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Fürstenfeldbruck:Asylbewerber demonstrieren gegen Lebensbedingungen in Unterkunft

Viele der Demonstranten, die in der voll belegten Sammelunterkunft leben, stammen aus Nigeria.

(Foto: Voxbrunner Carmen)
  • 200 Bewohner der Flüchtlingsunterkunft am Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck haben vor dem Landratsamt demonstriert.
  • Sie protestierten gegen die Lebensbedingungen in der Sammelunterkunft und die Streichung des Taschengelds.
  • Ein Polizeibeamter wurde bei dem Einsatz verletzt, zwei Demonstranten wurden vorübergehend festgenommen.

Etwa 200 Asylbewerber haben am Mittwoch mit einer spontanen Demonstration die Kreuzung vor dem Brucker Rathaus blockiert. Sie protestierten gegen die ihrer Meinung nach unzumutbaren Lebensbedingungen in der Sammelunterkunft am Fliegerhorst und die Streichung des Taschengelds. Ein Polizeibeamter wurde bei dem Einsatz verletzt, zwei Demonstranten wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen.

Um 7 Uhr sind die Demonstranten, begleitet von der Polizei, von ihrer Unterkunft aus gestartet. Es ist 8.30 Uhr, als die Situation dann vor dem Brucker Rathaus zu eskalieren droht. Nachdem der Verkehr im Zentrum vollkommen zum Erliegen gekommen ist und weil die Asylbewerber sich weigern, die Fahrbahn zu verlassen, gibt ein Beamter das Signal: "Fertig machen". Die etwa 50 Beamten aus Fürstenfeldbruck, die meisten in dunklen Overalls und ausgerüstet mit Schutzweste, Schlagstock sowie Arm- und Beinschutz, formieren sich zu einer Kette.

Da ist klar, dass Appelle und Diplomatie nicht gefruchtet haben. Oberbürgermeister Erich Raff hatte gemeinsam mit Brucks Polizeichef Walter Müller und Präsidiumssprecher Hans-Peter Kammerer versucht, die Demonstranten zum Räumen der Kreuzung zu bewegen. Diese aber sind überzeugt, auf der Fahrbahn vor dem Rathaus die meiste Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie fordern, dass Fernsehsender Kamerateams schicken, um diesen ihr Anliegen vortragen zu können. Sie wollen keinen Meter zurückweichen, bevor diese Forderung nicht erfüllt ist.

Die Brucker Direktion setzt auf Deeskalation, informiert neben Printmedien auch überregionale Fernsehsender. "We have already informed the TV-Stations", ruft ein Beamter durchs Megafon. Mit den Lokalzeitungen wolle man sich nicht zufrieden geben, sagt ein aus Nigeria stammender Wortführer. Ein Kamerateam aber kommt nicht. Als die Beamten versuchen, die Menschenmasse langsam zurückzudrängen, wird der Einsatz zur Gratwanderung. Was eben noch wie ein Happening wirkte mit gemeinsamem Singen, Hochhalten von Plakaten und Wedeln mit gelben Forsythienzweigen, droht in Gewalt umzuschlagen.

Ein Beamter krümmt sich, nachdem ihm ein Demonstrant offenbar mit dem Finger ins Auge gelangt hat. Er wird ebenso von Mitarbeitern des Roten Kreuzes behandelt wie später eine hochschwangere Frau wegen einer Kreislaufschwäche. Polizisten setzen nun Helme mit Visieren auf. Die Stimmung wird aggressiv. Neun von zehn Demonstranten sind junge Männer, aber es sind auch mehrere Frauen mit Babys dabei. Sie gestikulieren, brüllen die Beamten an und prangern lautstark Missstände an.

Polizisten versuchen nach langen Verhandlungen, die Demonstranten vor dem Rathaus von der Fahrbahn zu drängen.

(Foto: Voxbrunner Carmen Mittelstetten)

In erneuten Verhandlungen können Vertreter der Polizei die Asylbewerber schließlich gegen 9 Uhr doch dazu bewegen, wieder zum 200 Meter entfernten Gerblpark zurückzukehren. Von dort hatte sie OB Raff gegen 7.30 Uhr Richtung Rathausinnenhof zu lotsen versucht - nicht ahnend, dass der Tross kurz vor Erreichen des geplanten Kundgebungsorts die zentrale Kreuzung blockieren würde. Raff war um 6 Uhr von der Polizei angerufen worden, die unter Berufung auf den Sicherheitsdienst von einer bevorstehenden spontanen Kundgebung berichtete.

