Boom in der SicherheitsbrancheVom Panikraum bis zum Atombunker

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Blick in die Unterwelt: Der Bunker von Christian Klaus im  Allgäu wartet noch auf die massive Stahlbetondecke. Mittlerweile ist er fertiggestellt und eingerichtet.
Blick in die Unterwelt: Der Bunker von Christian Klaus im  Allgäu wartet noch auf die massive Stahlbetondecke. Mittlerweile ist er fertiggestellt und eingerichtet. Deutsches Schutzraum-Zentrum
  • Ein Fürstenfeldbrucker Unternehmen verzeichnet seit dem Ukraine-Krieg einen Boom beim Bau von Schutzräumen, die zwischen 20.000 und 200.000 Euro kosten.
  • Deutschland verfügt über keine betriebsbereiten öffentlichen Bunker mehr, nachdem 2007 der Rückbau beschlossen und 2010 private Anlagen entwidmet wurden.
  • Die Innenministerkonferenz will sich noch im Frühjahr mit der Reaktivierung von Schutzräumen befassen, wobei Kosten und Zuständigkeiten ungeklärt sind.
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Ein Fürstenfeldbrucker Unternehmer hat sich auf den Bau von Schutzräumen spezialisiert. In diesen Zeiten ein bombensicheres Geschäft. Besuch im Showroom.

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Passender könnte die Firmenadresse im Fürstenfeldbrucker Gewerbegebiet Hasenheide nicht sein: Am Kugelfang 31. Folgt man Geschäftsführer Peter Aurnhammer, 30, in den Keller des nüchternen Gewerbebaus, gelangt man durch eine dicke Panzertür in den Showroom des Deutschen Schutzraum-Zentrums (DSZ). Dort ist zu sehen, wie man sich rüstet für eine Show, die niemand erleben will. Einen Angriff etwa, wie er in Europa viele Jahre als völlig ausgeschlossen galt, wie er aber seit Beginn des Ukraine-Krieges wieder durch viele Köpfe spukt. Hier ist zu sehen, wie man Attacken mit konventionellen Waffen, mit chemischen und biologischen Kampfstoffen oder mit Kernwaffen übersteht. Kugeln, das wird bei dem Besuch deutlich, sind da noch das geringste Problem.

Peter Aurnhammer neben einer Metallabdeckung, mit der Kellerfenster in bestehenden Räumen nachgerüstet werden können.
Peter Aurnhammer neben einer Metallabdeckung, mit der Kellerfenster in bestehenden Räumen nachgerüstet werden können. Niels P. Jørgensen

Das seit viereinhalb Jahren in Fürstenfeldbruck ansässige Unternehmen ist nach Worten Aurnhammers bundesweit einer von nur zwei großen Anbietern, die Kunden sind über ganz Europa verteilt. Im Angebot hat das DSZ, das vor allem Beratung, Planung sowie Vertrieb und Installation der technischen Ausrüstung übernimmt, viele Schutzraum-Varianten.

Schutzräume können vor Ort betoniert oder als Fertigteilbunker geliefert werden. Oder bestehende Keller werden umgebaut. Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis weisen Anlagen auf, die im Zuge eines Hausbaus errichtet werden. Die Preisspanne reicht von etwa 20 000 Euro für einen kleinen Panikraum bis zu etwa 200 000 Euro für einen gut ausgestatteten und geräumigen Fertigbunker.

Das Herzstück der Lüftungsanlage, die sich bei Stromausfall per Handkurbel betätigen lässt, ist der große Aktivkohlefilter (unten).
Das Herzstück der Lüftungsanlage, die sich bei Stromausfall per Handkurbel betätigen lässt, ist der große Aktivkohlefilter (unten). Niels P. Jørgensen

Ein Panikraum mit möglichst unauffälligem Zugang soll vor Überfällen oder terroristischen Attacken schützen. So lange, bis Hilfe eintrifft – in der Regel die Polizei. Dann gibt es den klassischen Luftschutzbunker, wie man ihn aus der Ukraine kennt, in den sich Hausbewohner bei Luftalarm für einige Stunden oder eine Nacht zurückziehen. Ein Hausschutzraum nach Schweizer Bauart bietet auch Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen. Man kann sich darin viele Tage von der Außenwelt abschotten. Selbst bei einem Einsatz von Nuklearwaffen seien nach zwei Wochen 99,9 Prozent der ursprünglichen Strahlendosis abgeklungen, sagt Aurnhammer.

