„Finde die Fehler“ ist bis heute ein Klassiker auf Rätselseiten vieler Zeitschriften: Zwei auf den ersten Blick identische Bilder unterscheiden sich in kaum sichtbaren Details. Die gilt es zu entdecken. In Fürstenfeldbruck gibt es nun eine Variante, die hohe Wellen schlägt. Mit einer Kopie eines Bildes, die drei Fehler enthält. Das Spektrum zwischen Original und Fälschung reicht bei Fotos von zulässiger Bildbearbeitung über dezente Retusche, Bildmanipulation bis hin zur Fotomontage. Pippi Langstrumpf darf – widewidewitt – sich die Welt machen, wie es ihr gefällt. In der realen Welt aber gibt es problematische Fälle von Nachbearbeitung. Viele aus Zeiten, in denen man Künstliche Intelligenz (KI) bestenfalls aus dem Science-Fiction-Genre kannte.
2005 retuschiert der Bayerische Rundfunk nach dem Auftritt der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel am Rande der Bayreuther Festspiele einen Schweißfleck weg – und löst damit kontroverse Diskussionen aus, wo die Grenze des noch Erlaubten verläuft. Gesichert jenseits von Gut und Böse sind die Fälle in tiefsten analogen Zeiten, als Sowjets skrupellos die in Ungnade gefallenen ehemaligen Parteifreunde aus historischen Fotos tilgen. Politiker wie Trotzki und Kamenew verschwinden sang- und klang-, aber nur fast spurlos.

In der Fürstenfeldbrucker Stadtratssitzung am Dienstag bringt Alexa Zierl (ÖDP) einen sehr aktuellen Fall aus dem Rathausreport zur Sprache. Und sie rügt Oberbürgermeister Christian Götz (BBV) als presserechtlich Verantwortlichen. Was formal korrekt ist: Das Impressum des städtischen Mitteilungsblatts weist ihn als solchen aus. Es geht um einen Artikel in der Dezemberausgabe über eine Aktion am Volkstrauertag. Auf Seite 28 wird in Wort und Bild von der Kranzniederlegung am Luftwaffen-Ehrenmal berichtet.
Der Anlass: Nach dem Wegzug der Offizierschule fühlt sich die Bundeswehr nicht mehr zuständig für solche Feiern am Ehrenmal unweit des Fliegerhorsts. Einige Stadträte haben das Gedenken also selbst in die Hand genommen. Das Foto, das vom CSU-Ortsverband zur Verfügung gestellt worden ist und sich alsbald im Rathausreport findet, zeigt die Stadträte Klaus Wollenberg (FDP), Georg Jakobs (CSU), den zweiten Bürgermeister Christian Stangl (Grüne) als Vertreter der Stadt sowie Andreas Lohde (Fürstenfeldbrucker Mitte). Das Quartett steht am Mahnmal hinter einem Blumengebinde.

Legt man das Originalfoto von der CSU-Facebookseite daneben, zeigt sich, dass einige Personen weggeschnitten worden sind: rechts OB-Kandidat Martin Urban von der CSU, links zwei CSU-Stadtratskandidaten (CSU-Ortsverbandsvorsitzende Heike Fabian sowie ein weiteres Parteimitglied), außerdem zwei in Fürstenfeldbruck lebende Veteranen. Im Stadtrat begründet Götz den Beschnitt des Fotos damit, dass der Rathausreport, wie den Stadtratsfraktionen schon vor einigen Wochen ausdrücklich dargelegt, nicht das passende Forum für den Kommunalwahlkampf ist. Es sei ohnehin ein Zugeständnis gewesen, eine Berichterstattung der CSU über die privat organisierte Kranzniederlegung im offiziellen Mitteilungsblatt der Stadt zu ermöglichen. Götz informierte Jakobs über den geplanten Bildschnitt, erhielt aber keine Antwort.
Gegen den Zuschnitt hätte CSU-Fraktionsvorsitzender Georg Jakobs wenig einzuwenden gehabt, wie er auf Nachfrage der SZ sagt. Aus einem anderen Grund fordert er den Abdruck des Originalfotos nebst Entschuldigung in der kommenden Februar-Ausgabe. Warum Jakobs die Sache für „mindestens schwierig“ hält und mit gutem Grund für eine Verletzung des Urheberrechts, zeigt sich, wenn man die beiden Versionen der Fotos nebeneinanderlegt und das beliebte „Finde die Fehler“ spielt.
Erster Fehler: Nach dem Beschnitt wurde links und rechts der vier Personen weiteres Mauerwerk ins Bild generiert.
Zweiter Fehler: Das grün-gelbe Blumengebinde wurde in eine etwas zentralere und damit fotogenere Position gerückt.
Dritter Fehler: Der am Luftwaffen-Ehrenmal über dem Metallkranz angebrachte Schriftzug „Ihr seid unvergessen“ ist vollkommen verschwunden. Als hätten ihn die Offiziersschüler aus alter Verbundenheit doch noch in einen Umzugskarton gepackt und mit nach Roth genommen. Wo er war, ist scheinbar nur noch Beton. Grau, trist, sprachlos.
Auf Nachfrage betont der Oberbürgermeister, das Bild in der retuschierten Form sei ihm vor der Veröffentlichung des Rathausreports nicht bekannt gewesen. Es sei durch ein externes Grafikbüro bearbeitet worden, „ohne uns davon in Kenntnis zu setzen – ob wir eine Richtigstellung veröffentlichen, wird gerade hausintern geprüft“.