Passanten beobachten die Demonstration aus der Distanz, filmen die Szenerie. Einige kommen ins Gespräch mit den Asylbewerbern. "Ich verstehe die Menschen schon irgendwie und natürlich haben sie auch das Recht zu demonstrieren, so lange alles friedlich abläuft", sagt Elmar Zahner, der mit seinem Hund unterwegs ist. Aber es gebe manchmal eine recht hohe Erwartungshaltung, die sich kaum erfüllen lasse.

Ein Kampf ums Überleben

Eskortiert von den Beamten und sieben Hundeführern mit ihren Tieren mit Maulkörben, setzt sich um 9.08 Uhr der Zug der Demonstranten Richtung Gerblkeller in Bewegung. Als Polizeibeamte nachdrücklich versuchen, einige Männer im Bereich des Gerblparks von der Fahrbahn zu drängen, kommt es doch noch zu Handgreiflichkeiten. Ein Mann in roter Jacke wird von drei Beamten am Boden fixiert und, ebenso wie eine Frau, abgeführt. Auf der Straße bleibt ein grünes Transparent liegen. "We need Freedom" - wir brauchen Freiheit, steht darauf. Die Lage droht erneut zu eskalieren, bellende Hunde werden in Position gebracht, die Beamten halten demonstrativ ihre Schlagstöcke hoch.

Gegen 10 Uhr beruhigt sich die Lage aber langsam. "Wir brauchen Hilfe", erklären mehrere Asylbewerber, die auf einer Bank sitzen. Ebenso wie viele andere Bewohner der Asylunterkunft am Fliegerhorst kommen sie aus Nigeria, sind über Italien eingereist und leben teils seit mehr als einem Jahr in Sechs- oder Achtbettzimmern der mit etwa 1000 Bewohnern voll belegten Sammelunterkunft.

Im Zuge des sogenannten Dublin-Verfahrens haben sie in Deutschland aber kaum Aussicht auf Asyl. Sie sollen vielmehr nach Italien zurückgeführt werden. Das Taschengeld und die MVV-Monatskarte seien gestrichen worden, das Essen ungenießbar, die medizinische Behandlung sei schlecht und Säuglinge bekämen nicht die richtige Babynahrung.

Ein anderer mutmaßt, das Essen werde mit Drogen versetzt, um die Bewohner ruhigzustellen. "Wir leben mit zwei anderen Familien in einem Raum", schimpft eine Frau. "Das ist Rassismus." "Sie behandeln uns wie Tiere", pflichtet der 28 Jahre alte Timothy aus Ghana bei. Die Regierung solle endlich einen hochrangigen Vertreter in die Unterkunft schicken, der sich ein Bild von den unhaltbaren Zuständen machen solle, fordert ein Wortführer. Dann machen sich alle auf den Weg zurück in die Unterkunft, eskortiert von Streifen- und Mannschaftswagen der Polizei.

Willi Dräxler, Integrationsreferent im Brucker Stadtrat, sieht das Landratsamt in der Mitverantwortung. Der Kreis entscheidet darüber, wer wegen einer zumutbaren, aber verweigerten Rückreise ins erste Einreiseland - meist Italien - sanktioniert wird. Gewinnt die Behörde den Eindruck, dass ein Asylbewerber nicht mitzieht, streicht sie die 95 Euro Taschengeld sowie das Zugticket. Nach SZ-Informationen sollen etwa hundert Personen betroffen sein.

Dräxler hat Verständnis dafür, dass niemand bereit sei, nach Italien zurückzukehren. Dort kümmere sich niemand um die Flüchtlinge, für sie werde es dann ein Kampf ums Überleben. Dräxler ärgert sich aber auch über die Regierung von Oberbayern. Die habe die Asylunterkunft in Manching bei Ingolstadt auf 500 Personen gedeckelt und vor allem Männer nach Bruck geschickt, die bereits auffällig geworden seien. Sein Fazit: Bis zu 1100 Asylbewerber, vor allem aus Nigeria und damit ohne echte Perspektive, das sei eindeutig zu viel für eine Kleinstadt wie Bruck.

© SZ vom 19.04.2018/amm

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