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Entwicklungshilfe:Eine Klinik für Ghana

afrikaprojekte von Anne sittl

Von 2011 bis 2013 lebte Anne Sittl in Ghana und behandelte dort in ihrer Praxis und in einem Armenviertel auch Kinder.

(Foto: Anne Sittl/oh)

Die Gröbenzeller Ärztin Anne Sittl initiiert seit zwei Jahrzehnten Projekte in Afrika. Zurzeit sammelt sie Geld für ein Gesundheitszentrum

Die Gröbenzeller Ärztin Anne Sittl ist klein und zierlich. Aber sie hat sehr viel Power, ist pragmatisch veranlagt und versteht es, sich durchzusetzen. Das muss sie auch. Schließlich baut sie zurzeit in Ghana, einem Land an der Westküste Afrikas, eine kleine Klinik. Für dieses Projekt sammelt sie Geld. Ist ihr Gesundheitszentrum fertig, möchte sie selbst dort mitarbeiten. Ehrenamtlich. Was aber nicht bedeuten soll, dass das Krankenhaus auf Dauer am Tropf von Spendern aus Europa hängen oder auf die Mitarbeit ihrer Gründerin angewiesen sein sollte. Denn dann würde etwas falsch laufen.

Sittl verfolgt ein anderes Ziel. Sie will erreichen, dass sich das Krankenhaus selbst trägt und unabhängig ist. Das hält sie für möglich, auch weil es in dem armen Land so etwas wie eine Krankenkasse auf einem sehr, sehr niedrigen Niveau gibt. Sonst hätte sie sich nicht auf das Abenteuer eingelassen. Nur wichtige medizinische Geräte, die in dem westafrikanischen Land fast nicht zu bekommen sind, sollen nach der Anlaufphase noch zusätzlich beschafft werden. Wie bei anderen Hilfsprojekten auch, die die 58-Jährige in Afrika erfolgreich seit zwei Jahrzehnten initiiert und aufbaut, geht es auch hier um Hilfe zur Selbsthilfe.

Und Sittl ist überzeugt, die 200 000 Euro zur Finanzierung der Baukosten für drei Behandlungsräume, zehn stationäre Betten, ein Labor und eine Arztwohnung in Brafoyaw zusammenzubringen. Mehr als die Hälfte des Betrages hat sie bereits gesammelt, nun sind genau 3333 Euro von der Gemeinde Gröbenzell dazugekommen. Mit den Bauarbeiten wurde bereits begonnen. Und die Gröbenzellerin verfügt über etwas, was ihr für das Vorhaben am wichtigsten ist: Das sind verlässliche Unterstützer in Afrika. Ohne die wäre sie aufgeschmissen. Einen ihrer Helfer, einen jungen promovierten Chemiker, bezeichnet sie als "Kulturübersetzer". Der Ghanese wisse ganz genau, was sie wolle, und helfe, ihre Idee in dem fremden Land umzusetzen. Nur so sind in Afrika für Europäer unüberwindbare Hürden zu bewältigen.

Die Frage, wie sie zu ihren Projekten kam, beantwortet die Gröbenzellerin, ohne zu überlegen: "Das ist ganz einfach", sagt sie. In den Neunzigerjahren betreu- te die Medizinerin während ihrer Weiterbildung zur Ärztin für Klassische Homöopathie ehrenamtlich Asylbewerber in Erlangen-Frauenaurach. Als einer der Flüchtlinge in der Weihnachtszeit 1994 zurück nach Ghana wollte, fragte sich Sittl, ob es nicht die bessere Lösung wäre, den Menschen in ihrer Heimat zu helfen, anstatt mit einem um ein Vielfaches höheren Aufwand nach ihrer Flucht in Deutschland. Schließlich erübrige sich für jeden, der ein Auskommen in seiner Heimat findet, die Migration nach Europa. Nach diesen Überlegungen dauerte es nicht lange, bis sie mit mehreren Nähmaschinen im Gepäck in einem Flugzeug nach Afrika saß.

