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Ein Zeichen setzen:Weiße Fahnen gegen das Vergessen

Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes sollen alle Einwohner Tücher aus Fenstern und über Balkone und Zäune hängen. Dazu rufen ein Bündnis und die Bürgermeister von Bruck und Olching auf

Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes rufen das Bündnis "Fürstenfeldbruck ist bunt - nicht braun" sowie Oberbürgermeister Erich Raff (CSU) und der Olchinger Bürgermeister Andreas Magg (SPD) alle Einwohner dazu auf, weiße Fahnen aufzuhängen - als Zeichen für Frieden und Freiheit und gegen das Vergessen. Sie folgen damit einem Appell des Künstlers Guido Zingerl. Die Bürgermeister bedauerten, dass sie auf den Rathäusern keine Fahnen hissen können, weil sie keine haben. Grundsätzlich gilt, dass alle Arten von Tüchern in weißen Farbtönen geeignet sind. Sie sollen vom 29. April bis 8. Mai deutlich sichtbar aus Fenstern, über Balkone und Zäune gehängt werden.

Zingerl hatte sich in der vergangenen Woche an einige Bürgermeister sowie die Öffentlichkeit gewandt, um diese Aktion zu unterstützen. Sie geht auf eine Initiative der Künstler Wolfram Kastner und Michael Wladarsch in München zurück. Dort hat die Kommune der Aktion zugestimmt und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die Schirmherrschaft übernommen. Mit den weißen Fahnen solle gerade auch vielen Nachgeborenen die Bedeutung dieses Jahrestags bewusst gemacht werden, sagte Zingerl. Der Termin für die Aktion ist durch die historischen Daten vorgegeben. Am 29. April 1945 rückten US-Soldaten im Landkreis vor, sie erreichten am nächsten Tag Germering, damit war die Herrschaft des Nationalsozialismus in Fürstenfeldbruck beendet. Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht vor den Alliierten.

Der Brucker OB sowie der Olchinger Bürgermeister unterstützen die Aktion. Etwas skeptisch zeigt sich der Puchheimer Bürgermeister Norbert Seidl (SPD). Er zweifelt, ob die Symbolik verstanden wird, gerade auch in der aktuellen Situation. Er hätte es besser gefunden, die Aktion längerfristig vorzubereiten und mit Informationen zu verbinden.

Das Bündnis "Fürstenfeldbruck ist bunt - nicht braun" verweist in seinem Aufruf darauf, wie wichtig eine solche Aktion gerade in diesem Jahr sei, wo es kaum möglich ist, öffentliche Kundgebungen zu veranstalten. Man hoffe deshalb, dass sich viele beteiligen und "ein deutlich sichtbares Zeichen für Frieden, Menschlichkeit und Demokratie setzen". Das Bündnis ruft alle Kommunen im Landkreis auf, die Aktion zu unterstützen.

Die Gewerkschafterin Margot Simoneit, eine der Sprecherinnen, erinnert daran, dass das Kriegsende in der Nachkriegszeit als "Tag der Niederlage" gedeutet wurde. Erst seit den 1970er Jahren wurde in der Bundesrepublik der 8. Mai als Tag der Befreiung diskutiert. Tatsächlich bedeutete die deutsche Niederlage die Befreiung der politisch und rassistisch Verfolgten, der KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen, Kriegsdienstverweigerer und Widerstandskämpfer, die den Terror überlebt haben. Es dauerte aber bis 1985, ehe der damalige Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (CDU) erklärte: "Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft." Simoneit weist darauf hin, dass der Gewerkschaftsbund und Prominente wie die Holocaustüberlebende Esther Bejarano fordern, den Tag der Befreiung in Zukunft als gesetzlichen Feiertag zu begehen.

Zingerl und das Bündnis sehen das Aufziehen weißer Fahnen und Tücher an diesen Tagen auch als Mahnung angesichts des Erstarkens rechtsextremer Kräfte. "Die Anschläge von Halle und Hanau mahnen uns zu größter Wachsamkeit. Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg", heißt es im Aufruf von "Bunt statt braun". Guido Zingerl erklärt: "Die Angst vor dem Corona-Virus sollte uns nicht das braune Virus aus den Augen verlieren lassen."

© SZ vom 24.04.2020

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