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Fürstenfeldbruck:Die zwei Seiten der Wende

Von den Folgen der Wiedervereinigung der beiden Deutschlands weiß die Schweizer Soziologin Yana Milev zu berichten.

(Foto: Cynthia Seidel)

Soziologin Yana Milev beschäftigt sich mit den Folgen der Wiedervereinigung. In der aktuellen Treuhand-Ausstellung in Fürstenfeldbruck stellt sie ihr Buch vor

Von Cynthia Seidel, Fürstenfeldbruck

Für viele Bürger der ehemaligen DDR sind die negativen Folgen der Wende auch noch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung deutlich zu spüren. Das sagte die Schweizer Soziologin Yana Milev am Dienstag anlässlich der Treuhand-Ausstellung in der Fürstenfeldbrucker Stadtbibliothek. Während der Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern, des Sozialforums Amper und der Stadtbibliothek in der Aumühle stellte Milev ihr neues Sachbuch "Das Treuhand-Trauma - Die Spätfolgen der Übernahme" vor. Die 56 Jahre alte Soziologin, geboren in Leipzig und aufgewachsen in der DDR, löste mit ihren radikalen Thesen das Publikum zur angeregten Diskussionen an.

Milev hat vieles selbst miterlebt. So schreibt sie auf der ersten Seite ihres neuen Buches: "Ich bin Opfer", "Ich wurde observiert und verfolgt. Physisch und psychisch. Ich erfuhr Unrecht." Sie gehöre zu einer "marginalen Minderheit von Ostdeutschen". In der Lesung sagt sie dazu, dass der "Bohei" über die Wiedervereinigung sowohl mit ihren Erfahrungen, als auch mit denen vieler anderer ehemaliger DDR-Bürger nicht zusammenpasse.

So werde die Wende und damit im Zusammenhang stehende Daten, wie die erste freie demokratische Wahl der Volkskammer der DDR am 18. März 1990 bis heute glorifiziert. Welche negativen Folgen die Wiedervereinigung für die damaligen DDR-Bürger mit sich zog, würde hingegen meist nicht aufgeführt, so Milev. Selbstmorde oder sogenannte "Deaths of Despair", also Tod aus Verzweiflung, gestiegene Arbeitslosigkeit und die noch bis heute andauernde Diskriminierung Ostdeutscher seien außer Acht gelassen oder würden schlichtweg vergessen, ergänzt die Soziologin.

Der Grund für diese negativen Folgen: Alles sei zu schnell gegangen. Die BRD habe die DDR mit ihren Vorstellungen eines demokratischen Rechtsstaates überrollt, so Milev. Dennoch sollte man die lang anhaltende Sehnsucht nach einem vereinten Deutschland bei einigen, wenn nicht sogar der Mehrheit der damaligen DDR-Bürger, im Zusammenhang mit der Schnelle der Wiedervereinigung betrachten.

Milevs Vortrag beeindruckt das Publikum, es kommen in der anschließenden Diskussion einige Fragen auf. In ihren Antworten hält die Wissenschaftlerin und Publizistin mit ihrer Meinung zur damaligen Situation und zur derzeitigen Regierung nicht hinterm Berg. Die Volkskammer, die am 18. März 1990 gewählt wurde, ist für Milev keine Volkskammer wie die früheren mehr, denn zum einen habe das Volk die Menschen, die in der Kammer saßen, nicht mehr gekannt. Zum anderen sei es eine klerikale Kammer gewesen, da die Mehrheit der gewählten Politiker einen theologischen Hintergrund besessen habe.

Die Mehrheit habe der "Allianz für Deutschland", der "AfD", wie Milev sie nennt, innegewohnt. Dies war der Zusammenschluss der CDU, der DSU und der DA. Es sei die Wunschregierung des damaligen westdeutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl gewesen.

Auch zu zweifeln sei an der Korrektheit der damaligen Wahl. "Es waren allein die gewählten ostdeutschen Volksvertreter eines pro-westlichen Parlamentes, die über die Zukunft der DDR entschieden", sagt Milev. Denn der Wahlkampf der Ost-CDU in der DDR sei durch die Unterstützung des Westens gar völkerrechtswidrig gewesen. Die Krimkrise und den damit im Zusammenhang stehenden Einfluss Russlands auf die damalige ukrainische Halbinsel - eine für Milev ähnliche Situation - habe Deutschland 2014 so eingeordnet.

Außerdem beteuert die Soziologin, dass man in der DDR mehr Presse- und Meinungsfreiheit gehabt habe, als derzeit, denn seit dem Rundfunkstaatsvertrag von 1991 habe man gar keine mehr. Die der DDR sei durch den Aufkauf aller ostdeutschen Zeitungen von Investoren aus dem Westen abgeschafft wurden. "Rechtsstaat und Gewaltenteilung haben nie stattgefunden", ergänzt Milev. Aus dem Publikum bekommt Milev anfangs viel Zustimmung. Eine Frau, die sich als Bürgerin der ehemaligen DDR bezeichnet, dankt ihr für die Aufdeckung und der sonst verschwiegenen Fakten und erteilt ihr einen Aufklärungsauftrag für die folgenden Generationen. Danach meldet sich ein älterer Herr, der noch vor 1945 geboren wurde, zu Wort. Er sei selbst Bürger der DDR gewesen und der Auffassung, dass die Soziologin die Situation in der DDR im Jahr 1989 nicht realistisch darstelle. Zwar sei vieles in der Schnelle der Wiedervereinigung einfach übergestülpt wurden, aber eine Situation weiterzuführen, wie sie 1989 in der DDR bestand, dass wäre für ihn undenkbar gewesen.

Das Land - die DDR - sei zerrüttet und zerschlagen gewesen. Von Demokratie und Freiheit könne nicht die Rede sein, wenn man sich beispielsweise die Restriktionen in den Betrieben und Verwaltungen vornehme bezüglich des Kontaktverbotes zu Verwandten in Westdeutschland. Seine Ansicht nach habe es viele gute Gründe gegeben, warum es zur Wende kam.

Milev gelingt es zwar, die spürbaren Folgen der Wende aufzudecken, doch nicht objektiv beide Seiten zu beleuchten, sondern sie legt ihren Fokus auf die negativen Folgen der Wende. Die Objektivität, auf die eine Wissenschaftlerin bedacht sein sollte, scheint von ihren persönlichen Erfahrungen bezüglich der Wiedervereinigung verzerrt zu sein.

© SZ vom 03.09.2020

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