Das war die Initialzündung für eine ganze Reihe von Selbsthilfeprojekten. Mit ihren Nähmaschinen konnte Sittl in Takoradi in Ghana Nähgruppen gründen. Aus diesen Nähgruppen entstanden weitere Hilfsprojekte. Neben einer Schlosserei sind das eine Schuhmacher- und eine Schreinerwerkstatt sowie eine Werkstatt zur Reparatur von Fernseh- und Radiogeräten - und sogar noch eine Garküche. Allein in den Werkstätten fanden etwa fünfzig Menschen einen Arbeitsplatz und damit ebenso viele Familien die Möglichkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die Projekte florieren noch immer und brachten der Ärztin vor acht Jahren die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz ein.

Im Lauf der Jahre kamen zu den Werkstätten noch ein Schulprojekt und der Bau von Brunnen und Bewässerungsanlagen für Bauern in Tamale hinzu. Zwischen 2011 und 2013 lebte die Mutter von drei Kindern in Afrika, um im Armenviertel Effiakuma von Takoradi als Ärztin zu praktizieren. Bevor sie sich vor zwei Jahren als Medizinerin in Gröbenzell niederließ, arbeitete sie noch in drei Arztpraxen in Indien mit.

Ein bisschen betrachtet die Gröbenzellerin ihr Leben als Abenteuer. Sie ist nach wie vor von anderen Kulturen fasziniert und begierig darauf, diese kennen lernen und in exotischen Ländern wie Ghana einen Teil ihres Lebens zu verbringen. Die Begeisterung für Fremde und Fremdes zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. So arbeitete Sittl bereits nach ihrem Abitur als 19-Jährige in einem Kibbuz in Israel mit. "Ich mache nur das, was mir Spaß macht", beteuert sie. Helfen könnte die Medizinerin nämlich auch in Deutschland. Nur zu helfen, reicht ihr jedoch noch nicht. Was sie macht, muss zudem spannend sein, sonst würde sie irgendwann das Interesse daran verlieren.

Der Mediziner Albert Schweitzer, der in Afrika in den Fünfzigerjahren eine Klinik und das Dorf Lambaréné für Leprakranke baute, ist für die Gröbenzellerin weder Vorbild noch Idol. Schweitzer ist ihr dafür einfach zu altruistisch. "Ich will nicht helfen, die Leute müssen das selbst machen", sagt Sittl, die ihre Arbeit in Afrika als "Austausch" erlebt. Bei allem was sie dort tue, lerne sie viel, weil die Menschen viel zu geben haben, sagt sie. Um zu ergänzen: "Nebenbei kommt was Gutes heraus". Letztlich, das ist ausschlaggebend, habe sie noch "Spaß" an der Zusammenarbeit mit den Ghanesen und ihren Aufenthalten in Afrika.

Mindestens ebenso spannend wie ihre Praxis in Gröbenzell sind für Sittl im Moment die Bauarbeiten an ihrem Gesundheitszentrum. Die kleine Klinik liegt im Einzugsbereich des Städtchens Moiree. In dem Gebiet leben zurzeit etwa 30 000 Menschen ohne einen einzigen Arzt. Da die 58-Jährige ihre Arbeit ganzheitlich sieht, geht es ihr bei diesem Vorhaben um viel mehr als nur die Behandlung von Patienten. Genauso wichtig sind ihr die Gesundheitsvorsorge und die Weiterbildung von Schwestern, Pflegern und Ärzten.

Ist die Klinik fertig, sollen dort den Frauen Gespräche zu Ernährungsfragen, zur Familienplanung, zur Bedeutung von Bewegung und zur Hygiene angeboten werden. Der Erhalt der Natur, die Vermeidung von Plastikabfall, Verhütung und die Prophylaxe gegen sexuell übertragbare Krankheiten sind Themen, die Sittl bei Projekten mit Schülern behandeln will. Zudem verbindet die Initiatorin mit ihrem Gesundheitszentrum noch ein weiteres Ziel. Durch den Aufbau einer Kinderbibliothek und ein Angebot von Spielmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche sollen Spiel und Sport gefördert werden. Informationen zu dem Gesundheitsprojekt im Internet unter http://ghana-freunde-takoradi.de.

Interessenten und Unterstützer des Gesundheitszentrums sind am Freitag, 28. Oktober, ins Bürgerhaus von Gröbenzell eingeladen. Dort berichtet Anne Sittl von 19.30 Uhr an über ihr Projekt. Zudem tritt ein Saxofonquartett mit Simone Horst, Katrin Fischer, Moritz Bakowski und Elias Codreanu auf. Serviert werden ghanaische Quarkbällchen.

© SZ vom 25.10.2016