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Erstaufnahmestelle im Fliegerhorst:Die Ängste der Nachbarn

Nachbarn (hier bei der Versammlung am Dienstag mit Landrat Thomas Karmasin) hoffen, dass künftig weniger Asylbewerber durch ihre Siedlung laufen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Anwohner zwischen Fliegerhorst und Gewerbegebiet fühlen sich bedroht von Asylbewerbern, die auf dem Weg zu Supermärkten und der Bushaltestelle ihre Siedlung queren. Belege für Übergriffe gibt es nicht

Weil sich Bewohner der zwischen Fliegerhorst und Gewerbegebiet gelegenen Siedlung von den Bewohnern der Asyl-Erstaufnahmestelle belästigt fühlen, wird die Bushaltestelle an der Eschenauerstraße an die Fliegerhorst-Pforte verlegt. Bei einer vom Landratsamt einberufenen Anliegerversammlung nutzten am Dienstagabend viele der etwa 70 Besucher die Gelegenheit, um ihrem Ärger Luft zu machen, aber auch ihre Angst vor Straftaten vorzubringen. Der Polizei und den Behörden freilich sind bislang keine größeren Probleme außerhalb der Einrichtung bekannt geworden.

Viele der bis zu 600 Bewohner der Unterkunft am Rande des Fliegerhorsts halten sich offenbar tagsüber und auch abends westlich der Straße der Luftwaffe, im Bereich rund um die Kögelstraße und Günther-von-Maltzahn-Straße, auf. Wohl auch deshalb, weil der kürzeste Fußweg von den Gebäudetrakten rund um das frühere Unteroffiziersheim der Bundeswehr zur nächstgelegenen Bushaltestelle an der Eschenauerstraße sowie zu den Discountern an der Maisacher Straße quer durch die kleine Siedlung verläuft.

In emotionsgeladenen Wortmeldungen zeichnen Bewohner ein Bild von vermüllten Wegen, Gärten und Grünanlagen sowie oftmals alkoholisierten, bedrohlich wirkenden Gruppen von Asylbewerbern, die ihre Notdurft schon mal am Wegesrand verrichten. So schildert eine junge Frau unter Tränen, dass ihr einmal zwei farbige Männer bis vor die Haustür gefolgt seien. Der Wortführer der Nachbarn, der nicht namentlich genannt werden will, schildert ebenfalls eine aus seiner Sicht sehr bedrohliche Situation. Eine verbale Auseinandersetzung mit einem Asylbewerber, den er zurecht gewiesen hatte, wäre um ein Haar eskaliert. Viele Asylbewerber seien bis in die späten Abendstunden sehr laut und manchmal mit viel Gepäck durch die Siedlung unterwegs, heißt es. Und Mütter hätten große Bedenken, ihre Kinder unbeaufsichtigt zu lassen oder alleine mit dem Bus zur Schule zu schicken. "Wir halten das bald nicht mehr aus, da muss endlich etwas gemacht werden", sagt eine Frau. Ein anderer Anwohner ergänzt, man habe 40 Jahre in einem ländlich anmutenden Umfeld sehr ruhig gelebt und wolle Einbußen beim Lebensstandard nicht hinnehmen. Es soll Fälle sexueller Belästigungen gegeben haben, die sich bislang freilich nicht belegen lassen. Frauen und Mädchen würden "angebaggert oder auch mal angegrapscht". Noch sei nichts wirklich Gravierendes passiert, räumt ein Mann ein und betont das "noch" vielsagend. Eine Mieterin berichtet von einer Schlägerei unter acht Asylbewerbern vor ihre Wohnanlage und wirft der Polizei vor, "erst 25 Minuten nach dem Anruf" eingetroffen zu sein - als die Männer längst verschwunden waren.

Einen Vorwurf, den Brucks Polizeichef Walter Müller mit Blick auf die personell angespannte Situation der Inspektion nicht einfach zurückweisen will. Gleichwohl ist Müller der Überzeugung, dass es einen Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Gefahr gibt. Seit die Erstaufnahmestelle im Oktober eingerichtet wurde, habe es nur drei Beschwerdeanrufe gegeben. Außerhalb der Unterkunft seien "keine Übergriffe auf die Bevölkerung" und auch kein Fall von Prostitution registriert worden. Weil die Discounter vermehrt Detektive einsetzen, ist die Zahl der gemeldeten Ladendiebstähle zwar gestiegen. Doch auch die Quote der von ihnen ertappten Diebe mit deutschem Pass ist deutlich gestiegen. Einschätzungen, die Florian Schlämmer, bei der Regierung von Oberbayern für die Erstaufnahmestellen zuständig, bestätigt. In ganz Oberbayern habe es einen Fall einer versuchten Vergewaltigung gegeben, darüber hinaus lediglich die bei einer Unterbringung so vieler Menschen unterschiedlicher Religion und Kultur auf engem Raum nicht gar so überraschenden Handgreiflichkeiten innerhalb der Einrichtungen. Schlämmer zeigt sich "erschüttert, dass Sie so massive Ängste haben". Für ihn sei diese Erfahrung neu. Martin Deutsch, Koordinator der ehrenamtlichen Asylhelfer in Fürstenfeldbruck, wohnt selbst etwas weiter südlich in einem Haus nahe dem Ehrenmal der Luftwaffe. Auch ihn haben die Berichte, wie er später der SZ sagt, überrascht. Manches schaukele sich durch Gerüchte aber auch hoch. Der 50-Jährige appelliert an die Bewohner, die Asylbewerber im Falle von Fehlverhalten wie abendlicher Ruhestörung offen und höflich anzusprechen - "es wird einfach zu wenig geredet".

Eine Sprecherin der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), der die meisten Wohnungen in der Siedlung gehören, sichert zu, man werde Schilder aufstellen. Auch mittels Piktogrammen sollen auswärtige Passanten beispielsweise darauf hingewiesen werden, dass sie private Flächen nicht betreten, Müll nicht einfach wegwerfen und sich abends ruhig verhalten sollen. Eine Umzäunung der Siedlung oder ein Streifendienst durch Sicherheitspersonal sei kaum im Sinne der Anwohner, weil die Kosten dafür auf die Miete umgelegt werden müssten. Landrat Thomas Karmasin (CSU) hofft langfristig auf politische Lösungen, um die Belastungen für Kommunen und ihre Einwohner zu reduzieren. Einen Rechtsanspruch auf den Erhalt der umfassenden Lebensqualität haben seinen Worten zufolge aber weder Anlieger neuer Straßen noch Nachbarn von Flüchtlingsheimen. Kurzfristig will er sich für eine stärkere Präsenz der Polizei in den als problematisch geltenden Bereichen einsetzen. Zudem appelliert er ebenso wie Walter Müller eindringlich an die Anwohner, Vorfälle sofort an Polizei oder Landratsamt zu melden. Karmasin und Oberbürgermeister Klaus Pleil (BBV) setzen große Hoffnungen in die Verlegung der Bushaltestelle möglichst bereits in den nächsten Wochen. Die kürzeste Verbindung zur Asylunterkunft führt dann nicht mehr durch die Siedlung.