KulturAls Fotografien noch Luxus waren

Lesezeit: 2 Min.

Hans Siemssen gelingt es, seine Motive gekonnt in Szene zu setzen.
Hans Siemssen gelingt es, seine Motive gekonnt in Szene zu setzen. Carmen Voxbrunner

In der Haeusler-Villa in Fürstenfeldbruck sind erstmals Porträtaufnahmen des Augsburgers Hans Siemssen zu sehen. Sie erlauben den Blick in eine vergangene Epoche.

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

SZ bei Google bevorzugen

In Zeiten von Selfies und nie enden wollenden Foto-Feeds sind historische Porträtaufnahmen, wie etwa die von Hans Siemssen, ein maximaler Kontrast zu eingeübten Sehgewohnheiten. Kostbare Relikte aus einer Zeit, in der Fotos noch etwas Besonderes und Aufwendiges waren – und für die Abgelichteten eine durchaus kostspielige Angelegenheit. Die Kester-Haeusler-Stiftung gewährt nun erstmals einen Blick in die Sammlung Siemssens – mit 30 ausgewählten Aufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Sie bilden einen Querschnitt durch die Studioarbeiten des 1866 in Lübeck geborenen Fotografen, der 1893 nach Augsburg zog. Dort eröffnete er bald sein Atelier und wurde 1899 zum „Königlich Bayerischen Hofphotographen“. Aufnahmen vom Hof oder Adeligen sind in der Ausstellung allerdings nicht zu sehen. Die Kester-Haeusler-Stiftung besitzt mit 4000 Fotoplatten nur einen Teil der Siemssen-Sammlung, in dem solche Arbeiten nicht zu finden gewesen sind. Dafür zeigen die ausgestellten Werke eine spannende Auswahl der Menschen, die sich in dieser Zeit vor die Kamera gestellt haben.

Neben klassischen Einzelporträts sind auch Familienfotos zu sehen. Ein Vater beispielsweise, der in einem schweren Ledersessel sitzt, mit schwarzem Anzug, Krawatte und schwerem Ring am Finger, und ernst in die Kamera blickt. Seine jüngere Tochter hat die Hände über seine Schultern gelegt und steht direkt bei ihm. Die ältere Schwester dagegen steht einen Schritt weiter weg, und auch ihr Blick wirkt deutlich distanzierter. Interessant natürlich auch, was, oder besser gesagt, wer, auf dem Bild fehlt: die Mutter. Insgesamt strahlt das Bild eine ernste Bürgerlichkeit aus. Und zwangsläufig fragt man sich als Betrachter: In das Leben welcher Familie darf man hier schauen? Was arbeitet der Mann?

Requisiten, wie diese Kanone finden sich auf mehreren Aufnahmen wieder.
Requisiten, wie diese Kanone finden sich auf mehreren Aufnahmen wieder. Carmen Voxbrunner

Denn was Siemssen mit all seinen Bildern hervorragend gelingt: eine Atmosphäre der Authentizität zu schaffen. Er vermittelt seinem späten Betrachter das Gefühl, einen kurzen Blick in das Leben seiner Motive zu werfen und etwas von ihrer Persönlichkeit zu entdecken – egal ob Frauen, Männer, Kinder – oder die Schauspieler, die er für das Theater Augsburg fotografiert hat. Wie viel Inszenierung dabei in den einzelnen Fotos steckt, ist schwer zu sagen, denn über die Arbeitsweise des Augsburgers ist so wenig bekannt wie über die Porträtierten. Erkennbar ist allerdings, dass er in seinem Studio durchaus mit Requisiten gearbeitet hat. So findet sich eine kleine Spielzeugkanone gleich auf zwei Kinderbildern und auch ein Hut, den ein cool posierender junger Mann trägt, lässt sich in einer anderen Aufnahme erneut entdecken.

Eine original Glas-Fotoplatte zeigt, wie aufwendig die Fotografie im frühen 20. Jahrhundert noch war.
Eine original Glas-Fotoplatte zeigt, wie aufwendig die Fotografie im frühen 20. Jahrhundert noch war. Carmen Voxbrunner

Beim Rundgang durch die Ausstellung in der – übrigens schon für sich sehenswerten historischen Haeusler-Villa – bekommen die Besucher auch einen kleinen Einblick in die Arbeitsweise der Organisatoren. Denn alle gezeigten Arbeiten wurden eigenes für die Ausstellung von den gläsernen Fotoplatten digitalisiert, bearbeitet und dann gedruckt. Ein Vorher-Nachher-Vergleich macht deutlich, wie anders die Bilder nach Säuberung und Nachbearbeitung wirken. Auch eine Original-Platte wird in der Ausstellung gezeigt – ebenso wie eine historische Studiokamera aus dem Jahr 1910, die allerdings nicht aus Siemssens Besitz stammt. Und wie die Bilder in Farbe hätten aussehen können, wird ebenfalls gezeigt – mit einer Aufnahme, die von einer KI nachkoloriert wurde.

Ausstellung „Porträtkunst 1900-1930“ mit Fotografien von Hans Siemssen, Haeusler-Villa, Dachauer Straße 61 in Fürstenfeldbruck, zu sehen Samstag und Sonntag, 6. und 7. Juli, jeweils von zwölf bis 16 Uhr und zur Brucker Kulturnacht am Samstag, 13. Juli, von 19 bis ein Uhr. An diesem Abend wird um 20.30 Uhr auch der Hans-Siemssen-Förderpreis verliehen, für den sich Schüler der 11. Klasse des Graf-Rasso-Gymnasiums bewerben konnten.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Familien-Radtour: Olching-Fürstenfeldbruck
:Immer der Amper nach

Die erfrischende Tour von Olching nach Fürstenfeldbruck führt zu Kiesbänken für junge Entdecker, zu rauschenden Schleusen, Pfauen und Weißkopfseeadlern.

SZ PlusVon Elisabeth Großmann, Fotos: Jana Islinger und Johannes Simon

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: