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Fürstenfeldbruck:Am Anfang war die Zelle

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Die Installation von Lukas Hoffmann zeigt Naturmaterialien wie Holz, die unter Schaumstoff und farbigem Klebeband verschwinden. Die Gemälde von Ena Oppenheimer zeigen Zellen.

(Foto: Günther Reger)

Eine eindrucksvolle Ausstellung im Haus 10 zeigt die Werke von fünf Studenten und Absolventen der Kunstakademie. Sie geht dem Verhältnis von Mensch und Natur nach, ohne Klischees oder Erwartbares zu zeigen

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Die Grenzen ausloten zwischen Leben und Künstlichkeit, zwischen Mensch und Natur, zwischen Wissenschaft und Intuition. Dieses Aufgabe haben sich fünf junge Künstler für ihre Ausstellung "Entropical Island" im Haus 10 gestellt. Und auch wenn dieser Anspruch erst einmal sehr vage klingt, vielleicht sogar floskelhaft, schaffen es die fünf Akademiestudenten und -absolventen auf eindrucksvolle Art, ihr Ziel konsequent zu verfolgen - ohne dabei der Gefahr zu erliegen, auf Klischees oder allzu Erwartbares zurückzugreifen. Stattdessen zeigen sie frische, moderne Werke, die allesamt ihren Betrachtern Narrative anbieten, ohne dabei zu konkret oder gar plakativ zu werden. Die Werke engen so den Blick nicht ein, sondern helfen, ihn zu erweitern, sie animieren Denkprozesse, ohne starre Strukturen vorzugeben. Dabei beginnt alles ganz einfach, am Ursprung sozusagen. Ena Oppenheimers Ölgemälde "Zero" zeigt auf 100 mal 120 Zentimetern eine übergroße, weiße Zelle. Keine Details stören die Form, nur mit einfachen Schatten hebt sie das Gebilde, das von seiner Form ganz profan an ein Tic-Tac-Dragée erinnert, vom Hintergrund ab. Gleichzeitig wirkt es wie aufgeladen, so, als würde die Zelle jeden Moment aufspringen, sich teilen, weiteres Leben schaffen. Eben jenes ist dann in der Serie "Zoon" - Altgrierisch für Tier oder allgemein Wesen - zu sehen. Immer wieder taucht darin die Urzelle auf, aber sie ist nicht mehr alleine, weitere Zellen, in dunklen Farben mit bunt schimmernden Elementen, bevölkern das Bild. Unklar bleibt, wie wissenschaftlich genau die Darstellung ist und wie sehr sie von der Vorstellung der Künstlerin geprägt ist. Ebenso, ob aus den Zellen etwas Gutes entsteht oder etwas Böses. So erwecken flaumige Strukturen Assoziationen an Schimmel, durch die nüchterne, teilweise fast klinische Stimmung verlieren sie dann aber direkt wieder ihre Bedrohlichkeit.

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Durchbrochen wird Oppenheimers Nüchternheit durch die Installation von Lukas Hoffmann. Er umwickelt Naturmaterialien wie Holz oder Moos mit künstlichen, vom Mensch gemachten Materialien wie buntem Klebeband und Schaumstoff. Und das so lange, bis vom inneren, natürlichen Material, nichts mehr zu sehen ist. Der Betrachter kann nur noch erahnen, dass es da ist. In Hoffmanns Werken verdrängt das Künstliche also die Natur - nur um in der Form wieder an etwas organisches, in einer Installation etwa an ein Tier, zu erinnern. Doch auch diese Assoziation wird gebrochen, die Skulptur hat nur drei Beine und könnte auch ein abstrakter Tisch sein.

Mit echten Tischen arbeitet Andreas Woller. Und zwar, weil er seine Bilder weder gerahmt - weil das zu sehr ablenkt - noch ungerahmt - weil dann das Bild zum Objekt wird - aufhängen will. Deshalb präsentiert er seine Werke umrahmt von Holzwänden in Tischen, die er mit Alltagsmaterial, etwa Schaumstoff und Teppich, überzieht. Die Bilder entstehen aus Fotos, die er in Zeitschriften findet, die er durch seine Bearbeitung aber völlig neue Geschichten erzählen lässt. Zudem zeigt er kleine "Zimmer", etwa 30 mal 30 Zentimeter groß, aus Karton. Allerdings nicht mit konkreter Einrichtung, sondern mit farbigen Strukturen, angelehnt an die Konkrete Kunst. Seine Zimmer schaffen so keine kulturellen Muster, sondern vielmehr Gefühlswelten, sie sprechen das Unterbewusste an, nicht den Verstand.

Wissenschaftlich dagegen geht Melanie Chacko an ihre Installation heran. Ausgehend von der Beschäftigung mit dem Anthropozän, also der Epoche, in der Mensch beginnt, Einfluss auf die Prozesse der Erde zu nehmen, hat sie bei Google Maps nach Regionen gesucht, die noch unberührt sind. So eine Szenerie aus Satellitensicht hat sie ausgedruckt und bearbeitet, ein weiterer Fleck Natur wird so vom Menschen umgeformt.

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Um eine Umformung geht es auch Hannah Mitterwallner. Aus weißen Ziegeln schafft sie Räume im Raum, auf denen ihre Kunst stattfindet. Wie in einer Verbindung der Werke Hoffmann und Oppenheimer zeigt sie darauf Zellen und durch ihre Farbe organisch wirkende Strukturen, die an Würmer erinnern, von ihrer Form her aber auch in Industriebauten verlegte Rohre sein könnten.

"Entropical Island" löst also genau das ein, was der Name verspricht: Die Verbindung von Wissenschaft und Genuss der Schönheit der Natur.

Ausstellung "Entropical Island", Vernissage am Freitag, 13. Januar, von 19.30 Uhr an im Haus 10, Fürstenfeldbruck. Danach zu sehen bis 29. Januar, freitags von 16 bis 18 Uhr und samstags und sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr.

© SZ vom 12.01.2017
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