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Einblick in das Seelenleben:Aufzeichnungen des Tyrannen

Bruck: Vortrag GRAF-RASSO-Gymnasium (GRG) / MEIN KAMPF

Gemeinsam mit weiteren Historikern hat der 42 Jahre alte Wissenschaftler Roman Töppel Ideologie und Hass harte Fakten entgegengesetzt.

(Foto: Johannes Simon)

Elft- und Zwölftklässler des Graf-Rasso-Gymnasiums diskutieren über die kommentierte Auflage von Hitlers "Mein Kampf"

Er war ein Tyrann und ein Diktator der übelsten Sorte, der einen Weltkrieg entfachte und Schuld trägt am Tod von vielen Millionen Menschen. Gerade deshalb ist der Einblick in das Seelenleben von Adolf Hitler aufschlussreich. Die Schüler der elften und zwölften Klasse des Graf-Rasso-Gymnasiums haben sich nun gemeinsam mit dem Historiker Roman Töppel und Geschichtslehrer Wolfgang Seufert mit der kommentierten Neuauflage von Hitlers "Mein Kampf" beschäftigt.

Der gebürtige Österreicher hatte in seinem Buch offen die Errichtung einer Diktatur angekündigt, um politische Gegner und Juden mit brutaler Gewalt ausschalten zu können. Und mit Krieg sollte neuer Lebensraum gewonnen werden. 70 Jahre nach dem Tod des Diktators lief 2015 das Copyright für das Buch aus. Roman Töppel, 42, war bereits 2012 gemeinsam mit drei weiteren Historikern des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin Satz für Satz des Machwerks durchgegangen. Entstanden ist auf fast 2000 Seiten in zwei Bänden eine kritische Edition von "Mein Kampf". Nach dem regulären Unterricht gelang es Töppel, die Schüler zwei weitere Schulstunden lang in den Bann zu ziehen. Nach dem Vortrag fragten die Gymnasiasten, wer nach dem Erscheinen von "Mein Kampf" Kritik an dem Buch geübt habe. Laut Töppel hat die damalige SPD Hitler zu einem "Verrückten" erklärt. Um 1925 war die NSDAP noch eine krisengeschüttelte Splitterpartei. Die Kirche sprach dem Werk das "christliche Denken" ab. "Hitler war getaufter Katholik, hat aber die Religion gehasst", so der Wissenschaftler. Judenhass, Rassismus und völkisches Denken waren freilich bereits 1900 in der deutsch-nationalen und rechtsextremen Szene verbreitet gewesen. "Was will der junge Schnösel, er hat unsere Ideen geklaut", habe es damals sogar geheißen.

Hitler schrieb sein Buch mit 35 Jahren. "Mein Kampf" war bis 1933 Schulungsmaterial in der NSDAP, aber auch Martin Heidegger nahmen sich diese Lektüre vor. Der Philosoph empfahl es seinem Bruder zum Lesen und rühmte Hitler 1931 als "weitblickend" und als den "kommenden Mann", so Töppel. Mehr als 200 000 Exemplare waren da bereits gedruckt worden und hatten Hitler zu einem reichen Mann gemacht, der seine Tantiemen auch in ein Führer-Luxusauto mit 140 PS für 26 000 Reichsmark investierte. Bis 1945 wurden mehr als zwölf Millionen Exemplare von aufgelegt und auch von 1936 an als Geschenk an Hochzeitspaare verteilt.

Die zwei Bände des Historikerkollektivs erläutern in 3700 Anmerkungen Hitlers absurde Gedankenwelt und setzen Propaganda, Ideologie und Hass Fakten entgegen. "Mein Kampf" hatte Hitler in der Festungshaft in Landsberg verfasst, wo er nach seinem missglückten Putschversuch in München vom 9. November 1923 einsaß. "Er hat das Manuskript selbst auf einer Schreibmaschine geschrieben", sagte Töppel. Dass Hitler alle seine Gewalt- und Mordfantasien von 1933 bis 1945 in die Tat umsetzen konnte und dafür Zehntausende willige Mittäter für den industriellen Massenmord fand, bis hin zum Buchhalter in Auschwitz, gehört zur größten Schande in der deutschen Geschichte. Hitler ließ sich auch "über Gott und die Welt" aus. Er habe Aussagen anderer Autoren wie Dietrich Eckart übernommen, die in sein Weltbild passten. Töppel empfahl den Schülern das Kapitel "Volk und Rasse", in dem sich Hitler darüber auslässt, dass ein "schwarzhaarige Judenjunge" ein deutsches Mädchen schändet oder seinem Volke raubt. Er räumte freilich mit dem Bild des "Führers" als "verrückten Trottel" auf. Dieser sei intelligent gewesen und habe Massen überzeugen können.

© SZ vom 02.03.2018
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