Erding, die große Kreisstadt im Norden Münchens, hat 37 000 Einwohner. Im Herbst vor zehn Jahren kamen vorübergehend noch einmal 50 000 hinzu, die meisten von ihnen allerdings nur für eine Nacht. Als im Sommer 2015 täglich Tausende Flüchtlinge vorwiegend über die Balkanroute nach Deutschland kamen, beschloss die Bundesregierung die Einrichtung von Registrierungszentren, weil viele Flüchtlinge nicht so kooperierten, wie es für die Bürokratie am einfachsten gewesen wäre. Am 18. September wurden Stadt und Landkreis Erding informiert, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einen Teil des Erdinger Fliegerhorsts beschlagnahmt, wie es ein Jahr zuvor schon in Fürstenfeldbruck geschehen ist.
Auf Deutschlands ehemals zweitgrößtem Militärflugplatz schufen Bund, Bundeswehr, Technisches Hilfswerk und Deutsches Rotes Kreuz innerhalb von nur drei Wochen eine kleine Stadt mit den bestehenden 18 Flugzeughallen (Shelter) und zehn beheizten Bierzelten. Eine Kanalisation war vorhanden, allerdings musste eine komplette Strom- und Wasserversorgung aufgebaut werden. Hinzu kamen mehrere Kilometer Zaun mit Stacheldraht, um den militärischen Sicherheitsbereich abzuschirmen.

Das „Camp Shelterschleife“, wie der Warteraum Asyl in Erding genannt wurde, war als Flüchtlings-Drehscheibe konzipiert. Das Camp wurde am 19. Oktober eröffnet. Eine Durchgangsstation mit Platz für 5000 Menschen, die an der Grenze aufgegriffen worden waren und meist nur eine Nacht in Erding schliefen, bis sie weiterverteilt und in Busse gesetzt wurden, die irgendwohin in Deutschland fuhren, zur nächsten Einrichtung.
Viele wollten weiter nach Skandinavien oder zu Verwandten in Deutschland, auf eigene Faust. In Erding liefen sie, ihr Gepäck geschultert, durch das Camp, und verließen es durch das offene Tor. Sie wanderten an der Bundesstraße entlang auf einem in Eile angelegten Fußweg Richtung Erdinger S-Bahnhof. Mehr als 350 Soldaten halfen im Schichtdienst bei der Registrierung, aber viele ließen sich in Erding nicht registrieren, damit ihnen an ihrem Zielort dadurch keine Nachteile entstehen würden. Auch das Tor blieb offen, das BAMF durfte schließlich niemanden einsperren und das Rote Kreuz hatte klargestellt, für Kontrollen nicht zur Verfügung zu stehen.
Das medizinische Angebot wurde nicht wie erwartet in Anspruch genommen
Die Kapazitäten des Camps wurden damals nie ausgeschöpft. Durchschnittlich kamen täglich etwa 1400 Flüchtlinge an. Die meisten stammten aus Syrien, Afghanistan, Nigeria, Eritrea, aus Pakistan und Senegal. Weil sich die meisten Flüchtlinge nicht länger als 24 Stunden im Camp aufhielten, wurde das medizinische Angebot nicht wie erwartet angenommen. Ausgezehrt von der wochenlangen Flucht, manche Frauen schwanger, andere Flüchtlinge mit Ermüdungsbrüchen, machten sie sich umgehend wieder auf den Weg.
Innenminister Thomas de Maizière, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer gaben sich 2015 in Erding buchstäblich die Klinke in die Hand. Am 10. Oktober veranstaltete die CSU einen Fachkongress zum Thema Asyl in der Stadthalle mit viel politischer Prominenz. Seehofer, der kurz davor Kanzlerin Angela Merkel mit „Notwehr“ und einer Klage gegen die Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht gedroht hatte, wurde in der Stadthalle mit viel Beifall empfangen. Und er nutzte seinen Auftritt, um Merkel erneut anzugreifen: „Einfach zu sagen, in unserer Zeit lassen sich 3000 Kilometer Grenze nicht mehr schützen, ist eine Kapitulation des Rechtsstaats vor der Realität“, sagte er, ohne die Bundeskanzlerin beim Namen zu nennen.
Auch Innenminister de Maizière (CDU) musste sich bei seinem Besuch des Camps Shelterschleife Kritik gefallen lassen. Vor laufenden Kameras rumpelten er und Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) arg aneinander. Bayerstorfer bezeichnete unter anderem die Anlage auf dem Fliegerhorst als „Schwarzbau“. „Sollen wir das alles wieder abreißen?“, konterte de Maizière.

