Wer Schlusslicht ist, hat selten Grund zur Freude. So ist das jedenfalls in der Formel eins oder beim Marathon. Der Landkreis Fürstenfeldbruck ist in einem Ranking der Landkreise rund um München nun auf dem letzten Platz gelandet. Und freut sich darüber. Warum? Weil niemand in der Disziplin „Autobestand pro 1000 Einwohner“ die Lokomotive sein will. Könnte ein Sieg doch als Indiz interpretiert werden, in den Vorrückungsfächern Klimaschutz und Verkehrswende zu schludern.
Kein Wunder also, dass die Vertreterin des Schlusslichts bester Dinge ist, als man sie im Fürstenfeldbrucker Landratsamt am Telefon erreicht. Angesprochen auf die aktuellen Zahlen des Bayerischen Landesamts für Statistik sagt Monika Beirer: „Alles richtig gemacht.“ Und: „Wir sehen das als Bestätigung und machen so weiter.“ Schließlich will der Landkreis bis 2040 klimaneutral und damit auch bilanziell unabhängig sein von fossilen Brennstoffen. Die Statistik belegt, dass der Individualverkehr in Fürstenfeldbruck nicht die Rolle spielt wie in Landkreisen wie Erding. Beirer ist bekennende Klimaschützerin und im Landratsamt mitverantwortlich für den öffentlichen Personennahverkehr. Deshalb die gute Laune.
Dabei zeigen die aktuellen Zahlen, dass das Niveau der Automobilisierung im Freistaat hoch bleiben dürfte. Die Zahl der Neuzulassungen ist im ersten Halbjahr 2026, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum, sogar um gut sieben Prozent gestiegen.
Aufschlussreich ist vor allem die Pkw-Dichte. Am 1. Januar 2026 lag die in Bayern bei 639 Autos pro 1000 Einwohner und damit über dem bundesweiten Schnitt von 593. Anders ausgedrückt: Durchschnittlich besitzen drei Einwohner des Freistaats zwei Autos. Beim Blick in die Statistik lassen sich deutliche regionale Unterschiede innerhalb Bayerns feststellen, vor allem aber ein ausgeprägtes Land-Stadt-Gefälle bei der Verfügbarkeit von Autos. Unter den 25 bayerischen Kommunen mit der geringsten Pkw-Dichte befinden sich 21 Städte und lediglich vier Landkreise.
Das ist kaum überraschend angesichts der Arbeitswege. Die aus dem Jahr 2024 stammende Pendlerbilanz des Landesamts zeigt: Während in den bayerischen Metropolen lediglich 24,6 Prozent der Erwerbstätigen auspendeln und die durchschnittliche Pendelstrecke 15 Kilometer beträgt, liegt der Auspendleranteil im kleinstädtischen und dörflichen Raum bei 78 Prozent bei einer durchschnittlichen Pendelstrecke von 24 Kilometern. Zudem legen dort, Verkehrswende hin oder her, 83 Prozent ihren Arbeitsweg mit Auto oder Motorrad zurück, gegenüber lediglich 34 Prozent in Metropolen.
Im bayernweiten Landkreisranking findet sich Dingolfing-Landau mit 733 Autos pro 1000 Einwohner auf der wenig schmeichelhaften Pole-Position. Gefolgt von Rottal-Inn (731) und Cham (728). Unten, fast am Ende der Liste: Ebersberg (620) und Garmisch-Partenkirchen (603). Und ganz unten: Fürstenfeldbruck (581). Warum weist dieser Landkreis in ganz Bayern die niedrigste Autodichte auf? Die urbane Struktur mit gut 500 Einwohnern pro Quadratkilometer kann nur ein Teil der Erklärung sein.

Die Suche nach den wahren Gründen führt ins Fürstenfeldbrucker Landratsamt – einem Funktionsbau aus den Siebzigerjahren, in dem irgendwo auch die gut gelaunte Monika Beirer sitzen muss. Die Kfz-Zulassungsstelle ist ausgelagert ins Gewerbegebiet, aber der öffentliche Nahverkehr wird nicht nur an der Bushaltestelle abgewickelt, die keine hundert Meter vom Eingang entfernt ist und laut MVV-Fahrplanauskunft von zwölf Buslinien angefahren wird. Im Landratsamt hat die öffentliche Mobilität den Rang einer „Stabsstelle“.

