Europawahl Blick nach Süden

Spricht in Gröbenzell über Italien: Friederike Hausmann mit Moderator Peter Falk im Bürgerhaus.

(Foto: Günther Reger)

Friederike Hausmann referiert in Gröbenzell über die Politik Italiens

Von Karl-Wilhelm Götte, Gröbenzell

Die Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und Matteo Renzi sind bekannt, momentan drängt sich Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega als starker Mann ins Bild, der keine Flüchtlinge mehr ins Land lässt. Doch wie "Bella Italia" funktioniert oder besser: nicht funktioniert, dieses Wissen ist allzu weit verbreitet. In Gröbenzell hat nun Italienkennerin Friederike Hausmann die Politik und das Land für ihr Publikum eingeordnet. Eingeladen vom SPD-Ortsverein, klärte sie die 30 ins Bürgerhaus gekommenen Zuhörer auf. Ihre Einschätzungen wurden als sehr lohnenswert empfunden. Die Veranstaltung moderierte SPD-Gemeinderat Peter Falk.

Die Lehrerin Friederike Hausmann, 73, ist eine historische Persönlichkeit in Deutschland. Ein Foto machte sie weltweit bekannt, auf dem sie sich vor 52 Jahren über den sterbenden Benno Ohnesorg beugte. Dieser war unmittelbar zuvor als Demonstrant gegen Besuch des persischen Schahs am 2. Juni 1967 vom Polizisten und Stasi-Agenten Karl-Heinz Kurras erschossen worden. Die promovierte Historikerin erhielt in den Siebzigerjahren nach dem zweiten Staatsexamen als Gymnasiallehrerin für Latein und Geschichte in Deutschland Berufsverbot. Die damalige SPD/FDP-Bundesregierung unter Willy Brandt hatte 1973 einen sogenannten Radikalenerlass im öffentlichen Dienst eingeführt, der Hunderte Menschen betraf. Hausmann übersiedelte nach Italien und arbeitete fortan als Übersetzerin. Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland beschäftigt sie sich schreibend und übersetzend mit Italien.

Die Regierungsübernahme in Italien durch die Koalition von Lega und Cinque Stelle (Fünf-Sterne-Bewegung, die der Komiker Beppe Grillo initiierte) hatte mit der "Enttäuschung der Italiener über die neoliberale Politik der Sozialdemokraten, der Partito Democratico (PD), zu tun", erläuterte Hausmann. Das Brutto-Inlandssozialprodukt sei nach dem aktuellen OECD-Bericht von 2008 bis 2018 sogar gesunken. "Italien hat nichts aufgeholt", interpretierte Hausmann die Statistik. Die Strategie von Salvini und seinem Regierungspartner Luigi di Maio von der Fünf-Sterne-Partei ist, "die EU als Buhmann hinzustellen". Wirtschaftlich bestehe nach wie vor der gravierende Unterschied zwischen dem industrialisierten Norden im Dreieck Mailand-Turin-Genua sowie der hochspezialisierten Kleinindustrie in der Po-Ebene bis in die Toskana, wo vor allem Möbel und Schuhe produziert werden und dem armen Süden. "Südlich von Rom wollte man mit billigen Löhnen eine Schwerindustrie aufbauen", erläuterte die Rednerin, was jedoch scheiterte. Hausmann sicher: "Das Gebiet um Neapel ist eine Industriewüste geworden." Im Süden herrschen vor allem Minibetriebe vor. Die soziale Absicherung der Menschen ist vergleichsweise sehr gering. Deshalb sei das sogenannte Bürgergeld der neuen Regierung in Höhe von 780 Euro monatlich, das allerdings nicht bedingungslos ist, durchaus populär. Hausmann: "Es gibt eine große Armut in Italien - fünf Prozent der Bevölkerung sind absolut arm." Bei 60 Millionen Einwohnern sind das drei Millionen Menschen.

Die Staatseinnahmen sind in Italien eher begrenzt. "Mindestens 50 Prozent der Steuern werden nicht bezahlt", so Hausmann. Der Einfluss der privaten Fernsehsender von Berlusconi "ist durch die neuen Medien von Twitter und Facebook abgelöst worden", sagte Hausmann, "die Zeitungen reagieren nur noch darauf, was Salvini &Co twittern." Italien und die Mafia wird bei uns häufig in einem Atemzug behandelt. Hausmann machte deutlich, dass die Verfolgung von Korruption und Mafia-Verbrechen vehement betrieben werde: "Da gibt es in den beiden zuständigen Behörden ganz tolle Leute und sehr mutige Staatsanwälte."