Emmering:Tödliche Attacke mit Machete

Emmering: Der Wohnblock liegt in einem ruhigen Emmeringer Quartier. In der Nacht auf den Donnerstag kommt es dort zu einer Familientragödie.

Der Wohnblock liegt in einem ruhigen Emmeringer Quartier. In der Nacht auf den Donnerstag kommt es dort zu einer Familientragödie.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

33-Jähriger stirbt offenbar nach einem Streit mit seinem jüngeren Bruder. Der wird festgenommen. Nachbarn berichten von einem ganzen Waffenarsenal in der Wohnung

Von Stefan Salger, Emmering

In der Nacht auf den Donnerstag ist es in Emmering offenbar zu einem tödlich verlaufenden Streit zwischen zwei Brüdern gekommen. Gegen vier Uhr in der Früh alarmierte eine Anwohnerin die Polizei. Die Einsatzkräfte fanden im Bad der Nachbarwohnung des Mehrfamilienhauses einen tödlich verletzten 33-Jährigen. Als Tatwaffe wurde eine Machete sichergestellt. Als Tatverdächtiger gilt der jüngere Bruder des Opfers, der vorläufig festgenommen wurde. Die Ermittler gehen zurzeit davon aus, dass der Jüngere dem Älteren im Verlauf eines Streits mit dem großen Messer die tödlichen Verletzungen zugefügt hat. Der Tatverdächtige solle noch am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt werden, hieß es. Staatsanwaltschaft München II und Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck nahmen noch in den Morgenstunden vor Ort die Ermittlungen auf.

Am frühen Nachmittag ist die Spurensicherung wieder aus dem ersten Stock des blassgelben Blocks in dem ruhigen Emmeringer Wohnviertel abgezogen. Die Haustür ist abgeschlossen, davor liegt ordentlich der Fußabstreifer. Doch der Schein der Normalität trügt. Die Nachbarn stehen sichtlich unter Schock. Einer Frau, die die beiden Brüder mit kroatischen Wurzeln gut kannte, schießen die Tränen in die Augen. "Das ist ganz schwierig, auch für uns." Die Jungs seien beide immer nett und höflich gewesen.

Ein Nachbar aus dem gelben Haus berichtet, dass es um kurz vor vier Uhr laut geworden sei in der Wohnung. Erst im September ist der Vater der Brüder gestorben, seither schmissen sie gemeinsam den Junggesellenhaushalt. Es habe immer mal wieder Zoff gegeben, aus allen möglichen Anlässen. Am frühen Donnerstagmorgen eskalierte die Situation. Ein paar Minuten später klingelte der jüngere Bruder mit blutgetränkter Kleidung bei der Frau, die unter ihm wohnt und vertraute sich ihr an.

Die ganze Straße war voll mit Polizei, Notarzt, Krankenwagen, Kriseninterventionsteam - überall flackerndes Blaulicht. Der Frau im Nachbarhaus wird klar, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Das ganze Ausmaß des Dramas sickert in den nächsten Stunden durch. Es gibt Hinweise auf die Hintergründe, über die die Polizei an diesem Tag noch keine Auskunft geben kann: Der jüngere Bruder hatte am Mittwoch Geburtstag. Die beiden arbeiten in einem nahegelegenen Supermarkt. Ein junger Mann, der die Brüder schon seit seiner Kindheit kennt und oft mit ihnen gefeiert hat, weiß, dass sie zu passenden Anlässen reichlich Hochprozentiges mit nach Hause nehmen. An solchen Abenden sinke dann die Hemmschwelle. Seit gut 20 Jahren kenne man sich, und immer mal wieder sei der eine Bruder mit einem blauen Auge oder der andere mit einer verbundenen Stichwunde an der Hand aufgetaucht. "Die beiden haben sich schon manchmal richtig gekloppt", sagt der Bekannte. Als er einmal in ihrer Wohnung war, da habe er zudem in einer Kiste ein ganzes Waffenarsenal zu sehen bekommen, vom Säbel bis zur alten Schrotflinte, von der man nicht wusste, ob sie noch funktionsfähig war. Der Vater galt als Waffennarr, er klapperte Flohmärkte ab und hortete all seine "Schätze". Neben dem gelben Haus steht immer noch ein mit allem möglichen Krimskrams vollgepackter Kleinwagen.

"Eigentlich war der jüngere Bruder immer der vernünftigere", sagt die Nachbarin. Der hatte sich vorbildlich um den Vater gekümmert, als der nicht mehr als Busfahrer arbeiten konnte und es ihm schlechter ging. Beide Brüder hätten sich "ordentlich ins Zeug gelegt" und manchmal bis spätabends noch Regale eingeräumt, um zu zeigen, dass sie es auch allein schaffen. "Wirklich sehr tragisch", sagt der Bekannte und versucht, Fassung zu bewahren. "Gestern habe ich noch beide gesehen, und wir haben uns auf der Straße gegrüßt, da war alles ganz normal."

© SZ vom 09.10.2020
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