In jener Stabsstelle wird die Verkehrswende ohne viel Trara vorgelebt. Nicht alles ist perfekt, aber die Richtung scheint zu stimmen. Mit einer zentralen Botschaft: Der Verzicht aufs Auto fällt leichter, wenn eine unkomplizierte und erschwingliche Alternative zur Verfügung steht – und man zügig, ohne größere Unterbrechungen und eng getaktet, von Haustür zu Haustür gelangt. Der Weg zur nächsten Bushaltestelle darf also nicht zu weit sein. Oder zu einem der neuen Mobilitätspunkte mit E-Bikes, Lastenrädern und Carsharing-Fahrzeugen.
Der öffentliche Nahverkehr im Landkreis Fürstenfeldbruck ist trotz der angespannten Finanzlage bislang weitgehend von drastischen Kürzungen verschont geblieben. Sicherlich nicht zuletzt deshalb, weil die jahrelange Aufbauarbeit Früchte trägt. So landete der Landkreis im bundesweiten Wettkampf auf dem Spitzenplatz – diesmal begehrt und schmeichelhaft. Mit einem Wert von gut 99 Prozent bei der Erreichbarkeit von Bus- und Bahnhaltestellen. Das geht aus einer 2023 veröffentlichten Analyse des Bundesinstituts für Bau, Stadt- und Raumforschung hervor. Vom Fahrgastverband Pro Bahn war Fürstenfeldbruck bereits ein Jahr zuvor mit dem Fahrgastpreis für das „Engagement bei der multimodalen Reisekette im öffentlichen Verkehr“ ausgezeichnet worden.

Will heißen: Die Linien S3, S4, S20 und S8, die den Landkreis von München aus erschließen, dienen der Mobilitätskette als Anker. Busse auf 55 Linien sind ein weiteres Kettenglied. Sie befördern jährlich mehr als zehn Millionen Fahrgäste und bedienen gut 400 Haltestellen. Ergänzt wird das Angebot mit Kleinbussen auf sieben Flex-Linien. Familien verzichten deshalb nicht immer aufs Auto. Aber vielleicht auf Zweit- oder Drittwagen.
Was Landkreisen blüht, die sich angesichts steigender Verschuldung dazu genötigt fühlen, bei den freiwilligen Leistungen zu streichen, zeigt der Landkreis Erding. Dort wird das Busangebot ausdünnt. Der Landkreis ist mit 671 Autos pro 1000 Einwohner im Ranking der Landkreise rund um die Landeshauptstadt hinter dem Landkreis München auf dem zweiten Platz gelandet. Mit 161 Einwohnern pro Quadratkilometer kommt er zwar schwerer aus dem Startblock. Dass dies allein als Ausrede für eine hohe Autodichte nicht taugt, zeigt jedoch der Blick in den ebenfalls ländlich strukturierten Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen (637 Autos pro 1000 Einwohner), der Erding trotz dünnerer Besiedelung mit 117 Einwohnern pro Quadratkilometer bei der Anzahl der Fahrzeuge unterbietet.
Laut Verkehrsclub Deutschland legt Erding „den Rückwärtsgang ein“
Dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) zufolge legt der Landkreis Erding denn gerade auch „den Rückwärtsgang ein“. Der Kreisvorsitzende Alfred Schreiber warnte im Juli vor den geplanten Einschnitten. Der neue Fahrplan sehe vor, das Ruftaxisystem fast komplett aufzugeben. Zudem sollten die Verbindung Erding-Hallbergmoos eingestellt, weitere Buslinien ausgedünnt und die Direktverbindung Erding-Freising praktisch auf Schülerverkehr zusammengestrichen werden. Etliche Ortschaften verlören komplett ihren ÖPNV-Anschluss, warnt Schreiber. „Während im MVV-Bereich in anderen Landkreisen rund um München des ÖPNV-Angebot kontinuierlich ausgebaut wird, geht der Landkreis Erding leider den Weg in die andere Richtung.“
Monika Beirer von der Fürstenfeldbrucker ÖPNV-Stabsstelle fühlt sich zur rechten Zeit am richtigen Ort. Bei aller Euphorie weiß sie aber, dass die Verkehrswende kein Selbstläufer ist. Und auch kein Autorennen. Sondern ein Marathon.