Das Camp blieb weiterhin ein Politikum: Vor allem Landrat Bayerstorfer trat dafür ein, dass sich die Flüchtlinge umgehend und unbedingt registrieren lassen müssten. Wer nicht mitwirke bei der Feststellung seiner Identität, müsse in Haft. Eine Auffassung, mit der er es sogar in die Fernseh-Talkshow „Maybrit Illner“ geschafft hatte. Danach legte sich die Aufregung, als die Zahl der Flüchtlinge, die sich nicht registrieren ließen, schließlich sank. Volker Grönhagen, Leiter des Camps, sagte, der Anteil dieser Verweigerer liege zwischen fünf und acht Prozent. Von 19. Oktober bis Ende des Jahres 2015 durchliefen rund 50 000 Menschen auf der Flucht das Camp in Erding.
Unter großem Zeitdruck wird ein Teil des Fürstenfeldbrucker Fliegerhorsts entmilitarisiert
Im Landkreis Fürstenfeldbruck landete die Vorhut der großen Fluchtbewegung schon ein knappes Jahr vorher. Wo eben noch Soldaten lebten oder sich auf ein Bier im Unteroffiziersheim trafen, da zogen im Herbst 2014 die ersten Flüchtlinge ein: Unter großem Zeitdruck wurde damals ein kleiner Teil des Fliegerhorsts „entmilitarisiert“, wie das die Bundeswehr nennt. Denn es galt, Hunderte Menschen unterzubringen, die dem Landkreis Fürstenfeldbruck zugeteilt worden waren. Was als Unterkunft für Asylbewerber lediglich für eine Übergangszeit gedacht war, wurde zur Dauereinrichtung. Lediglich die Zahl der untergebrachten Menschen stieg und der Name der Einrichtung änderte sich: Aus der Erstaufnahmestelle für Asylbewerber wurde später eine Dependance des sogenannten Ankerzentrums Manching/Ingolstadt. Mindestens bis 2030, dem bislang geplanten Abzugstermin der Bundeswehr, soll das so bleiben.

Anfang Oktober 2014 standen mehrere von einem Streifenwagen eskortierte Busse buchstäblich vor den Toren der Stadt. Während die Unterkünfte und das Unteroffiziersheim auf dem Fliegerhorst noch vorbereitet und mit Stockbetten ausgestattet wurden, strandeten die 180 Asylbewerber erst einmal am Pucher Meer, einem Baggersee am Stadtrand.
Genießen konnten die Menschen den Aufenthalt bei spätsommerlichen Temperaturen auf dem Fürstenfeldbrucker Erholungsgeländes nicht. Denn hinter ihnen lag eine Odyssee. Die letzten Wegmarken waren die Münchner Bayernkaserne sowie ein Landschulheim in Münsing am Starnberger See. Vor ihnen lag eine ungewisse Zukunft.
Kinder und Frauen saßen auf Koffern, Männer diskutierten und telefonierten
An der Hauptpforte des Fliegerhorsts waren die Busse abgewiesen worden, weil der Bauzaun, mit dem die provisorischen Flüchtlingsunterkünfte vom Rest des weitläufigen Militärgeländes abgetrennt wurden, nicht den Mindestanforderungen der Bundeswehr entsprachen. Diese wurden vom Militärischen Abschirmdienst vorgegeben und kontrolliert. Also wurde der Konvoi umgeleitet zum sogenannten Pucher Meer. Dort herrschte Verunsicherung. Auch die Vertreter der Regierung von Oberbayern konnten nicht sagen, wie es weitergehen würde. Kinder und Frauen saßen auf Koffern, Männer diskutierten und telefonierten. Niemand habe ihnen gesagt, wo es hingeht, sagte Paul Owusu, damals 22, aus Ghana. Immerhin: „Wir wurden bisher gut behandelt.“
Fünf Stunden nach ihrer Ankunft in Fürstenfeldbruck wurden die Flüchtlinge erneut zum Fliegerhorst gebracht und gelangten durch eine geöffnete Lücke im Zaun zu ihren Unterkünften. Der Anblick der großen Gemeinschaftssäle löste bei einigen Neuankömmlingen Unmut aus. Nicht so bei Muhamad Al-Katib. Er kommt aus Syrien, hatte eine Flucht im Boot übers Mittelmeer hinter sich. In seiner Heimat starben die Menschen im Krieg. Deutschland bedeute für ihn Sicherheit. Das sei wichtiger als ein eigenes Zimmer.

