Süddeutsche Zeitung

Fürstenfeldbruck:Arbeiten ohne Druck

Das Brucker Fenster am Hauptplatz ist für die Beschäftigten eine gute Möglichkeit, wieder einen Job zu haben. Den Besuchern bietet es seit fünf Jahren eine kleine Gastronomie und einen Buchladen

Von Ariane Lindenbach, Fürstenfeldbruck

Arbeit ist für die meisten weit mehr als nur das reine, oft als lästig empfundene Geldverdienen. Arbeit ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe, gibt Anerkennung, eine Tagesstruktur und noch vieles mehr. In der Brucker Innenstadt, direkt hinter der Bushaltestelle am Hauptplatz, kann man dieses Phänomen in den früheren Räumlichkeiten einer Bank sozusagen am lebendigen Objekt studieren - und mit einem Besuch des Cafés oder Buchladens unterstützen. Das Brucker Fenster bietet als Beschäftigungsprojekt der Caritas Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oder anderen Hemmnissen für eine dauerhafte Anstellung die Möglichkeit, im geschützten Rahmen eine regelmäßige Tätigkeit aufzunehmen. Kommende Woche feiert der beliebte Treffpunkt seinen fünften Geburtstag.

Von Montag bis Freitag, 19. bis 23. Oktober, dauert die Aktionswoche zum Jubiläum. In dieser Zeit haben in dem Zusammenschluss des früheren Hofcafés in der Schöngeisinger Straße und dem Gebrauchtbuchladen in der Kapuzinerstraße die Würfel das Sagen. Da es der fünfte Geburtstag ist, ist allerdings die Fünf Trumpf. Wer sie würfelt bekommt das Mittagessen oder den Kuchen umsonst, und beim Kauf von Büchern ist das teuerste gratis. Für die anderen Waren, die dort angeboten werden, etwa fair gehandelte Schokolade oder Kosmetikprodukte aus Schwellenländern, gelten die üblichen Preise. Übrigens verfügt der Gebrauchtbuchladen über rund 4000 Bücher, die günstig verkauft werden. Das beliebteste in den letzten fünf Jahren: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang und verschwand".

Welche Bedeutung Arbeit für den einzelnen hat, erläutert Petra Helsper: "Arbeit ist ein wichtiger Bereich unseres Lebens, der vor allem für Anerkennung und ein selbstbestimmtes Leben steht", unterstreicht die Einrichtungsleiterin. "Im Brucker Fenster nehmen wir Rücksicht auf die besondere Lebenslage der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wir ermöglichen ihnen, sich einzubringen und gesellschaftlich Anschluss zu finden." Die regelmäßige Beschäftigung strukturiere den Tagesablauf, zugleich sei sie ein wichtiges, regelmäßiges Training, um sich im Alltag besser zurechtzufinden. Und auf die Gesundheit wirke sich Arbeit auch positiv aus.

Eine Teilnehmerin des Projekts, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, beschreibt die Bedeutung des Brucker Fensters für sie folgendermaßen: "Ich habe hier einen Ort gefunden, wo die Menschen mich verstehen. Ich muss mich nicht verstellen, wenn es mir einmal nicht so gut geht. Das nimmt mir den Druck, und ich komme mit viel Freude und Energie in die Arbeit." Die Kunden wiederum schätzen das Konzept des Brucker Fensters, insbesondere das "menschenverbindende und fröhliche Ambiente, in dem sich alle Generationen wohlfühlen", wie die Caritas in einer Mitteilung schreibt.

Die Corona-Pandemie war und ist für den Bewirtungsbetrieb eine Herausforderung. Ein Hygienekonzept musste erstellt und auch eingehalten werden. Allerdings hat das Brucker Fenster - wie viele andere Bereiche auch - viel Unterstützung erfahren. Dank der finanziellen Hilfe von Zweirad Fischbeck, der Stadtstiftung Fürstenfeldbruck und der "Aktion Mensch" konnte der "Hofcafé- Eintopf- Express" nun bis ins kommende Früh- jahr verlängert werden. Dabei erhalten Bedürftige, Menschen, die zur Risiko- gruppe gehören, sowie Personen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, das vergünstigte Mittagsangebot für drei Euro.

Das Brucker Fenster hat Montag bis Donnerstag von 10 bis 16 Uhr, freitags bis 13 Uhr geöffnet.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5065029
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 14.10.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.