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Erinnerungen:Stumme Zeitzeugin des Brünner Todesmarsches

Museumswürdig ist diese rund 75 Jahre alte Puppe. Das Spielzeug begleitete Ingeberga Wölfinger 1945 auf deren Vertreibung aus Brünn.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Puchheimerin Ingeberga Wölfinger hat ihre Puppe dem Sudetendeutschen Museum vermacht

Von Christian Hufnagel, Puchheim

Was hätten diese blassblauen Augen nicht alles gesehen, wenn sie jemals hätten sehen können. Und was würde dieses Mündlein nicht alles erzählen, hätte es jemals sprechen können. Das Babygesicht wäre in vielen Medien aufgetaucht, wüsste es doch von Vertreibung und Tod, von Überlebenskampf und Schicksalsschlag, aber am Ende auch von manch glücklicher Fügung zu berichten. Aber weil es sich um ein stummes Spielzeug handelt, blieb ihm die Rolle als Interviewpartner natürlich verwehrt. So obliegt es eben der heute 80-jährigen Besitzerin zu schildern, warum ihre Puppe namens Ingrid für sie zu einem "Schutzsymbol" geworden ist, welches im kürzlich eröffneten Sudetendeutschen Museum in München einen Platz gefunden.

Zu einem der "letzten Zeitzeugen" eines opferreichen geschichtlichen Ereignisses kann sich Ingeberga Wölfinger aus Puchheim-Ort zählen. Als Fünfjährige erlebte sie die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Mähren: "Ich kann mich an alles erinnern, weil es so schlimm war", erzählt sie vom 30. Mai 1945, als ihre Mutter und Tante aufgefordert wurden, in zehn Minuten das Haus zu verlassen. Rund 27 000 Menschen waren es insgesamt, hauptsächlich Frauen, Kinder und alte Männer, die Opfer dieser Racheaktion für die Gräuel der Nazis an der tschechischen Bevölkerung wurden. Man trieb sie Richtung Österreich, wo einige Tausend nicht lebend ankamen, weil sie an Entkräftung, Hunger, Durst, Typhus, aber auch aufgrund der Gewalt durch die Begleitmannschaften starben. Das dramatische Geschehen ging deshalb als "Brünner Todesmarsch" in die Geschichtsbücher ein. Und mittendrin war Ingeberga Wölfinger und sah "links und rechts der Straße Leichen liegen". Das Mädchen fühlte sich aber nicht alleine. Ihre Puppe war mit im Kinderwagen. Und hat in ihrer Erinnerung die Mutter vor möglichen Übergriffen bewahrt. Die Bewacher hätten Ingrid für ein leibhaftiges Baby gehalten und die Mutter wohl deshalb in Ruhe gelassen, sagt die Puchheimerin.

Als Schutzpatronin für ihr Leben empfindet sie ihre Puppe noch aus zwei weiteren, nicht weniger gefährlichen Vorfällen. In Wien kamen Mutter und Tochter in einem Haus unter, auf das in einer stürmischen Nacht der Kamin des Nachbargebäudes krachte und drei Mitbewohner in den Tod riss. Und später, 1948 im Werdenfelser Land, brannte das alte Hotel nieder, in dem die Vertriebenen, inzwischen auch der Vater, einquartiert waren: "Wir konnten uns retten. In meiner Hand hatte ich wieder meine Puppe", erzählt Wölfinger.

Was danach folgte, kann zum Glück mehr ein gewöhnliches Leben genannt werden. 1962 lernt die Bankkauffrau ihren Ehemann Erich kennen, 1966 heiraten die beiden, 1974 ziehen sie von München nach Puchheim. Und in all den Jahrzehnten bewahrt die gebürtige Brünnerin ihre Puppe auf, "in einem Schrank, eingewickelt in einem Tuch".

Als Wölfinger von dem geplanten Sudetendeutschen Museum in München in der Hochstraße 10 erfährt, hat sie sofort die Idee, die stumme Begleiterin ihrer Kindheit dorthin zu spenden. Und eine Kommission befand das Objekt dann für interessant genug, in die Sammlung aufzunehmen. Die Puchheimerin ist jedenfalls sehr froh, dass ihre Ingrid einen dauerhaften, ehrenvollen Platz für die Nachwelt gefunden hat. Wo sie genau positioniert sei, wisse sie aber noch gar nicht. Denn die Eröffnung fand coronabedingt ohne Publikum statt. Sollte aber wie geplant das Museum von Freitag, 30. Oktober, an für die Öffentlichkeit zugänglich sein, wird Wölfinger sicherlich mit zu den ersten Besuchern gehören, um sich vom Verbleib ihres "Schutzsymbols" selbst ein Bild zu machen.

© SZ vom 17.10.2020

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