Fürstenfeldbruck:Auszeichnung für Barbara Kistler

Fürstenfeldbruck: Beim Bayerischen Sozialtag in Erding zeichnet Sozialministerin Emilia Müller (links) auch die Fürstenfeldbruckerin Barbara Kistler aus.

Beim Bayerischen Sozialtag in Erding zeichnet Sozialministerin Emilia Müller (links) auch die Fürstenfeldbruckerin Barbara Kistler aus.

(Foto: Renate Schmidt)

Ministerin Müller ehrt Vorsitzende des Vereins "Frauen helfen Frauen"

Von Julia Bergmann, Fürstenfeldbruck

Vielleicht war es diese Geschichte, die sie gelesen hatte, die den letzten Anstoß gab. Es war die Geschichte einer Frau, die Gewalt erlebt hatte und die an ihren Verletzungen schließlich gestorben ist. Die Geschichte ist Barbara Kistler in Erinnerung geblieben. Als sie dann in der Zeitung gelesen hat, dass der Verein "Frauen helfen Frauen" ehrenamtliche Mitarbeiter sucht, hat sie nicht gezögert. "Da habe ich mir gedacht, ich will da jetzt etwas machen", sagt sie. Mittlerweile ist die 57-jährige Fürstenfeldbruckerin seit elf Jahren im Verein aktiv, seit 2009 ist sie Vorstandsmitglied. Jetzt wurde Kistler beim Sozialempfang von Staatsministerin Emilia Müller gemeinsam mit sechs weiteren Frauen aus München und der Region für ihren Einsatz gewürdigt.

Diese Auszeichnung begreift Kistler aber nicht als persönliche Anerkennung, sondern als Würdigung für den gesamten Verein. Das zu betonen, ist ihr wichtig. "Einer muss die Verantwortung übernehmen", sagt sie, aber Erfolge erreiche man nur im Team. Mit der Auszeichnung werde das komplette Team für seinen Einsatz und seine Arbeit belohnt. Der Verein "Frauen helfen Frauen" hat derzeit etwa 90 Mitglieder, 20 von ihnen engagieren sich als Ehrenamtliche in der Vereinsarbeit. "Frauen helfen Frauen" ist Träger dreier Einrichtungen: des Frauenhauses, des Frauennotrufs und der Interventionsstelle für Opfer häuslicher Gewalt.

Kistler war in all diesen Bereichen aktiv, hatte viel Rufbereitschaft für den Frauennotruf, war selbst oft im Frauenhaus, hat die Frauen, die gekommen sind, unterstützt, bei Amtsgängen begleitet oder ihre Kinder mit betreut. "Es ist eine sehr schöne Arbeit, aber teilweise auch frustrierend", sagt sie. Die schönen Momente sind die, in denen man erkennt, dass man einer Frau, die am Ende war, helfen konnte, wieder selbständig ihr Leben zu meistern. "Wenn man sieht, wie eine Frau, die mit ihren drei Kindern und null Euro in der Tasche angekommen ist, anfängt zu studieren, eine Wohnung findet und sich ihr Leben wieder aufbaut, dann lohnt sich das alles". An viele der Frauen, die sie in den vergangenen Jahren kennengelernt hat, erinnert sie sich heute noch gut.

Dabei gibt es natürlich auch Erinnerungen, die schmerzen. Etwa die an das zwei Jahre alte Kind, das mit ansehen musste, wie seine Mutter geschlagen wurde und versucht hat, sie mit seinem kleinen Körper zu schützen. "Es gibt Fälle, die einem lange nachgehen", sagt Kistler. Aber man lerne, damit umzugehen. Etwa in Seminaren, aber auch durch die Erfahrung. "Es ist wichtig, dass man selber erkennt, wo die eigenen Grenzen liegen, sonst kann man das nicht machen."

Zu den frustrierenden Erfahrungen gehört für Kistler, dass gerade in den letzten Jahren immer mehr Frauen wieder zu ihren Männern zurückgehen - "weil sie so schlecht eine Wohnung finden". Auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt in der Region haben es vor allem alleinerziehende Mutter sehr schwer, eine Bleibe zu finden. In den vergangen zwei bis drei Jahren hat Kistler beobachtet, wie sich dieses Problem weiter verschärft hat. "Da müsste die Politik noch viel mehr tun."

Obwohl das Thema Gewalt gegen Frauen mittlerweile öffentlich viel mehr wahrgenommen wird und obwohl immer mehr Menschen verstehen, dass häusliche Gewalt keine Privatsache ist und sie sich einmischen, wenn sie etwas bemerken, haben sich die Fallzahlen im Landkreis kaum verändert. Im Frauenhaus aufnehmen kann der Verein aber nur die wenigsten. "Wir haben in der Regel zwei Fälle pro Woche, die wir abweisen müssen, weil alle Plätze belegt sind", erklärt Kistler. Sechs Wohnplätze für Frauen und sieben für Kinder gibt es dort. Das ist bei Weitem nicht genug.

Die Hoffnung auf einen größeren Neubau in Fürstenfeldbruck sind vor fast zwei Jahren geplatzt. Aber Kistler sieht wieder Licht am Ende des Tunnels. Es gebe ein geeignetes Grundstück im Landkreis, mehr könne sie zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. "Wir hoffen, dass es sich möglichst bald realisieren lässt." Das ist das Projekt, das Kistler gemeinsam mit ihren Vorstandskolleginnen Franziska Gumtau sowie Gerda Vogl und ihrem Team zurzeit am meisten beschäftiget.

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