Ob man dann durch die Schutzschleuse oder den obligatorischen zweiten Notausstieg überhaupt noch in diese Welt da oben hinaufsteigen will, ist eine andere Sache. Beizeiten müssen jedenfalls die entsprechenden Vorräte an Wasser und Lebensmitteln eingelagert werden. Am besten auch ein analoges Radio nebst Batterien und eine Taschenlampe mit Kurbelantrieb. Falls Strom und Internet ausfallen.

„Trockenfutter“: Wer sich zwei Wochen im Bunker verschanzen will, der sollte dort immer Wasser und haltbare Lebensmittel lagern.
„Trockenfutter“: Wer sich zwei Wochen im Bunker verschanzen will, der sollte dort immer Wasser und haltbare Lebensmittel lagern. Niels P. Jørgensen

Außerdem sollte eine mit dem über Hiroshima abgeworfenen Sprengsatz vergleichbare Atombombe bitteschön nicht näher als 800 Meter entfernt einschlagen. Würde sie oder eine Mittelstreckenrakete den Menschen im Bunker buchstäblich auf den Kopf fallen, wäre auch der sonst so eloquente Aurnhammer mit seinem Latein am Ende. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, nicht mal im Premium-Bunker der Fünfsterne-Schutzklasse. Die absolute Sicherheit hat auch der gelernte Maschinenbauingenieur und Immobilienmakler also nicht im Angebot, daran ändern auch 65 Zentimeter dicke Wände und eine tonnenschwere Panzertür aus Stahl und Beton nichts.

Metallgestell einer Bunkertür,  die noch mit Beton gefüllt wird und dann eine Tonne wiegt. Dahinter platzsparende Stockbetten.
Metallgestell einer Bunkertür,  die noch mit Beton gefüllt wird und dann eine Tonne wiegt. Dahinter platzsparende Stockbetten. Niels P. Jørgensen

Der Ausbruch des Kriegs in der Ukraine und Berichte über russische Attacken mit Raketen, Gleitbomben und Drohnen auf Wohngebiete haben einen regelrechten Bunkerboom ausgelöst. Aurnhammers kurzer Youtube-Clip mit dem Titel: „Einen Keller zum Schutzraum umbauen? Wir bieten passende Lösungen!“, wurde 7,3 Millionen Mal geklickt, Reporter und Fernsehteams geben sich in Fürstenfeldbruck die Klinke in die Hand und besuchen Bunkerbaustellen. Wie die von Christian Klaus, eine Autostunde von München entfernt.

Der 47-jährige Allgäuer hat Hilfsgüter in die Ukraine gebracht und viele halb eingestürzte Hochhäuser gesehen. Eine prägende Erfahrung, die ihn auf die Idee brachte, unter den bereits geplanten Neubau seines Hauses einen Schutzraum einzurichten. Bagger hoben eine acht Meter tiefe Grube aus, 350 Tonnen Stahlbeton wurden verbaut.

Manche Bunkerbesitzer nutzen die Räume im Untergrund als begehbaren Tresor oder Kartoffellager

Dass er für den 36 Quadratmeter großen Atomschutzbunker einen hohen fünfstelligen Betrag hinblätterte, löste bei seiner Frau Janine zunächst Kopfschütteln aus. Letztlich gewann sie dem „Männerding“ aber auch gute Seiten ab: In der Sommerhitze lässt sich so ein mit Bad, Küchenzeile und Parkettboden ausgestatteter Bunker ja als angenehm temperiertes Schlafzimmer nutzen oder als Partyraum mit Tausend-Liter-Wassertank.

