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Fürstenfeldbruck:Erinnerung 2.0

Bis zum 50. Jahrestag des Olympiaattentats von 1972 soll digital erfahrbar werden, was damals auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck geschah. Geplant sind eine Webseite und eine neuartige App

Von Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Es ist keine unlösbare Aufgabe, die Silke Seiz am 1. April dieses Jahres übernommen hat. Aber diese Aufgabe ist seit ihrem Anfang im Referat Regionalmanagement des Landratsamtes durch Corona und die Folgen etwas kniffliger geworden. Silke Seiz, Jahrgang 1967, darf in den kommenden Jahren einen Ort der Erinnerung an die Opfer des Olympiaattentats von 1972 erschaffen, den es als echten Ort bereits lange gibt und den sie bis in spätestens zwei Jahren in digitaler Form entstehen lassen möchte. Den alten Tower im Fliegerhorst, um den es geht, hat sie selbst noch gar nicht gesehen. Die Bundeswehr lässt Seiz und ihre Mitarbeiter wegen Corona nicht in den Fliegerhorst.

Am 5. September 2022 wird es 50 Jahre her sein, dass palästinensische Terroristen während der Olympischen Spiele in München die israelische Mannschaft überfielen, zwei Sportler in ihren Quartieren an der Conollystraße umbrachten, neun Israelis als Geiseln nahmen und mit ihnen in einem Flugzeug ausgeflogen werden wollten. Diese Maschine wurde im Fliegerhorst Fürstenfeldbruck bereitgestellt. Sie sollte aber nicht abheben, weil die bayerische Polizei die Geiseln befreien wollte. Dieses Unterfangen scheiterte. Die israelischen Sportler und ein bayerischer Polizeibeamter kamen bei dem Befreiungsversuch gewaltsam ums Leben.

Bruck: Kultur-Rundfahrt des Landratsamtes / LRA - Fliegerhorst Fuersty

Fliegerhorst Fürstenfeldbruck: Die Erinnerung an die Opfer des Olympiaattentas soll nicht in Vergessenheit geraten.

(Foto: Johannes Simon)

Bis zum 5. September 2022 will Silke Seiz es geschafft haben, dieses menschlich schreckliche und politisch weitreichende Attentatsgeschehen an einem digitalen Erinnerungsort nachzuzeichnen. Seiz selbst hat zu Olympia 1972 keine persönlichen Beziehungen oder Erinnerungen, sie war damals fünf Jahre alt und hat von der Geschichte erst viel später erfahren. Aber sie hat die Nachwirkung erkannt, die die Ermordung israelischer Sportler in München und Fürstenfeldbruck immer noch hat, insbesondere auch dadurch, dass der Landkreis Fürstenfeldbruck die Erinnerung an die Ereignisse wachhält.

Seiz, die aus dem Südhessischen stammt, BWL studiert hat und inzwischen mit Mann und drei Kindern am Ammersee wohnt, hat sich der Aufgabe nicht von der historischen Seite genähert. Sie soll das Projekt eines Erinnerungsortes steuern, sie soll es in der Öffentlichkeit verankern und sie soll vor allem die notwendigen Mittel dafür akquirieren. Denn das, was der Landkreis vorhat, soll nicht die Fortsetzung einer eindimensionalen Ausstellung mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen und Erklärtext werden, sondern ein zunächst digitaler Erinnerungsort auf einer Webseite. Zusätzlich wird eine App entwickelt. "Angesprochen werden soll vor allem die jüngere Generation", sagt die Projektbeauftragte. Bildung ist das Schlüsselwort in diesem Zusammenhang und für Seiz auch ein Stichwort zu ihrer eigenen Biografie. Sie hat Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Tourismus und Sprachen studiert und einen guten Teil ihres Berufslebens im Bildungsbereich verbracht. Zuletzt als Projektleiterin in der Erwachsenenbildung im Landkreis Weilheim, davor auch im Lern-Coaching für Kinder und Jugendliche. Die Projektarbeit kennt sie, seit sie als Finanzreferentin für den thüringischen Landesverband des Bundes Naturschutz tätig war.

Projektleiterin Silke Seiz

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Auf der Grundlage des vorgefundenen Konzepts für die Erinnerungsarbeit hat Seiz drei wichtige Bestandteile eines digitalen Erinnerungsortes identifiziert. Denn so lange es keinen physischen Zugang zum authentischen Ort, dem Tower und seinem Umfeld gibt, soll es zu den ohnehin vom Landkreis organisierten Veranstaltungen zum Thema Olympiaattentat eine digitale Möglichkeit geben, sich mit der Geschichte des Anschlags auseinanderzusetzen. Silke Seiz und ihr kleines Team möchten eine Webseite erstellen lassen mit den vier Schwerpunktthemen "Gedenken", Erinnern", "Zurückblicken" und "Mahnen". Eine App soll auf der Seite integriert werden, aber auch für mobile Endgeräte verfügbar sein. Zusätzlich ist eine Strategie in den sozialen Medien geplant.

Facebook, Instagram, YouTube und Twitter sollen dabei möglichst viele Generationen weltweit erreichen. Um global verständlich zu machen, worum es dem Landkreis Fürstenfeldbruck in seiner Erinnerungsarbeit geht, soll die Seite in mehrere Sprachen übersetzt werden. Mindestens in Englisch, Hebräisch und Arabisch, ob auch in Französisch, sei noch nicht geklärt, sagt Seiz.

Die Hauptzielgruppe ist die junge Generation, die zeitlich wie auch inhaltlich am weitesten von den Themen Olympiaattentat 1972 und palästinensischer Terror entfernt ist. Geht es doch vor allem darum, die Erinnerung an die Opfer so lange wie möglich zu erhalten. Der wesentliche Bildungsansatz dabei ist im vierten der vier Projektelemente enthalten. Das ist die Mahnung zum Frieden und zur Aussöhnung. Jungen Menschen, die sich für die Ereignisse von 1972 interessieren oder die vielleicht im Unterricht damit bekannt gemacht werden, sollen mit den ihnen geläufigen technischen Möglichkeiten davon erfahren, wie der 5. September auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck ablief, was dazu führte, dass es so weit kam und welche Folgen das Attentat hatte. Augmented Reality heißt das technische Stichwort, das Seiz in ihrem Projektplan aufgeschrieben hat, und in dieser "erweiterten Wirklichkeit" soll es möglich sein, sich virtuell durch Räume zu bewegen und stets die notwendigen Informationen zu bekommen, die nötig sind, um das Geschehen zu verstehen.

AR-App

Augmented Reality heißt übersetzt Erweiterte Wirklichkeit und bedeutet für Nutzer einer AR-App ein zusätzliches sichtbares und meist auch hörbares Erlebnis. Vorbild für die in Fürstenfeldbruck geplante AR-App zum Olympiaattentat könnte die App sein, die die KZ-Gedenkstätte Dachau in diesem Jahr veröffentlicht hat. Dem Besucher wird die Möglichkeit gegeben, mithilfe der App auf Smartphone oder Tablet am authentischen Ort zusätzliche Bilder zu sehen. Nachgezeichnet wird so der Tag der Befreiung am 29. April 1945. Beim Blick durch die Kamera werden historische Schwarzweißaufnahmen eingeblendet, die so einen Eindruck vermitteln sollen, wie der Tag im Konzentrationslager ablief. Zu jedem Bildereignis gibt es auch eine gesprochene Erklärung. ecs

Den Inhalt dafür liefern Historiker, ebenfalls jüngere Menschen, die noch nicht weit von der Generation entfernt sind, die diese Bildung erfahren soll. Seiz will ausdrücklich die emotionale Ebene erreichen, um das Bildungskonzept umzusetzen. Und dazu dienen sollen auch historische Fotos und erklärende Texte. Im digitalen Erinnerungsort werden aber auch Zeitzeugen ihre Erlebnisse schildern, entweder in einer Tonaufnahme oder in Video-Interviews.

Es kommen also Menschen zu Wort, deren eindrückliche und nahegehenden Schilderungen alle diejenigen schon erlebt haben, die seit längerem die Erinnerungsarbeit des Landkreises verfolgen. In der digitalen und immer komplexer werdenden Welt vielleicht die einzige Möglichkeit, mit dem Erzählen erinnern, gedenken, zurückblicken und mahnen zu können.

www.erinnerungsort-fuerstenfeldbruck1972.de

© SZ vom 31.10.2020/ecs
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