SZ-Serie: Ein Blick in die Archive:Begeisterung für alles, was Patina angesetzt hat

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SZ-Serie: Ein Blick in die Archive: Das Gemeindearchiv ist im Keller des Kindergartens Sausebraus untergebracht.

Das Gemeindearchiv ist im Keller des Kindergartens Sausebraus untergebracht.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In Emmering hat der ehemalige Ortschronist eine unermessliche Fülle an Details aus dem Ortsleben hinterlassen. Sein junger Nachfolger, ein Archäologiestudent, muss sich mit dem Archivwesen erst noch vertraut machen.

Von Gerhard Eisenkolb, Emmering

Das Gemeindearchiv von Emmering befindet sich in einer Übergangsphase. Roland Bartmann, der es 38 Jahre lang als Hobbyhistoriker, Ortschronist, passionierter Fotograf und Sammler betreute, starb vor einem Jahr. Sein Nachfolger Luca Schunn, 21, studiert Archäologie. Mit dem Archivwesen macht er sich erst noch vertraut. Daher hält er sich mit Auskünften zurück. Er stammt aus einer alteingesessenen Emmeringer Familie und begeistert sich, wie er beteuert, für alles, was alt ist und Patina angesetzt hat. Seine Leidenschaft für Archäologie und seine neue Aufgabe, die er seit Dezember als geringfügig Beschäftigter ausübt, sollen sich ergänzen.

An faszinierenden Dingen mangelt es in den drei Archivräumen im Keller des Kindergartens Sausebraus nicht. Der Sammelschwerpunkt liegt auf dem 20. Jahrhundert. Unikate wie das Beschlussbuch des Armenpflegerats aus der Zeit von 1913 bis 1932, des Ortsfürsorgeverbands (1933 bis 1938) oder des Wohnungsausschusses gehen allerdings in der Masse unter. Im gleichen Eisenregal wie die Dokumente zur Armenfürsorge stapeln sich Amtsblätter des Landratsamts aus dem letzten Kriegsjahr 1945. Ein Blatt mit dem Aufdruck "darf nicht öffentlich bekanntgegeben werden" sticht ins Auge. Es handelt es um eine Anweisung des Landrats an die Bürgermeister zur Musterung von 15- und 16-Jährigen für den Dienst an der Waffe in der Zeit vom 24. bis 29. April 1945 nur wenige Tage vor der Kapitulation von Deutschland am 8. Mai.

Die Bürgermeister werden angewiesen, die zu Musternden persönlich darüber zu informieren, wann und mit welchen Dokumenten sie in der Mädchenschule in Fürstenfeldbruck antreten müssen. Gefordert werden gewaschene und geschnittene Haare, saubere Wäsche und neben anderen Papieren die Ausbildungslaufkarte der Hitlerjugend. In einer Zeit, in der ein Putin 300 000 Reservisten für den Ukrainekrieg mobilisiert, wirkt der Fund eines solchen Dokuments verstörend.

SZ-Serie: Ein Blick in die Archive: Emmerings Bürgermeister Stefan Floerecke (rechts) und der neue Archivar Luca Schunn.

Emmerings Bürgermeister Stefan Floerecke (rechts) und der neue Archivar Luca Schunn.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In einer großen Mappe liegen Pläne für ein Gemeindebad an der Amper. Nach dem Konzept von 1930 sollte am Ortsrand zwischen zwei Flussarmen östlich der kleinen und großen Brücke ein Freizeitgelände mit Autoparkplatz, Kassenbereich, Kleideraufbewahrung, Terrassenrestaurant, Faltbootanlegestelle, drei bis zu drei Meter tiefen, vom Fluss gespeisten Badezonen für Schwimmer, Nichtschwimmer und Kinder, ein sandiger Badestrand sowie eine baumbestandene Liegewiese nebst einem schmalen Rinnsal für die Kleinsten zum Toben entstehen.

In einer großen Mappe liegen Pläne für ein Gemeindebad an der Amper

Umgesetzt wurde der Plan für das Gemeindebad nicht. Es wäre in der Nähe eines damals beliebten, bis in die Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts genutzten Badeplatzes, der sogenannten Unterstell, entstanden. Die Unterlagen erinnern daran, dass Emmering vor hundert Jahren ein beliebtes Naherholungsgebiet für mit dem Zug anreisende Münchner war. Die Erholungssuchenden besuchten im Winter die Rodelbahn, im Sommer erfrischten sie sich bei einem Bad in der Amper. Ein Freizeitbereich am Fluss aus dieser Zeit ist immer noch in Betrieb, wenn auch eher im Verborgenen. Es handelt sich um das Nacktbadegelände der in den Zwanzigerjahren gegründeten Freisportgemeinschaft Amperland, in dem die Mitglieder des Vereins gut abgeschirmt von der Öffentlichkeit der Freikörperkultur nachgehen.