Einer der beiden Söhne will Schlagzeug lernen. Da unten kann der achtjährige Moritz Krach machen ohne Ende. Außerdem will der selbständige Stahlbetonbauer nun ins Bunkerbusiness einsteigen, seinen Schutzraum Interessenten als Referenzanlage vorführen und schlüsselfertige Konzepte anbieten. Andere Bunkerbesitzer nutzen die Räume im Untergrund als begehbaren Tresor oder als Kartoffellager.

Im Regal liegen Schutzhelme neben schusssicheren Westen

Steigt man in den Keller und von dort noch einmal eine Etage in die Tiefe, befindet sich dort eine, abgesehen von den fehlenden Fenstern, alltagstaugliche kleine Wohnung. Im Regal liegen Schutzhelme neben schusssicheren Westen. Und man trifft auf Dinge, die man vom Showroom kennt: Überdruckventil und Lüftungsanlage mit Aktivkohlefilter, die sich per Handkurbel betreiben lässt.

Die Technik ordert der Fürstenfeldbrucker Unternehmer in der Schweiz. Die Eidgenossen haben auch in Zeiten der globalen Entspannung nicht abgerüstet. Dort sind Bau und Unterhalt der Schutzräume verpflichtende Routine, für jeden Einwohner ist ein Platz reserviert. In Deutschland outet sich nicht ohne Grund kaum jemand öffentlich als Bunkerbesitzer. Macht das die Runde, so die Sorge, würden im Ernstfall viele Menschen an die dicken Türen klopfen. Da würde es ziemlich schnell ziemlich eng werden.

Bilder, die man aus der Ukraine kennt: Die Schächte der Kiewer U-Bahn werden als Luftschutzbunker genutzt.
Bilder, die man aus der Ukraine kennt: Die Schächte der Kiewer U-Bahn werden als Luftschutzbunker genutzt. Efrem Lukatsky/dpa

Denn Deutschland steht nahezu blank da. Im Krisenfall müssten die Menschen in Kellern ausharren, deren Decken nicht für große Belastungen ausgelegt sind – sofern ihre Häuser überhaupt unterkellert sind. In Großstädten könnten sie ihr Lager immerhin in U-Bahnhöfen aufschlagen. Kapazitäten haben immer schon gefehlt. Die 2000 öffentlichen und 9000 privaten Bunker, die es in den Neunzigerjahren bundesweit noch gab, waren nie mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie boten lediglich drei Prozent der Bevölkerung Platz.

Bis 1997 fördert der Bund solche Einrichtungen. Weil man den Kalten Krieg hinter sich wähnt, bleibt der große Aufschrei aus, als 2007 der Rückbau öffentlicher Bunker beschlossen wird. Vor allem aus Kostengründen. 2010 folgen die privaten. Sie werden „durch Allgemeinverfügung aus der Zivilschutzbindung entlassen“, wie es in schönstem Amtsdeutsch heißt. Damit entfällt die Verpflichtung der Eigentümer zum Erhalt der Schutzräume, deren Bau zuvor ebenso gefördert worden ist wie Betrieb, Wartung und Reparatur.

Ein 40 Tonnen schweres Rolltor (links) schottet das zweite Untergeschoss der Tiefgarage unter dem Geschwister-Scholl-Platz im Ernstfall von der Außenwelt ab.
Ein 40 Tonnen schweres Rolltor (links) schottet das zweite Untergeschoss der Tiefgarage unter dem Geschwister-Scholl-Platz im Ernstfall von der Außenwelt ab. Johannes Simon

Seither nagt der Zahn der Zeit an den Bunkern. Putz bröckelt, Rost nagt an Metalltoren, Filteranlagen verrotten. Eine Bestandsaufnahme 2021 ergibt, dass kein einziger der verbliebenen 580 öffentlichen Bunker noch betriebsbereit ist. So ist das im Münchner Bereich mit markanten Hochbunkern wie jenem am Allacher S-Bahnhof, aus dem ein Hotel wird. Und mit großen Garagen wie jener unter dem Geschwister-Scholl-Platz in Fürstenfeldbruck. Das zweite Tiefgeschoss verwandelt sich in einer Stunde in einen ABC-Bunker, mit Achtzylinder-Lastwagenmotor als Notstromaggregat.

Ein V8-Dieselmotor aus einem Lastwagen diente als Notstromaggregat und musste bis zur Entwidmung des Bunkers regelmäßig gewartet werden.
Ein V8-Dieselmotor aus einem Lastwagen diente als Notstromaggregat und musste bis zur Entwidmung des Bunkers regelmäßig gewartet werden. Johannes Simon

Als der Garagenbunker 1984 eröffnet wurde, hatte die sowjetische Nachrichtenagentur Tass gerade die Aufstellung von Atomraketen in der DDR angekündigt. Auf 4500 Quadratmetern, zwischen 40 Zentimeter dicken Wänden und hinter einem 40 Tonnen schweren Rolltor, finden laut Vorgabe für den Notfall genau 2013 Menschen Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Waffen. Vor zwölf Jahren wurde sie zum unterirdischen Auslaufmodell. Durch die Entwidmung spart man sich die regelmäßige Tüv-Prüfung, für die das gesamte zweite Untergeschoss ein bis zwei Tage gesperrt werden muss.

Blick in den Lagerraum des Atombunkers im Fürstenfeldbrucker Westen (in der Mitte zwei handbetriebene Wasserpumpen)
Blick in den Lagerraum des Atombunkers im Fürstenfeldbrucker Westen (in der Mitte zwei handbetriebene Wasserpumpen) Johannes Simon

Nicht ganz so gewaltig waren die Dimensionen der weiteren Bunker im Landkreis Fürstenfeldbruck. Eine Recherche der SZ im Jahr 2013 führt zu einer weiteren entwidmeten Anlage in Jesenwang sowie sieben aktiven öffentlichen Schutzräumen, davon einer in Olching und zwei in Gröbenzell – mit insgesamt knapp 3500 Plätzen.

Aurnhammers Kunden sind keine Querdenker und keine klassischen Prepper

Nach dem Ende des Kalten Kriegs tauchen Bunker fast nur noch in Berichten über Prepper auf. Die werden meist als verschrobene Spinner wahrgenommen, die Vorräte hamstern für den Dritten Weltkrieg oder sich vor der Apokalypse und marodierenden Banden schützen wollen. Aurnhammers Kunden sind weder Querdenker oder Reichsbürger noch klassische Prepper. Es sind „ganz normale Menschen, vom Handwerker über den Landwirt und Ingenieur bis zum Arzt oder Politiker.“ Und es werden immer mehr.

Die Behörden reagieren ebenfalls auf die globale Sicherheitslage. Der Bund habe mit einer Bestandserhebung begonnen, sagt eine Sprecherin des Landratsamts, das für den Katastrophenschutz zuständig ist. Dem Fürstenfeldbrucker Stadtjuristen Christian Kieser ist erst vor ein paar Tagen eine Mitteilung des Städtetags auf den Schreibtisch geflattert. Darin heißt es, die Innenministerkonferenz werde sich noch im Frühjahr dem Thema widmen. Städte und Gemeinden sollen Räume suchen, die sich „reaktivieren“ lassen, so die Vermutung. Das funktioniert nicht so märchenhaft wie bei Dornröschen, das mal eben wach geküsst werden kann. Es geht um viel Arbeit und Zeit sowie hohe Kosten. Und darum, wer dafür bezahlt.

Wie es aussieht, wird ein Mitarbeiter der Stadt vielleicht schon in den kommenden Monaten hinabsteigen ins zweite Untergeschoss der Tiefgarage unter dem Geschwister-Scholl-Platz. Wird prüfen, ob sie fit gemacht werden kann für den Ernstfall. Auch wenn alle hoffen, dass es dort niemals heißt: Autos raus, Menschen rein. Und vor allem: Sorry, Nummer 2014!

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