeier teilweise als problematisch. „Wenn man Nachrichten aus Qualitätsmedien vor sich hat, dann sind das in der Regel keine Fake News“, erklärt sie. Die Falschbehauptungen, die sie mit ihrer Redaktion überprüften, zirkulieren eher auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram.
Ein großes Problem sind die intransparenten Algorithmen der Tech-Riesen
Nadia Westerwald von Correctiv weist noch auf ein anderes Thema hin: die intransparenten Algorithmen. „Eigentlich weiß niemand, wie die genau funktionieren, außer den Tech-Riesen selbst.“ Meta hat in den USA die Zusammenarbeit mit Faktencheck-Organisationen 2025 beendet. In Deutschland überprüft Correctiv in einer Kooperation mit Meta weiterhin potenziell falsche oder irreführende Facebook-Inhalte. Mit den Plattformen X oder Youtube sei die Zusammenarbeit schwerer.
Nicht selten werde den Faktencheckerinnen Meinungsmache unterstellt, sagen sie. Deshalb sei es wichtig, zwischen überprüfbaren Tatsachenbehauptungen und Meinungen zu unterscheiden. „Meine Meinung ist, dass wir zu viele Steuern zahlen. Ein Fakt ist, dass die Abgabenlast in Deutschland bei 36 Prozent liegt“, sagt ein Zuhörer. „Diese Zahl können wir gerade nicht überprüfen“, entgegnet Rohrmeier mit einem Augenzwinkern.
Falschinformationen erzeugen häufig starke Emotionen
Im Gegensatz zu Meinungen ließen sich Tatsachenbehauptungen bestätigen oder falsifizieren. Die Redaktionen arbeiten dabei nach dem Sechs-, Acht- oder Zehn-Augen-Prinzip. Recherchen würden mehrfach überprüft, es werde rigide redigiert. Primärquellen sollen genannt und verlinkt werden, damit Leser das Geschriebene nachvollziehen können.
Für einen vernünftigen Diskurs sind Falschinformationen mindestens bedenklich. Meistens gehe es überhaupt nicht darum, Menschen zu überzeugen, sondern Angst auszulösen, so Rohrmeier. Das bringe nämlich die meisten Klicks. Sie rät deshalb zur Vorsicht: „Wenn ich merke, etwas macht mir große Angst oder aber eine Nachricht gefällt mir ein bisschen zu gut, dann sollte man wachsam werden.“
In den USA hat Meta die Zusammenarbeit mit Faktencheck-Organisationen 2025 beendet. In Europa setzt der Konzern das Programm auch dieses Jahr fort. In Deutschland kooperiert unter anderem Correctiv mit Meta, um (Falsch-)Behauptungen, die über Facebook verbreitet werden, einzuordnen. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

