Zweite S-Bahnröhre:Kostenexplosion mit Ansage

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Zweite S-Bahnröhre: Stopp-Signal für den S 4-Ausbau? Die Kostensteigerungen für die zweite Stammstrecke bereiten Politikern im Landkreis Sorgen.

Stopp-Signal für den S 4-Ausbau? Die Kostensteigerungen für die zweite Stammstrecke bereiten Politikern im Landkreis Sorgen.

(Foto: Johannes Simon)

Politiker im Landkreis bangen um den viergleisigen Ausbau der S 4. Die Vertreter der bayerischen Regierungskoalition setzen auf das Prinzip Hoffnung.

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Die Kosten für den zweiten S-Bahn-Tunnel haben sich von 3,8 auf 7,2 Milliarden Euro erhöht, die Bauzeit verlängert sich um neun Jahre. Genau davor hatte Martin Runge, Landtagsabgeordneter der Grünen, seit Jahrzehnten gewarnt. Sowohl der Ausbau der S 4, als auch der barrierefreie Umbau des Puchheimer Bahnhofs und die Anbindung von Mammendorf, Nannhofen und Althegnenberg wurden dem Monsterprojekt in der Münchner City geopfert. "Das ist massiv schädlich für den Landkreis", rügt er. Seine Kollegen Benjamin Miskowitsch (CSU) und Hans Friedl (Freie Wähler) hoffen hingegen, dass es zu keinen weiteren Verzögerungen kommt.

Runge hat stets gewarnt

"Die Öffentlichkeit wurde ohne Ende belogen und betrogen", sagt Runge. Das Projekt, das die bayerische Staatsregierung und die Landeshauptstadt 2001 vereinbart haben, habe schon lange die Projekte Stuttgart 21 und Flughafen Berlin-Schönefeld getoppt, was Kostensteigerungen und Terminverschiebungen anbelangt. Der Grünen-Politiker erinnerte daran, dass er zuletzt 2019 ein Moratorium gefordert hatte, um das Projekt zu überprüfen und zu überdenken. Runge hatte stets vor dem Projekt gewarnt, das enorm teuer und aufwendig ist und die zentralistische Struktur des Münchner S-Bahnsystems festbetoniert, das eben kein Netz ist. Aber weder CSU noch SPD oder die Stadtratsfraktion der Grünen in München wollten auf ihn hören. Runge hatte auch stets kritisiert, dass die Staatsregierung den Ausbau der S 4 hintanstellen wollte, bis die Röhre irgendwann fertig ist.

Davon ist die bayerische Regierung offiziell abgerückt, ebenso vom dreigleisigen Ausbau, weil die Bundesregierung die Strecke in den Deutschlandtakt aufgenommen hat und den Ausbau mitfinanziert. Die Vertreter der bayerischen Koalition, Miskowitsch und Friedl, hoffen deshalb, dass es zu keinen Verzögerungen kommen wird. "Der Ausbau der S4 darf nicht tangiert werden", sagt Friedl. Miskowitsch versichert, dass der Stundentakt im Regionalverkehr, der den nordwestlichen Gemeinden vor vielen Jahren versprochen worden war, nicht mit der Röhre zusammenhängt. "Die Halte können nicht eingeplant werden, weil es sich dann am Hauptbahnhof nicht ausgeht", sagt der CSU-Politiker. Er ist aber optimistisch, dass der neue Betreiber Go Ahead, der den Betrieb im Herbst übernimmt, das schaffen wird.

Eine halbe Million Euro sollte der Tunnel kosten, hatten die Planer einst verkündet, und längst fertig sein, so wie der viergleisige Ausbau der S 4 bis Buchenau bereits 2009 eingeweiht werden sollte, wie ein CSU-Verkehrsminister einst verkündete. Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert, dass Bayern seit Jahren von dem Geld, das der Bund für die Bestellung des Nahverkehrs gibt, einen dreistelligen Millionenbetrag zur Finanzierung der zweiten Stammstrecke abzweigt. Der Landesvorsitzende Lukas Iffländer verweist darauf, dass das bayerische Verkehrsministerium nun von leeren Kassen und drohenden Abbestellungen spricht. "Pro Bahn akzeptiert keine Sparmaßnahmen für Tunnelprojekt", sagte er.

Trotzdem pro Tunnel

Miskowitsch bezeichnete die Ausmaße der Kostensteigerung als "Wahnsinn". Für ihn lautet die Konsequenz, dass man bei solchen Großprojekten auf Kritiker wie Runge hören sollte. "Man muss mehr miteinander reden", sagte er. Friedl ist verärgert, weil ihm erst vor zwei Wochen auf der Baustelle in München versichert worden sei, die Kosten würden nicht steigen. Er plädiert dennoch dafür, das Tunnelprojekt fortzusetzen: "Wir haben schon zu viel Geld investiert, irgendeine Lösung wird es schon geben." Die Verantwortlichen hätten das Projekt "schöngerechnet", sagt Mirko Pötzsch (SPD), Brucker Verkehrsreferent und Sprecher des Bündnisses S 4-Ausbau jetzt". Auch er verteidigt jedoch die zweite Röhre. Die Kapazität werde gebraucht, sonst reiche es nicht für die Züge der S 4. "Es muss vernünftig geplant werden, aber es läuft massiv falsch", sagte Pötzsch.

Er sei optimistisch, dass der Ausbau der Bahnlinie im Landkreis nicht dem Tunnel geopfert werde, sagte Pötzsch. Dagegen warnte Runge erneut, davor, dass das Mammutprojekt andere Projekte "kannibalisiert". Für den Grünen-Politiker gibt es nur eine Lösung für das Münchner Desaster: "Die Baugrube zuschütten."

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