bedeckt München 20°

Fürstenfeldbruck:Ackern für eine solidarische Welt

Im Landkreis gibt es gleich zwei Projekte, die Landwirtschaft betreiben, ohne damit Profit machen zu wollen

Von Franziska Schmitt, Fürstenfeldbruck

Etwas Lauch, Wirsing, Palmkohl und noch ein Rest Rosenkohl - viel mehr ist es nicht, was Anfang des Jahres noch geerntet werden kann. Wurzelgemüse und Kürbisse, die nach der Ernte im Herbst eingelagert wurden, müssen für die Mitglieder noch bis Mai reichen. In den Gemüseabteilungen der Supermärkte hingegen spielen Jahreszeiten kaum eine Rolle. Tomaten, Zucchini und Auberginen gibt es das ganze Jahr über.

Das Kartoffelkombinat in Egenhofen und die Solidarische Landwirtschaft am Donihof in Mammendorf bauen regional und saisonal Gemüse an. Mit der Ernte versorgen sie ihre Mitglieder wöchentlich. In beiden Projekten geht es nicht allein darum, gutes Gemüse auf ökologisch verträglichere Weise herzustellen, sondern auch darum, neue Wirtschaftsformen auszuprobieren und sich als Solidargemeinschaft gemeinsam zu ernähren.

"Wie wollen wir, dass unsere Lebensmittel produziert werden?" Das ist für Mitgründer und Kartoffelkombinats-Vorstand Daniel Überall eine zukunftsweisende Frage. "Wir möchten dazu beitragen, dass München als Millionenmetropole die Ernährungswende schafft." Nicht irgendwann, sondern möglich schnellst. Zum einen, weil der Klimawandel bereits auf den Feldern spürbar sei. Zum anderen aber auch, weil die gängige Anbauweise gesunde Böden und ein funktionierendes Ökosystem gefährde. Ein weiteres Ziel ist für Überall, durch die regionale Landwirtschaft Ernährungssouveränität zurück zu gewinnen. Der Anteil an Gemüse, der momentan regional produziert werde, sei sehr gering, sagt Überall. Stattdessen werde es in anderen Ländern billig, aber oft unter niedrigen Umweltstandards und schlechten Arbeitsbedingungen produziert. "Es geht nicht nur darum, dass wir hier Salat erzeugen, klar erzeugen wir hier Salat," sagt Überall. Das Kartoffelkombinat sei vielmehr auch ein Labor alternativer Wirtschaftsformen.

MAMMENDORF: Besuch beim bei der SOLAWI AM DONIHOF

Statt auf Maschinen setzt der Donihof in Mammendorf auf tierische Arbeitskraft: Christian Scheider mit zwei der vier Eseln.

(Foto: Leonhard Simon)

Im Vordergrund stehen faire Arbeitsbedingungen und nachhaltigen Anbau. Unabhängig vom marktwirtschaftlichen Konkurrenzdruck produzieren zu können, macht es leichter, Entscheidungen im Sinne von Ressourcenschutz und Ökologie zu treffen. Die Gewächshäuser müsse4n nicht beheizt werden, damit die Tomaten - am besten schon vor den italienischen - im Frühsommer reif sind, erklärt Überall. Die Angestellten der Gärtnerei haben Verträge über zwölf Monate im Jahr, sie werden also auch im Winter bezahlt, anders als in vielen anderen Betrieben. Und sie bekommen Gehälter mit denen man eine Familie im Münchner Umland ernähren könne. Das sei in der Landwirtschaft nicht selbstverständlich.

Das Kartoffelkombinat ist ein genossenschaftlicher Betrieb. Wer einen Ernteanteil haben möchte, muss sich in die Genossenschaft einkaufen. "Die Mitglieder sind Kunden und Eigentümer zugleich," erklärt Überall. Ihre Gemüsekisten können sie wöchentlich an 120 Verteilpunkten in München und Umgebung abholen. Mittlerweile tun das 1800 Haushalte.

Etwas kleiner, aber nicht weniger konsequent baut die Solidarische Landwirtschaft am Donihof für 45 Haushalte Gemüse an. Ihr Motto: "Global denken - lokal ackern. Eine andere Welt ist pflanzbar". Zur nächsten Saison sollen es 70 Mitglieder werden. Verena Halbritter und Christian Scheider haben den Betrieb Ende 2015 gegründet. Mit dem Ackern begannen sie im eigenen Garten. Dort über zwei Jahre Gemüse anzubauen, sei fast wie eine Ausbildung gewesen, sagt Halbritter. Viel Wissen habe sie sich außerdem angelesen.

EGENHOFEN: Besuch beim Kartoffelkombinat

Daniel Überall, Vorstand des Kartoffelkombinats in Egenhofen, will den Betrieb vergrößern.

(Foto: Leonhard Simon)

"Mit einer anderen Anbauweise ist das Produkt auch ein anders", sagt Halbritter. Das gilt für den Geschmack wie für die Auswahl der Gemüsearten. Saisonal und regional anzubauen bedeute am Ende, seine Ernährung komplett zu ändern und statt in den Supermarkt zu gehen, aus dem etwas zu kochen, was da sei. Für manche sei das gerade am Anfang eine echte Herausforderung, sagt Halbritter. Sie seien mit Gemüse konfrontiert, das sie noch nie gesehen, geschweige denn zubereitet hätten, erklärt Scheider. Um sich bei dieser Herausforderung zu unterstützen, haben Mitglieder begonnen, ein saisonales Kochbuch zusammenzustellen.

