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Fachtagung für Ernährung:Gut gemeint ist nicht immer gut

Ayse Cicek, türkischstämmige Gesundheitswissenschaftlerin, erläutert bei einer Tagung Erzieherinnen aus Oberbayern-West, weshalb Kinder mit Migrationshintergrund öfter übergewichtig sind

"Es gibt einen Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Übergewicht." So deutlich sagt es Ayse Cicek. Als Türkin, die mit ihren Eltern als Kind nach Deutschland kam, steht die promovierte Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin nicht im Verdacht, fremdenfeindlich zu sein. Dennoch sagt sie solche Sätze - und kann sie auch begründen. Vermutlich genau deshalb steht Cicek am Dienstagvormittag vor circa 70 fast nur weiblichen Zuhörerinnen: Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), genauer: das dort angesiedelte Netzwerk junge Familien, veranstaltet wie jeden Herbst an diesem Dienstag ihre Fachtagung zur Kinderernährung. In diesem Jahr lautet das vom Ministerium ausgegebene Motto "Kinderernährung in Bewegung - Herausforderungen und Chancen". Erzieherinnen und andere Multiplikatoren, die mit Kindern bis zum Grundschulalter oder deren Eltern zusammen arbeiten, aus ganz Oberbayern-West sind am Dienstag im Veranstaltungsforum Fürstenfeld. Das Motto, so heißt es in der Ankündigung zu dem Symposium, beleuchte den Wandel in der Lebenswelt von Kindern. Dieser Wandel bezieht sich bei der Fachtagung vor allem auf das zunehmende Übergewicht in der Bevölkerung. 2014 waren laut Bundesamt für Statistik zwei Drittel der Männer und etwa die Hälfte der Frauen in Deutschland übergewichtig. Eine Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts hat zudem ergeben, dass Kinder mit Migrationshintergrund häufiger zu dick sind.

Cicek, selbst Mutter von vier Kindern, und vor zehn Jahren maßgeblich an einem Projekt in Berlin zum Zusammenhang von Übergewicht bei Kindern und Migrationshintergrund beteiligt, beginnt ihren Vortrag mit zwei Grafiken. Die zeigen, dass bei den Kindern mit ausländischen Wurzeln die Mädchen noch früher zu viel Gewicht auf die Waage bringen als die Jungen. "Da gibt es meines Erachtens auch kulturelle Unterschiede, warum die Mädchen übergewichtig sind." Die Referentin erzählt von der eigenen Verwandtschaft, die sich gern im Park trifft und grillt. Bewegung, etwa in Form eines Ballspiels oder eines Spaziergangs, spiele bei ihrer Familie wie bei vielen anderen Menschen mit Migrationshintergrund keine Rolle. "Die Kinder sitzen die ganze Zeit", nach der Auffassung vieler Ausländer untermauere das ihre gute Erziehung, erläutert die Referentin.

"Es gibt einen Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Übergewicht": Ayse Cicek erläutert im Veranstaltungsforum Fürstenfeld kulturelle Hintergründe.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Cicek zählt in ihrem Vortrag noch weitere Faktoren auf, die zum Übergewicht beitragen und in Familien mit ausländischen Wurzeln besonders verbreitet sind. Allen ist gemeinsam, dass die Eltern für ihr Kind ja nur das Beste wollen. Beispiel Fertigprodukte: Viele Ausländern erkennen der Fachfrau zufolge diese als Statussymbol an, speziell, wenn sie von einer Markenfirma stammen. Gleiches gelte für Süßgetränke. Auch das Verhältnis zu Bewegung sei oft noch stark geprägt von einer Welt, in der körperlich hart gearbeitet werde. Darin sieht die Referentin den Hauptgrund, weshalb ausländische Kinder, insbesondere Mädchen, in Sportvereinen völlig unterrepräsentiert sind.

Ganz klar legt Cicek den Fokus auf eine bestimmte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund, nämlich Türken und andere Gruppen aus dem Nahen Osten. Das liegt vermutlich auch an ihren Erfahrungen bei der Arbeit in Berlin. Dafür gibt es am Ende auch etwas Kritik. Die einzige Zuhörerin mit Kopftuch moniert Ciceks Vortrag als zu klischeehaft. Auch eine Vertreterin des Elterntalks äußert "ein bisschen Bauchweh, dass man alle in eine Schublade steckt". Cicek gibt beiden Recht. Sie habe eingangs schon darauf hingewiesen, dass es hier nur um eine bestimmte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund gehe. Als besten Indikator solle man einfach darauf achten, ob die Kinder zu dick sind. Ferner gibt sie noch ein paar praktische Tipps, etwa eine Woche ohne Auto zum Kindergarten zu kommen oder Eltern über den Zusammenhang zwischen gesunder Ernährung, Bewegung und guten Schulnoten aufzuklären.

Schmecken, riechen, tasten: Beim Markt der Möglichkeiten wird auch ein Sinnesparcours präsentiert.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Beim Markt der Möglichkeiten im Foyer finden die Teilnehmerinnen an mehreren Ständen Anregungen, um Kinder und Eltern für gesunde Ernährung und Bewegung zu begeistern. Ferner gibt ein Sportwissenschaftler Tipps, wie man Bewegung in den Kindergartenalltag einbauen kann. In drei Foren gibt es nachmittags die Möglichkeit, mit Fachleuten verschiedene Aspekte zu diskutieren.