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Hitler-Satire:Die Komik des Fanatismus

NBB

Gerhard Jilka brilliert als Hitler, seine abgehackt schaurige Rhetorik erinnert an das Original.

(Foto: Günther Reger)

Mit der Aufführung der Bühnenversion der Hitler-Satire "Er ist wieder da" gelingt der Neue Bühne Bruck eine ungewöhnliche Inszenierung, die auch zeigt, wie leicht sich Menschen verführen lassen

Adolf Hitler soll gerne gescherzt haben. In Kriegszeiten weniger als in den Erfolg versprechenden Jahren zuvor. Doch auch dann habe er sich noch oft einen Spaß auf Kosten anderer, am liebsten seines Luftwaffenchefs Hermann Göring, gemacht. So beschreibt es zumindest Hitlers ehemaliger Leibwächter Rochus Misch in seinem Enthüllungsbuch. Dass auch die Figur Hitler selbst lustig sein kann, wissen wir genau. Der kontroverse Roman "Er ist wieder da", den Timur Vermes 2012 veröffentlichte, ist schließlich nicht die erste gelungene Hitler-Satire. Allerdings ist er eine der besten. So wie auch die gleichnamige Bühnenadaption von Frank Piotraschke nach der Spielfassung von Patrick Schimanski zu den herausragenden Inszenierungen gehört, die die Neue Bühne Bruck in den vergangenen Jahren gezeigt hat.

Gerhard Jilka spielt den aus nicht genannten Gründen im Jahr 2011 wiedererwachten Hitler, der sich nach einigen Startschwierigkeiten - der Bunker ist weg, die Uniform schmutzig - eine neue Anhängerschaft in der Berliner Medienlandschaft aufbaut. Weil wir alle im Grunde Nazis sind? Nein, weil ihn jeder für einen talentierten Hitler-Imitator und Komiker hält. Ernst kann er die Uniform und das Gerede über Untermenschen schließlich nicht meinen. Denn das sagt ja heute keiner ungestraft. Es sei denn, er ist Fernsehstar.

Jilkas Hitler ist brillant, als Figur unfreiwillig zum Totlachen komisch und doch schwingt der Fanatismus, der die Welt ins Unglück stürzte, bei jeder Silbe seiner abgehackten und schaurig an das Original erinnernden Rhetorik mit. Schwer wird einem das Zuschauen nicht gemacht, dafür ist der Humor hinter dem Plot zu raffiniert. Allerdings zeugt es von einem hohen Maß an ironischer Selbstreflexion, wenn der Ex-Führer dem Kioskbesitzer, der ihm den Kontakt zu dem Fernsehproduzenten Joachim Sensenbrink vermittelt, empört die Frage stellt: "Sehe ich etwa aus wie ein Verbrecher?"

Die Raffinesse von Regisseur Piotraschke zeigt sich bereits in der treffsicheren Selektion von Szenen, wodurch ein 400-Seiten-Roman zu einem nur 75 Minuten dauernden Bühnenstück komprimiert wird. So erlebt Hitler in der Blitzreinigung Yilmaz sein erstes Selfie mit dem Sohn des türkischen Inhabers, der ihn für die "Stromberg"-Parodie in Hitler-Optik aus der Comedy-Sendung "Switch" hält. Konfrontiert mit einer Fernsehkochshow stellt er entsetzt fest, dass eines der besten Propagandamittel heute für Anleitungen zur Herstellung von Lauchringen verschwendet wird. Und als Sensenbrink ihn fragt, ob er mit 56 Jahren noch nie in Amerika war, antwortet er kleinlaut: "Ich hatte es ernstlich vor."

Dass diese Interaktionen so wunderbar funktionieren, ist den drei weiteren Darstellern Silvie Stollenwerk, Tim Freudensprung und Florian Mairhofer zuzuschreiben. Bei der naiven Freude, die Stollenwerk als Hitlers neue Sekretärin Vera Krömeier ausstrahlt, als dieser ihr Tipps für den perfekten Hitlergruß gibt, wird einem ganz mulmig, veranschaulicht dies doch, wie leicht sich die Menschen unverändert um charismatische Anführer scharen lassen. Abgebrüht und quotengeil und doch nicht weniger blind bezüglich des wahren Wesens Hitlers ist Stollenwerk als Chefin der Produktionsfirma Carmen Bellini. Tim Freudensprung hat seinen großen Moment als türkischer Fernsehcomedian Ali Wizgür, in dessen Show Hitler einen Gastauftritt bekommt. Sein Wutausbruch, weil Hitlers improvisierte Hassrede gegen Ausländer - "Der Deutsche der Gegenwart trennt seinen Müll besser als seine Rassen" - nicht ins Programm passt, ist bis in den spitzesten Schrei und den hochroten Kopf fantastisch. Florian Mairhofer spielt mitunter den entmoralisierten Mediensnob Sensenbrink, der in dem scheinbar falschen Hitler besonders die potenziellen You-Tube-Klicks sieht.

Eingeschoben werden immer wieder Hitlers Monologe, ernste politische Reflexionen über das Deutschland des 21. Jahrhunderts. Natürlich wird trotzdem gelacht, wenn er von der Absage an Großraumbüros zum Angriff auf Russland kommt. Was Frank Piotraschke aus dem heiklen Stoff gemacht hat, ist unanstrengend ohne seicht zu sein und driftet als Satire nie in die Veräppelung ab. Herausgekommen ist ein Hitler, der Spaß macht, während einem dennoch ganz anders wird, wenn er zu nah an einem vorübergeht.

Die nächsten Aufführungen von "Er ist wieder da" an der Neuen Bühne Bruck sind an diesem Samstag (25. April) um 20 Uhr und am Sonntag (26. April) um 19 Uhr; Karten unter: 08141/18589.