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Erinnerungen:Rückblick mit Kinderaugen

Renate Weidauer

Mit Liebe zum geschriebenen Wort: Renate Weidauer in ihrem Wohnzimmer in Puchheim mit ihrem Buch "Als Omi noch Lametta bügelte".

(Foto: Günther Reger)

In einem Buch erzählt die Puchheimerin Renate Weidauer ihre Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg

Von Ekaterina Kel, Puchheim

Manchmal hat sich eine Erinnerung im Kopf festgesetzt, man weiß genau, wie es war - und doch: "Die anderen erinnern sich ganz anders." Diese Erfahrung muss Renate Weidauer immer wieder machen, denn die 82-jährige Puchheimerin erinnert sich leidenschaftlich gern. An die Kindheit, an die Mutter und den Vater, an den Krieg. Sie hat sich vergangenes Jahr entschlossen, ihre Erinnerungen in einem Buch zu verewigen, was ihr auch von ihrer Schwester Ute und vielen Freunden geraten wurde. Nun ist es fertig, und die Autorin, die sich seit vielen Jahren im Puchheimer Seniorenschreibtisch engagiert, findet gerne Gelegenheiten, um daraus vorzulesen oder es zu präsentieren.

Mit dem Titel "Als Omi noch Lametta bügelte" versucht die 1935 geborene Weidauer eine Anspielung an die karge Zeit des Zweiten Weltkriegs, die sie als Kind zweier NSDAP-Mitglieder mit drei Geschwistern an der Seite erlebte. Gewiss ist es eine aus heutiger Sicht von lauter Entbehrungen gekennzeichnete Kindheit gewesen. So schreibt Weidauer über das Lametta für den Weihnachtsbaum aus dem im Krieg kostbaren Blei, das Jahr für Jahr aufgehoben und gebügelt wurde. Und über das große Grundstück südlich von Berlin, auf das die Eltern verzichten mussten, erst wegen des Kriegs und später wegen der SED-Mitglieder, die Weidauer nicht versäumt, als habgierig zu schmähen.

Die Kindheitserinnerungen an die als bitter und ungerecht erlebten Einschnitte in die persönliche Freiheit der Familie färben immer noch die Wahrnehmung der heute mehr als 70 Jahre zurückblickenden Frau. Sie vernebeln ihr dabei den Blick auf folgende Tatsache: Erinnerungen sind niemals äquivalent zur Geschichtsschreibung. Und schon gar nicht, wenn es darum geht, über den Zweiten Weltkrieg zu berichten. Ein Detail ist deshalb essenziell für die korrekte Einordnung dieses von Weidauer selbst finanzierten Buchs, das sie beim Verlag Idea in Auftrag gegeben hat: Weidauer ist studierte Germanistin und Historikerin und unterrichtete Deutsch und Geschichte für Abiturienten. Man kann von ihr also Distanz und Objektivität erwarten. Ebenso wie ein strenges Lektorat, das auf endlose Wiederholungen und Tippfehler achtet, wenn ihr Buch denn den Anspruch auf Geschichtsschreibung erhebt und Zeitzeugenberichte von ihr selbst einwebt. Gleichzeitig will das Buch lustig-lockere Unterhaltung für die Generation der Kriegskinder sein. Allzu oft überschreitet Weidauer die Grenze der naiven, kindlichen Sichtweise auf die Dinge und rutscht ab in historische Betrachtungen, ohne jedoch aus ihrer Haltung des eingeschnappten Kindes, das um eine beseelte Kindheit betrogen wurde, herauszukommen.

Beispielhaft sei der Einmarsch der amerikanischen Truppen in Großdeuben bei Leipzig genannt. Sie und andere Kinder haben vom dortigen Volkssturmführer den Befehl bekommen, Ölspuren eines Panzers mit Sandspielzeug zu entfernen. Die Alliierten galten der damals kaum Zehnjährigen als größte Feinde, haben sie doch ihre Heimatstadt Dresden bombardiert und ihre Familie mehrmals zur Flucht gezwungen. "Ist es da verwunderlich, dass wir die Lügen glaubten, die die Nazipropaganda ausstrahlte?", schreibt Weidauer.

Dass sie diese heute nicht glaubt, lässt sie zwar immer wieder durchscheinen. Aber Reflexionsvermögen, wie man es von einer Historikerin und einer Tochter der Tätergeneration erwarten würde und einfordern sollte, beweist die Autorin kaum. So schreibt sie allzu oft davon, dass ihre nationalsozialistisch gesinnte Mutter sich sehnlichst das Mutterkreuz gewünscht habe und deshalb 1943 den jüngsten Sohn gebar. (Die Ironie: Von diesem Jahr an wurden keine Mutterkreuze mehr verliehen, wohl wegen des Chaos in der Verwaltung.)

Dass es auch ihrer deutschnationalen und parteitreuen Familie zum katastrophalen Ende des zerstörerischsten Krieges, den der Planet ertragen musste, ein wenig an den Kragen ging, hat Weidauer der Welt offenbar niemals verziehen. Keine Frage, es ist schrecklich, wenn die Alliierten Dresden bombardieren und gezielt Zivilisten angreifen. Es ist hart, wenn die Familie zeitweise getrennt wird und die Kinder ausharren, ob sie ihre Eltern jemals wiedersehen. Aber der Entnazifizierung, die der Vater "über sich ergehen lassen musste", zwei Seiten von 165 zu widmen und sie in Anführungszeichen zu setzen - so etwas muss problematisiert werden. "Im Strudel des Unrechts" habe sich der Vater, auch als Mitläufer, befunden, schreibt Weidauer. Wie viel davon noch heute auf ihren Schultern lastet, darüber wundert sich die Autorin auf der letzten Seite zumindest selbst.

© SZ vom 10.03.2018
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