Wer Mitglied des Kartoffelkombinats oder der Solidarischen Landwirtschaft ist, baut nicht nur seine Ernährungskompetenz aus. Er wird auch seine Konsumentensicht überdenken. "Die Mitglieder zahlen nicht für das Gemüse, sondern dafür, dass der Betrieb läuft," sagt Scheider vom Donihof. Überall erklärt: "Wir teilen unsere Ernte auf, wie wir unsere Kosten aufteilen." Bei Ernteverlusten fallen die Anteile kleiner aus. Das war im vorigen Juni beim Kartoffelkombinat der Fall. Nach einem Hagelschaden seien die Gemüsekisten zwei oder drei Wochen etwas dünner ausgefallen, sagt Überall. Im Jahresverlauf gleiche sich das durch eine reiche Ernte an anderer Stelle im Großen und Ganzen aus.

EGENHOFEN: Besuch beim Kartoffelkombinat

Beim Kartoffelkombinat in Egenhofen gibt es Kraut.

(Foto: Leonhard Simon)

Viele kleine Kulturen statt Monokulturen sind zwar ökologisch sinnvoll, machen aber viel Mühe. Vieles müsse in Handarbeit erledigt werden, erklärt Überall. Der Donihof verzichtet auf schwere Maschinen, die den Boden verdichten und fossile Brennstoffe benötigen. "Mit so wenig Ressourcenaufwand größtmögliche Vielfalt erreichen" - das sei ihr Ziel, sagt Halbritter. Seit zwei Jahren arbeiten sie auf dem Feld mit vier Großeseln. Sie ziehen teils mehr als hundert Jahre alte Gerätschaften. Die hat Scheider, wie er erzählt, auf Ebay zusammengesucht. Teilweise seien sie vom Verkäufer als Dekoration für den Garten gedacht gewesen, sagt Scheider schmunzelnd. Der Mist der Esel ist Dünger für den Acker.

Neben der strikt ökogischen Anbauweise geht es beim Donihof um Solidarität. Damit auch einkommensschwächere Haushalte sich gutes Gemüse leisten können, zahle jeder das, was er könne, sagt Scheider. Der eine mehr, der andere weniger. Damit das Jahresbudget trotzdem gedeckt wird, gebe es eine Bietrunde einmal im Jahr, bei der jeder festlegt, wie viel er zahlen kann. Geboten wird bis das Jahresbudget zusammen ist. Gegenseitiges Vertrauen ist wichtig. Auch die Abholung läuft auf Vertrauensbasis. Jeder nehme so viel wie er brauche, aber so, dass genug für die anderen bliebe, sagt Scheider. Selber aussuchen können die Mitglieder sich die Gemüsesorten allerdings nicht. In Zeiten ohne Kontaktbeschränkungen habe es "wilde Tauschgeschäfte" gegeben, berichtet Scheider.

EGENHOFEN: Besuch beim Kartoffelkombinat

Rüben und Kartoffel werden auf den Äckern des Kartoffelkombinats angebaut.

(Foto: Leonhard Simon)

Wie viel es sich in die Solidargemeinschaft einbringen möchte, entscheidet jedes Mitglied selbst. Hilfe auf dem Feld sei immer wieder notwendig, sagt Scheider. Für die Mitglieder sei es eine Möglichkeit, mehr über den Gemüseanbau zu erfahren und ein Bewusstsein für ökologische Prozesse reifen zu lassen. Nur durch ein solches Verständnis könne man sich am Ende auch mit der eigenen Solidarischen Landwirtschaft identifizieren. Es gibt neben der Feldarbeit auch andere Möglichkeiten, sich mit seinem Wissen und Fähigkeiten in die Gemeinschaft einzubringen. Ein Mitglied kümmere sich beispielsweise um die Internetseite, sagt Scheider.

Auf dem Feld oder im Gewächshaus mithelfen können die Genossen des Kartoffelkombinats in der Saison jeden Sonntag in Jahren ohne Pandemie. In einer Gemeinschaftsaktion wurde in anderen Jahren Tomatensugo eingekocht, erzählt Überall. Ein Großteil der Mitglieder des Kartoffelkombinats zahlen bereits Anfang des Jahres den Beitrag für die gesamte Saison. Das sei auch notwendig. Überall erklärt: "Es ist, als würde man sein Gemüse im eigenen Garten anbauen."

MAMMENDORF: Besuch beim bei der SOLAWI AM DONIHOF

Verena Halbritter ist eine der Gründerinnen der Solidarischen Landwirtschaft.

(Foto: Leonhard Simon)

Auch da frage man sich vorher, was man anbauen wolle. Man brauche das nötige Know-how, Werkzeug, Saatgut, vorgezogene Jungpflanzen. Geld sei für die Genossenschaft ein Werkzeug, dass es ermöglicht, Gemüse regional, saisonal unter fairen Arbeitsbedingungen zu produziere. Profit spiele keine Rolle. Nun möchte sich das Kartoffelkombinat vergrößern und sucht nach einem weiteren landwirtschaftlichen Betrieb im Landkreis, der zum Verkauf steht. Mit der Größe erhöhe sich der Einfluss und der Hebel, mit dem das Kartoffelkombinat zur Ernährungswende Münchens beitragen zu können.

Die solidarische Landwirtschaft am Donihof sucht neue Mitglieder. Verteilstellen gibt es in Mammendorf und München. Infos an den Online-Infoabenden am Freitag, 15. Januar, und Dienstag, 19. Januar, jeweils um 19 Uhr. Anmeldung per Mail an donihof@antira.info. Infos zum Kartoffelkombinat unter www.kartoffelkombinat.de, auf Facebook und Instagram.

© SZ vom 15.01.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema