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Für 350 000 Euro:Grafrath kauft den Bahnhof

Die Gemeinde möchte im Stationsgebäude Wohnungen einrichten. Auf dem Gelände soll es eine Mobilitätsstation und möglichst auch wieder einen Kiosk geben

Von Peter Bierl

Der Termin beim Notar zur Unterzeichnung des Kaufvertrages war 2015 schon fixiert, als die Bahn im letzten Moment absagte. Der Erwerb des Bahnhofsgebäudes von Grafrath durch die Kommune war geplatzt. Vier Jahre dauerte es, bis sich die DB Immobilien wieder bei Bürgermeister Markus Kennerknecht (parteifrei) meldete. Die Verhandlungen zogen sich einige Zeit hin, aber nun ist es amtlich: Die Gemeinde Grafrath ist neuer Eigentümer.

Die Immobilie umfasst rund 3000 Quadratmeter Fläche, die offizielle Übergabe wird in den nächsten Tagen folgen. Der Kaufpreis betrug 350 000 Euro. Das Bahnhofsgebäude stammt im Kern aus der Zeit des Eisenbahnbaus um 1873, Grafrath wurde damit zum Anziehungspunkt für Ausflügler aus München und Ausgangspunkt für eine Fahrt auf dem Flussdampfer zum Ammersee. In Bahnhofsnähe bauten sich reiche Leute schicke Villen. Alte Postkarten zeugen von dieser Glanzzeit.

Der Bahnhof Grafrath

Zugeinfahrt heute: Eine S-Bahn hält am Bahnsteig in Grafrath. Die Signaltechnik funktioniert längst elektronisch, einen Bahnhofsvorsteher gibt es nicht mehr.

(Foto: Leonhard Simon)

Dem Bahnhofsgebäude sieht man das heute nicht mehr an, äußerlich ist aus der Gründerzeit nichts geblieben. Eine Visitenkarte für Grafrath ist das Haus auch nicht gerade. Die Wohnung im Obergeschoss steht leer, die Wartehalle unten ist wegen der Corona-Pandemie derzeit geschlossen, auf der südöstlichen Seite des Erdgeschosses bleibt die Bahn mit technischen Anlagen als Mieter präsent. Das kleine Gebäude mit Flachdach nebenan, in dem ein Kiosk residierte, möchte der Bürgermeister am liebsten wegreißen.

Als erstes soll das Obergeschoss hergerichtet werden, eventuell könnte man auf etwa 140 Quadratmeter dort sogar zwei Wohnungen einrichten, sagt Kennerknecht. Damit würde die Gemeinde über Unterkünfte verfügen, die nach sozialen Kriterien zu günstigen Mieten vergeben werden können. Die Wartehalle soll als Aufenthalt für Reisende erhalten bleiben, der Bürgermeister würde auch gerne wieder irgendwo einen kleinen Verkaufsstand unterbringen. Das Dach müsse untersucht und die Fassade erneuert werden, eventuell werden Instandhaltungsmaßnahmen fällig, sagt Kennerknecht. Im Haushalt möchte er dafür heuer schon einen größeren fünfstelligen Betrag einplanen. Das große Grundstück besteht zum Teil aus Verkehrsfläche, dem Wendehammer, außerdem sind dort Fahrradstellplätze untergebracht.

Bahnhof Grafrath

Zugeinfahrt früher: Der Bahnhofsvorsteher und ein Kind erwarten in Grafrath die dampfende Eisenbahn.

(Foto: Archiv Grafrath)

Die Gemeinde möchte dort eine Mobilitätsstation mit E-Bikes unterbringen und hat sich bereits beim Landkreis um ein solches Projekt beworben, berichtet der Bürgermeister. Am Bahnhofsvorplatz verkehren ohnehin schon etliche MVV-Linienbusse. Vielleicht könnte mit dem neu erworbenen Grund auch die Barrierefreiheit des Bahnhofs verbessert werden. Um Ideen zu sammeln, möchte der Bürgermeister noch in diesem Jahr einen kleinen städtebaulichen Wettbewerb zur künftigen Gestaltung und Nutzung des Areals veranstalten.

© SZ vom 29.01.2021
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