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Erinnerungskultur:Die dunkelste Stunde

Mit aufgewühlter Stimme eröffnet Omid Jafari als Richter (Mitte) die Verhandlung. Links sitzen die Täter, rechts ihre Opfer.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Mit einer eindrücklichen Inszenierung erinnern Mammendorfer Mittelschüler an den Auschwitzprozess

Es sind bedrückende, immer wieder aufs neue verstörende und betroffen machende Bilder, die auf der Leinwand aufleuchten: ausgemergelte Körper, Menschen, die ihr wichtigstes Hab und Gut bei sich tragen. Die Blicke verängstigt, irritiert, unsicher. Unerträglich. Und im Hintergrund die Schienen. Immer wieder die Schienen. Mit historischen Fotografien von der Ankunft jüdischer Opfer der Nationalsozialisten an der Rampe von Auschwitz, mit denen die Schüler der Klasse M 10 der Mammendorfer Mittelschule ihren Besuchern die Verbrechen, die hier heute verhandelt werden, noch einmal vor Augen führen. Zwei Szenen aus Peter Weiss' "Die Ermittlung" haben sie sich ausgesucht und daraus ihre Inszenierung unter dem Titel "The darkest place" entwickelt, die sie nun in der Aula ihrer Schule aufführen.

Mit ernstem Blick und aufgewühlter, anfangs noch nervöser Stimme eröffnet Omid Jafari als Richter die Verhandlung, fest auf seinen schwarz verkleideten Tisch gestützt, ganz so, als sei die Last dieses Verfahrens zu schwer, um sie aufrecht zu schultern. Immerhin erzählt das Dokumentartheaterstück Ausschnitte aus dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965. Das Bühnenbild, das zwei Schüler gemeinsam mit einem Lehrer entwickelt haben, ist schlicht und ruhig gehalten. Neben dem Richterpult stehen zwei Tische, an denen Verteidiger (David Elßel) und Staatsanwalt (Marco Sieghart) sitzen, an den Seiten dienen zwei Langbänke aus der Turnhalle als Anklage- und Zeugenbank. Im Freiraum dazwischen stammeln die Täter ihre Ausreden und die Opfer erzählen von ihren schmerzlichen Erinnerungen, die Schweinwerfer sind stets auf Gesicht und Oberkörper gerichtet.

Immer wieder unterbricht Marco Sieghart als Staatsanwalt energisch die Täter in ihren Ausflüchten und versucht, sie zu klaren Aussagen und Geständnissen zu drängen. Vergebens. Ob er denn die Kamine gesehen habe und was er gedacht habe, das dort passiert, fragt er einen Angeklagten, damals Aufseher an der Rampe, mittlerweile Oberinspektor bei der Bundesbahn. "Ich hörte, das sind Bäckereien, und dachte, da wird Tag und Nacht Brot gebacken. Immerhin war es ein großes Lager".

Worum es den Schülern mit ihrer Aufführung geht, das erklärt Mandela in einem Videoeinspieler zu Beginn. Um die Frage nämlich, welche Schuld Menschen auf sich laden, wenn sie Befehle ausführen, die sich an geltendes Recht halten, die aber menschlich und moralisch nicht vertretbar sind. Das Stück arbeitet gut und schülergerecht heraus, wie sich jeder der Angeklagten drauf herausredet, ja nur eine kleine, unbedeutende Rolle eingenommen zu haben. Das man ja nichts gegen "diese Menschen" hatte, manche ja sogar eigentlich hätte helfen wollen, wären da nicht die anderen gewesen. Genauso nachvollziehbar wie die Täterseite ist aber auch die der Opfer herausgearbeitet. Sie erzählen von den schmerzhaften Trennungen von der Familie gleich an der Rampe im Lager bis hin zu Bestechungsversuchen vor der Verhandlung, wenn sie denn ein gutes Wort für die Angeklagten einlegen. Unterstützt wird die Atmosphäre durch den Einsatz von Musik, so singt Zalia Sully Jono Mccleerys "Darkest Light", die Fotoauswahl wird mit der Titelmelodie aus Schindlers Liste unterlegt. Zum Abschluss des Stückes erinnern drei Schülerinnen an die rechtsmotivierten Anschläge in Halle, Hanau und auf Walter Lübcke.

© SZ vom 06.03.2020

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