Sonntagvormittag: Stühle und Bänke werden getragen, um bei der letzten Abendmahlsfeier in der Versöhnungskirche der evangelisch- lutherischen Gemeinde in Emmering allen einen Sitzplatz zu bieten. Es herrscht zunächst eine fröhliche Stimmung, als Kirchenverantwortliche mit sieben Geistlichen, musikalisch begleitet vom Posaunenchor, einziehen. Als Dekan Markus Ambrosy später das Gotteshaus offiziell dann entwidmet, wirkt die Stimmung doch spürbar gedämpft. Am Ende des Gottesdienstes wird als symbolisches Zeichen für die Profanierung alles aus der Kirche getragen: Taufschale, Osterkerze, Kreuz, Lesepult samt Bibel sowie Abendmahlsgeräte wie Kelch, Hostienschale, Patene und Weinkännchen. So mancher Gläubige kann bei diesem Ritual seine Tränen nicht zurückhalten.

„Jedes Ende bedeutet einen Anfang“, versucht Pfarrer Valentin Wendebourg zu trösten, der mit seinem Amtskollegen Markus Eberle die Messe feiert. „Wir kehren gezwungenermaßen in die Zeit zurück, als es noch keine Kirche gab“, sagt der Dekan. Nun seien die Erlöser- und die Gnadenkirche in Fürstenfeldbruck wieder alleinige Anlaufstation für die evangelischen Christen.

Das Kirchenzentrum sei am 1. Advent 1987 „in einer Blütezeit“ geweiht worden, um den Gläubigen nach der 1976 erfolgten Gründung der Kirchengemeinde einen eigenen Ort für Gottesdienste und Gemeindearbeit zu geben. Fast 40 Jahre lang wurden laut Pfarrer Wendebourg hier Abendmahle gehalten, es wurde gebetet und gefeiert, getauft und konfirmiert, es wurden Tote zur letzten Ruhe begleitet und die Gemeinschaft gepflegt. „Das ist nun vorbei. Trauer hin oder her, es hat zur Auflösung keine Alternative gegeben“, so der Dekan. „Ganz banal“ seien es die Kosten, die zur Aufgabe der Versöhnungskirche gezwungen hätten, bedauert er.

Wie Gläubige der SZ erzählten, sind seit Jahren die Einnahmen von rund 10 000 jährlich weit hinter den Ausgaben von rund 30 000 zurückgeblieben. Außerdem seien Sanierungen für wenigstens 150 000 Euro nötig. „Leider kann die evangelische Kirche kein Sondervermögen stellen“, erklärt dazu Dekan Ambrosy, der als federführender Abwickler den Auflösungsprozess als „Achterbahnfahrt der Emotionen“ erlebt hat. Nun aber sei es an der Zeit, an die Zukunft zu denken und sich einzugestehen: „Alles hat seine Zeit“, so wie es laut Pfarrer Wendebourg schon im biblischen Buch Kohelet steht. Den Niedergang von der „Blütezeit“ bis heute führt sein Dekan unter anderem auf die vielen Kirchenaustritte auch in der Region zurück.
Immer weniger Kirchensteuern, weil viele Menschen, insbesondere Jugendliche, der Kirche den Rücken zukehren, dazu der starke Besucherrückgang bei Messen und Veranstaltungen, hätten letztlich zur Entscheidung geführt, die Versöhnungskirche auf- und sie für weltliche Nutzungen freizugeben. Die Emmeringer seien aber nicht die einzigen, die es trifft. Die Landeskirche verfüge über 6000 Kirchen und Gebäude, davon müssten etwa 2000 nach und nach aufgegeben werden. Dazu führte eine Besucherin nach dem Gottesdienst an, dass im Landkreis auch schon die Kirchen in Türkenfeld und Mammendorf aufgegeben worden seien. Für Dekan Ambrosy kann nur ein „großes Umdenken der Kirche“ den Niedergang stoppen.

Statt in Resignation zu versinken, müsse nun aber nach vorne geschaut werden. Er sei sich sicher, dass die Emmeringer die Veränderungen im Sinne des Namens der Kirche „Versöhnung“ gut verkraften und die Gemeinschaft weiterhin pflegen werden. Zum Abschluss äußere der Dekan den Wunsch, dass an der Kirche bald eine Tafel angebracht werde, auf der zu lesen ist, dass das Gebäude von der Weihe bis zum 28. Juni 2026 der zentrale Ort der Pfarrei gewesen sei.
Wie die profane Nutzung aussehen soll, ist jedoch noch unklar. Es sei bereits eine weitere Gesprächsrunde dazu angesetzt, verrät Bürgermeister Ulrich Wiltawsky auf Anfrage. Wie der katholische Diakon Jürgen Reisaus bedankt sich der Rathauschef nach der Entwidmung in Grußworten bei allen, die über die Jahrzehnte die Versöhnungskirche mit Leben erfüllt hatten und wünscht der Glaubensgemeinschaft eine gedeihliche Zukunft.