In den folgenden Monaten wurden weitere Kasernenbereiche zu Notunterkünften. Weil der Zustrom der Menschen 2015 noch zunahm, musste man die Erstaufnahmestelle, für die die Bezirksregierung zuständig ist, kontinuierlich erweitern. Einblicke bekamen Politiker, Bürger und Journalisten selten. Was hinter den Schranken passierte, an denen Security-Mitarbeiter postiert waren, blieb der Öffentlichkeit weitgehend verborgen.
Immer wieder hörte man von Streitereien und Handgreiflichkeiten unter den Menschen, die auf engem Raum zusammenleben mussten und nicht arbeiten durften. Bewohner leisteten Widerstand gegen die Polizei, wenn sie abgeschoben werden sollten. Die überwiegende Mehrheit waren alleinstehende Männer aus Nigeria, die im Asylverfahren schlechte Aussichten auf Anerkennung hatten. Manche lebten mehr als ein Jahr in der angeblichen Erstaufnahmestelle, in der sie eigentlich nur ein paar Wochen hätten unterkommen sollen.
Perspektivlosigkeit, Langeweile und fehlende Privatsphäre in den Sechs- oder Achtbettzimmern sind eine brisante Kombination. Eine Stadt wie Fürstenfeldbruck mit ihren etwa 35 000 Einwohnern könne eine Sammelunterkunft dieser Größe auf Dauer nicht stemmen, warnten Politiker, Asylhelfer und benachbarte Einwohner.

Landrat Thomas Karmasin (CSU) geriet wegen seiner restriktiven Linie zunehmend in die Kritik. So zogen 2017 etwa 400 Asylhelfer, Flüchtlinge und Unterstützer aus dem ganzen Landkreis durch Fürstenfeldbruck. Bei einer Kundgebung vor dem Landratsamt kritisierten sie, dass die Behörden viel zu hohe Hürden aufbauten für Arbeitsgenehmigungen und es Asylbewerbern so verweigerten, den Tag sinnvoll zu verbringen und für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Viel zu häufig gestrichen werde auch das Taschengeld – etwa um angeblich fehlende Kooperationsbereitschaft bei der Identitätsfeststellung zu sanktionieren.
Auch in der Asyl-Erstaufnahmestelle stieg der Druck im Kessel. 2018 demonstrierten mehr als 200 Bewohner, darunter Frauen mit Kindern, gegen die Lebensbedingungen. Die Vorwürfe reichten von schlechtem Essen und schlechter medizinischer Versorgung bis hin zu angeblicher Schikane durch das Sicherheitspersonal. „Sie behandeln uns wie Tiere“, sagte ein damals 28-Jähriger aus Ghana. Mit Transparenten zogen sie vors Rathaus und blockierten eine zentrale Kreuzung. Es kam vereinzelt zu Rangeleien mit den Sicherheitskräften. Ein Polizist wurde verletzt, zwei Demonstranten wurden vorläufig festgenommen.

Wirtschaft und Forschung:Aus für Hightech-Medizin-Projekt in Fürstenfeldbruck
Die Produktion von Radiopharmaka für die Krebstherapie auf dem Gelände des bisherigen Fliegerhorsts scheitert an Finanzierung und Umweltauflagen. Die Stadt und die Gemeinde Maisach möchten dennoch an der Ansiedlung von Hochtechnologie festhalten.
Die Regierung von Oberbayern erklärte die Einrichtung zur Dependance des sogenannten Ankerzentrums Manching. Dadurch änderte sich nicht viel. Immerhin gelang es der Stadt in zähen Verhandlungen, dem Innenministerium im Gegenzug für die formale Nutzungsgenehmigung der Unterkunft Zugeständnisse abzuringen. So sollte diese 2023 wieder dicht gemacht werden, um die zivile Umgestaltung des 200 Hektar großen Militärgeländes nicht zu behindern. Zudem wurde die Maximalbelegung von 1600 auf 1000 Bewohner reduziert und ein höherer Anteil von Frauen und Familien zugesagt. Die Belegung einer zweiten großen Asylunterkunft im Gewerbegebiet der Stadt konnte von 140 auf 70 Bewohner reduziert werden.
Es folgte die Verlängerung der Genehmigung bis 2023 und dann erneut um zwei Jahre. Im Frühjahr 2025 hat der Stadtrat die Nutzungsgenehmigung für die Flüchtlingsunterkunft am Fliegerhorst deshalb ein weiteres Mal ausgedehnt – diesmal bis 2030. Auf jenes Jahr hat die Bundeswehr den endgültigen Abzug aus Fürstenfeldbruck verschoben.
Aktuell leben im „Ankerzentrum“ nach Angaben des Landratsamts 636 Personen, weitere 80 bis 90 in einer zweiten Gemeinschaftsunterkunft der Bezirksregierung in Germering. Fast 2300 Geflüchtete sind in anderen, dezentralen Einrichtungen des Landkreises untergebracht – davon 1172 aus der Ukraine.