SZ-Serie: Ein Blick in die Archive: Das Fotoarchiv nimmt viel Raum ein. Ein Teil davon befindet sich in hölzernen Karteikästen.

Das Fotoarchiv nimmt viel Raum ein. Ein Teil davon befindet sich in hölzernen Karteikästen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ein Archivraum birgt fast ausschließlich Fotografien. Diese werden entweder in Karteikästen oder in Plastikfolien in Aktenordnern aufbewahrt. Teilweise sind älteren Ansichten von bäuerlichen Anwesen die Fotos der jeweiligen Neubauten zugeordnet, die diese ersetzten. Die meisten stammen vom ehemaligen Archivar, der den Wandel der ehemals bäuerlichen Gemeinde über vier Jahrzehnte dokumentierte. Wie viele Fotos in Holzkästen und Aktenordnern aufbewahrt werden, ist schwer zu schätzen. Es könnten zehntausende sein. Schließlich hat Bartmann nicht nur die Ortsentwicklung dokumentiert, sondern auch fast alle weltlichen, kirchlichen oder gemeindlichen Veranstaltungen sowie Geburtstage, Jubiläen, Einweihungen oder Festivitäten.

Umfangreich sind die Ordner mit den Beiträgen der Lokalzeitungen

Und er sammelte zudem alles, was zu Emmering gedruckt und verteilt wurde. Eindrucksvoll sind die Ordner mit allen Beiträgen der Lokalzeitungen über Emmering. Die Jahrgangsmappen, in denen die Artikel fein säuberlich auf Blätter aufgeklebt und nach dem Erscheinungsdatum geordnet sind, füllen viele Regalmeter. Daneben wirkt die Sammlung des Fürstenfeldbrucker Wochenblatts mit dem Amtsblatt für das Bezirksamt Bruck, der ersten Zeitung im Landkreis, ab dem Jahr 1947 bescheiden. In einem Karton liegen sogar Speisekarten der Emmeringer Lokale. Zu jedem Verein, jeder politischen Gruppierung findet sich eine Ablage mit Verlautbarungen, Veröffentlichungen oder Werbe- und Wahlbroschüren. Aus dem CSU-Karton lächelt ein sehr junger Landrat Thomas Karmasin als Wahlkämpfer.

Der Archiv-Keller liegt in der Nähe des Fliegerhorstes. Dazu passt eine Mappe des ehemaligen Standortkommandanten und Majors Gerhard Emmerich aus dem Jahr 1963 mit Fotos aus dem Landkreis. In einer Art Vorwort beschreibt der Offizier mit blumigen Worten das gute Verhältnis zwischen Stadt und Luftwaffe. Neugierig macht ein Regal mit dem Nachlass des 1978 gestorbenen Brucker Heimatforschers Clemens Böhme, der Vorsitzender des Historischen Vereins der Kreisstadt war. In den Vormerkungen seines Manuskripts zu einer Geschichte von Fürstenfeldbruck merkt Böhme an, an 700 Tagen im Staatsarchiv München Dokumente gesichtet zu haben.

Bürgermeister Stefan Floerecke spricht von der Herausforderung, die Sammlung nach einem erst noch zu entwickelnden Konzept neu zu ordnen und damit für Interessierte nutzbar zu machen. Seine ehrgeizigen Pläne beinhalten auch einen besseren Schutz der Dokumente vor Feuchtigkeit und Stockflecken. Ohne Details zu nennen, schwärmt Floerecke von einer neuen Struktur, die sich sowohl für die kommunalen Unterlagen eignet als auch zur Ordnung einer einzigartigen Fotosammlung sowie ganz unterschiedlicher Dokumente aus dem Gemeinde- und Vereinsleben. So viel wie möglich soll digitalisiert werden, anderes könnte aussortiert werden. Das klingt eher nach einer Lebensaufgabe als nach einer Nebenbeschäftigung für einen Studenten.

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