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Film:"Ich war ein Ehrenmord"

Kino

Rede und Antwort stehen Produzentin Sandra Maischberger (rechts) und Gleichstellungsbeauftragte Renate Konrad dem Publikum nach der Vorführung von "Nur eine Frau" im Germeringer Kino.

(Foto: Privat)

Sandra Maischberger diskutiert im Germeringer Cineplex mit dem Publikum über den von ihr Produzierten Dokumentarfilm "Nur eine Frau"

Von Leonie Albrecht, Germering

In diesem Film wird es kein Happy End geben. Denn es ist die Stimme einer Toten, die das Ende vorwegnimmt, noch bevor der Film richtig begonnen hat: "Das bin ich. Mein Bruder hat mich erschossen im Februar 2005. Ich war ein Ehrenmord." Es ist die Geschichte von Hatun Sürücü, die von allen Aynur genannt wurde. In dem dokumentarischen Spielfilm "Nur eine Frau" ist die Verfilmung ihrer Geschichte nun in den deutschen Kinos zu sehen. Die Regie führte Sherry Hormann, bekannt durch Filme wie "Wüstenblume" und "3096 Tage". Sandra Maischberger, Journalistin und Produzentin des Films, reist seit Kinostart durch Deutschland, um ihren Film vorzustellen. Vor kurzem ist sie im Germeringer Cineplex zu Gast gewesen. Dort diskutierte sie gemeinsam mit der Germeringer Gleichstellungsbeauftragten Renate Konrad und den Zuschauern über "Nur eine Frau". Trotz der frühen Vorstellungszeit um 16.30 Uhr war der Kinosaal mit rund 100 Menschen gut gefüllt.

Doch was bedeutet "Nur eine Frau"? "Jeder kann sich dazu etwas denken", sagt Maischberger. Aber es bedeutet nicht nur die Abwertung und Geringschätzung der Frau, denn Aynur ist nicht nur eine Frau. Sie ist auch nur eine Frau. Eine von vielen, der ein solches Schicksal widerfahren ist. "Sie könnte jede unter uns sein", sagt Maischberger. Mit 15 Jahren musste Aynur, gespielt von Almila Bagriacik, das Gymnasium und ihre Heimatstadt Berlin verlassen. Denn ihre streng gläubigen Eltern schickten sie für eine arrangierte Ehe mit ihrem Cousin nach Istanbul. Einige Jahre später kehrt sie in ihr Elternhaus zurück: Hochschwanger ist sie vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen. Ihre Familie nimmt sie wieder auf, doch mit dem Bruch ihrer Ehe hat sie "Schande" über die Familie gebracht. "Zur Schande werden heißt: Einen eigenen Willen zu haben. Nicht den Regeln der Familie zu folgen und damit ihre Ehre zu verletzen", sagt Aynurs Stimme aus dem Off.

Aynur und ihr Sohn finden Schutz in einem Frauenhaus. Sie beginnt ein freies von Traditionen losgelöstes Leben. Sie legt ihr Kopftuch ab, beginnt eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin und trifft sich mit Männern. Nach jahrelangen Beschimpfungen und Morddrohungen durch ihre Brüder wird die 23-Jährige 2005 von ihrem jüngsten Bruder auf offener Straße erschossen. Mit dem Mord an seiner Schwester will der 19-Jährige die "Ehre" der Familie wieder herstellen. Drei von Aynurs Brüdern werden im selben Jahr wegen gemeinschaftlichen Mordes angeklagt. Der Jüngste erhält eine Haft von neun Jahren und drei Monaten. Die beiden Älteren werden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

"Das Thema ist heute noch drängender und hat eine aktuelle Relevanz", erklärt Maischberger, die schon seit 20 Jahren Filme produziert. Sie spricht von etwa zwölf sogenannten "Ehrenmorden" pro Jahr in Deutschland, jedoch ist eine hohe Dunkelziffer anzunehmen. Der Mord an Aynur ist durch zahlreiche Interviews und Dokumentationen sowie ein Buch gut dokumentiert. "Alle sind zu Wort gekommen, nur Aynurs Stimme fehlte bisher", sagt Maischberger. Mit "Nur eine Frau" wurde ihr diese Stimme nun zurückgegeben. Maischberger will jedoch nicht den Eindruck vermitteln, es gehe um ein spezielles Problem innerhalb des Islams. Der sogenannte "Ehrenmord" ist nur die Spitze einer radikalen Ideologie, davor steht der generelle Zwang zur Tradition, ein Strukturproblem. "Egal ob religiös, traditionell oder auch in Clans", sagt Maischberger, "es ist ein Muster: Du darfst dein eigenes Leben nicht bestimmen!" Konrad stimmt ihr zu: "Es geht hier um Gewalt gegen Frauen in patriarchalen Strukturen." Nicht zu vergessen sei aber, dass auch Männer beispielsweise von Zwangsheirat betroffen sind, fügt Maischberger hinzu.

Die Kinobesucher zeigen sich betroffen und überwältigt von Aynurs Geschichte. Eine Frau spricht von "der Zerrissenheit zwischen Liebe und abgesprochener Menschlichkeit" in Aynurs Familie. Einige fühlen sich jedoch auch machtlos: Was kann man tun, um Menschen aus solchen Zwängen zu helfen? Maischberger sieht zwei Handlungsfelder. Zunächst ist es wichtig, den Betroffenen Beratung, Unterstützung und Rückhalt zu bieten, wie der Verein "Terre des Femmes". Eine Sensibilisierung von Lehrern und Sozialarbeitern zu diesen Themen sei dafür notwendig. Zusätzlich erwähnt Maischberger die Rolle der Polizei, welche nicht gehandelt hat, als Aynur die Morddrohungen ihrer Brüder meldete. Der Umgang mit solchen Fällen sei sehr unterschiedlich, die Unterbesetzung in vielen Präsidien oft ein Problem, kritisiert sie.

Schließlich ist Aufklärungsarbeit notwendig, damit Angebote genutzt werden. Germering bietet bereits Workshops an Schulen an, die sich mit Religionen auseinandersetzen und mögliche Radikalisierungen durch falsche Quellen vermeiden sollen, erklärt ein Zuschauer. Auch Konrad betont, dass man Begriffe wie "Macht" und die eigene Rolle als Mann oder Frau diskutieren und überdenken müsse, sonst seien die Unterstützungsangebote "unsinnig". "Nur eine Frau" soll, so Maischberger, daher von diesem Herbst an auch mit dazugehörigem Unterrichtsmaterial an Schulen gezeigt werden.

© SZ vom 28.05.2019
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