Fürstenfeldbruck Erfahrungsbericht aus der Asylunterkunft

Jeanne-Marie Sindani erzählt in ihrem Buch die Schicksale von Flüchtlingen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Jeanne-Marie Sindani hat ein Buch über die Menschen in der Brucker Erstaufnahme sowie die Hintergründe von Flucht und Migration geschrieben

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Zara leidet ständig unter Bauchschmerzen. Sobald sie in einen Spiegel blickt, halluziniert sie bewaffnete Männer im Hintergrund, wie jene Banditen, die sie nahe ihrem Heimatort bei Aleppo kidnappten. Wochenlang wird sie mit anderen jungen Frauen zusammen festgehalten, misshandelt und gedemütigt. Ihr drei Monate altes Baby stirbt, Verwandte bezahlen ein Lösegeld, sie flüchtet. In der Erstaufnahme in Fürstenfeldbruck erfährt sie, dass ihr Mann ertrank, als ein überfülltes Boot in der Ägäis kenterte.

Mike ist in Libyen aufgewachsen, sein Vater war dort ein erfolgreicher Geschäftsmann. Als das Land zur Beute von Islamisten und Banden wird, will die Familie nach Nigeria flüchten. Eines Nachts dringen uniformierte Männer in ihr Haus ein, misshandeln die Mutter und verschleppen ihn und seine Geschwister in ein Lager. Drei Monate wird er von den Banditen regelmäßig mit Holzbrettern und Metallstangen geschlagen, die Mädchen und einige Jungs werden immer wieder vergewaltigt.

Es sind zwei von vielen Geschichten, die Jeanne-Marie Sindani in ihrem Buch "Gestrandet im Paradies" aufgeschrieben hat. "Was sich ereignet, ist ein humanitäres Drama", sagt sie. Junge Eritreer werden im Sudan von Organhändlern ausgeweidet, viele Nigerianerinnen enden als Zwangsprostituierte. Von den weltweit etwa 68 Millionen Flüchtlingen schafft es nur ein Bruchteil in ein Europa, das sich längst abschottet und das Mittelmeer in ein Massengrab verwandelt hat.

Sindani hat als Asylberaterin der Caritas zwei Jahre lang im Erstaufnahmelager am Fliegerhorst gearbeitet und möchte den Geflüchteten eine Stimme geben. Die Caritas hat die Herausgabe ihres Buches unterstützt, ein Zeichen dafür, dass Kirche und Verband "uneingeschränkt an der Seite dieser Menschen stehen in Zeiten, in denen fünf Asylbewerber an der Grenze als nationale Bedrohung gedeutet werden", sagte Adelheid Utters-Adam, die langjährige Pressesprecherin, bei der Vorstellung am Dienstag im Brucker Caritaszentrum.

Sindani wurde 1965 in der heutigen Demokratrischen Republik Kongo geboren und studierte Pädagogik, Volkswirtschaft und internationale Beziehungen dort, in Deutschland und Kanada, wo sie ihren Abschluss machte. Sie ist Präsidentin einer Exilorganisation von Kongolesen und Mitglied im Kreisvorstand der CSU. In ihrem Buch beschreibt sie die kleinen und großen Schikanen, denen Flüchtlinge ausgesetzt sind, die Ängste und die Verzweiflung. Für vieles ist die CSU als Regierungspartei verantwortlich, für die restriktive Vergabe von Arbeitsgenehmigungen etwa der Kreisvorsitzende, Landrat Thomas Karmasin, wie Helferkreise immer wieder moniert haben. Aber auf der Pressekonferenz mag sie keine Kritik aufkommen lassen. "Ich werde als Schwarze in der CSU wahrgenommen und respektiert", sagt Sindane. Und Rassismus sei ein allgemeines Phänomen in Deutschland. Sie wolle, dass die Leute anfangen zu verstehen.

Ihr Buch ist dafür gut geeignet, weil es viele Aspekte beleuchtet: Zahlen über das Ausmaß der Katastrophe und Einzelschicksale, die Zerstörung von Menschen, das Asylverfahren mit seinen Wirrungen, Perspektivlosigkeit, Frust und Wut, aber auch Hoffnung und Widerstandsgeist. Wie bei den drei afghanischen Mädchen, die etwas lernen wollen, um später zuhause für die Gleichberechtigung der Frauen einzutreten. Sidani schildert Details, Nickligkeiten, Klagen über das Essen. "Europäer jammern im Ausland, weil es ihnen zu scharf ist. Menschen aus Afrika oder dem Nahen Osten schmeckt es hier manchmal einfach nicht", sagt Sindani. Der Durchschnittsrassist ereifert sich, dabei ist es kein Menschenalter her, dass Urlauber Kartoffeln zum Teutonengrill mitschleppten, weil sie Pizza, Pasta und Olivenöl fürchteten.

Sie will Hintergründe und Geschichte vermitteln. Ein Beispiel ist Kongo, ein Land, das die belgischen Kolonialherren im Namen europäischer Zivilisation zu Hölle machten. Es wird heute von Warlords beherrscht, die mit Konzernen davon profitieren, dass Kindersklaven Metalle aus dem Boden kratzen, ohne die kein Smartphone oder Elektroauto funktionieren würden. "Wir dachten, nach der Kolonialzeit wird alles besser, aber das System von Ausbeutung, Gewinnmaximierung und Zerstörung, der Vertreibung von Menschen, wird immer brutaler", sagt Sindani. Ihre Parteifreunde könnte sie fragen, wie das mit der Männerfreundschaft zwischen Franz-Josef Strauß und Diktator Mobutu Sese Seko war. Denn ohne Helfer aus dem Westen hält sich kein korruptes Folterregime über Jahrzehnte hinweg.

Jeanne-Marie Sindani: Gestrandet im Paradies. Erfahrungen aus der Caritas-Asylberatung. Freiburg 2018, 145 Seiten