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Ein Gastronom und Kulturveranstalter im SZ-Interview:"Ich erlebe eine gewisse Euphorie"

Langsam und vorsichtig geht es in die sogenannte neue Normalität. Das nimmt derzeit der Gröbenzeller Thomas Breitenfellner wahr, der die Corona-Krise als Unternehmer in vielen Bereichen spürt. Im SZ-Interview berichtet er, wie es ihm erging und wie er jetzt weitermacht

Interview Erich C. Setzwein, Gröbenzell

Stillstand auf Knopfdruck, jemand drückt den Buzzer und alles hört auf einmal auf. So ging es unter anderem den Kulturschaffenden, als verordnet wurde, was relevant in der Corona-Krise ist und was nicht. Künstler auf der Bühne verloren ihr Engagement und zusammen mit den Veranstaltern die Einnahmen. Und in den Küchen aller Gaststätten wurden die Herde abgedreht. Wie es jemandem ergeht, der in vielen Bereichen der Kunst- und Kreativwirtschaft sowie in der Gastronomie tätig ist, erzählt der Gröbenzeller Thomas Breitenfellner im SZ-Interview.

SZ: Herr Breitenfellner, Sie sind Kulturveranstalter, Gastronom, PR-Berater und Herausgeber - alles Bereiche, die die Corona-Krise mit voller Wucht getroffen hat. Wie übersteht man eine solche Breitseite?

Thomas Breitenfellner: Meine größte Gabe ist wohl, dass ich Rückschläge ganz schnell wegstecke. Als über Nacht alles einbrach, habe ich mir gesagt: Das ist eine neue Herausforderung, das packst du. Und: Ich habe eine wundervolle Frau, ganz tolle Kinder und ein super Team. Das ist mein Anker - auch in stürmischen Zeiten.

Mit dem bayerischen Fahrplan in die "neue Normalität" verbinden viele Menschen schon wieder eine nahezu grenzenlose Freiheit, auch wenn es nur erste Schritte sind. Geht Ihnen das auch so?

Ich erlebe eine gewisse Euphorie. Denn jeder noch so kleine Schritt ist eben ein Schritt nach vorne. Auf vieles, was immer so selbstverständlich war, mussten wir in den vergangenen Wochen verzichten. Umso mehr freuen wir uns nun über Kleinigkeiten. Nach zehn Wochen zum ersten Mal wieder auf dem Spielplatz - für Leni und Jakob ein absolutes Highlight.

Von kommender Woche an dürfen auch Sie wieder die Wirtsgärten vom "Flori" in Eichenau und an der Alten Schule Gröbenzell öffnen, und wiederum eine Woche später können auch Speisegaststätten wieder öffnen. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Wir haben für alle Betriebe umfassende Hygienekonzepte erarbeitet, schulen alle Mitarbeiter intensiv. Haben die Terrassen und Gasträume so bestuhlt, dass wir die Abstände einhalten können. Auch die gastronomischen Konzepte haben wir auf den Prüfstand gestellt und teilweise neu ausgerichtet. In der Alten Schule haben wir während der Schließzeit sogar eine große Gästebefragung durchgeführt - viele Anregungen setzen wir nun konkret um.

Wie haben Ihre Gäste reagiert, als Sie ihnen zum Beispiel auf der Homepage des "Flori" mitgeteilt haben, dass Sie ab 18. März schließen? Hat man Ihnen abgenommen, dass Sie die Zeit "für den größten Frühjahrsputz aller Zeiten" nutzen wollen?

Wir hatten ja vier Jahre lang immer geöffnet gehabt. Ohne einen Tag Pause. Also haben wir die Schließung tatsächlich genutzt, um das Flori auf Vordermann zu bringen. Dafür hätten uns aber zwei, drei Tage gereicht, nicht zehn Wochen... Wir haben sehr viele Stammgäste, die uns vom ersten Tag an viel Mut zugesprochen haben. Auch die zahlreichen Gutscheinbestellungen über unsere Internetseite haben uns ermutigt. Das Signal der Gäste war klar: Wir glauben an euch! Dafür sind wir sehr dankbar.

Musiknacht

So gute Stimmung, wie sie "Six Across" bei einer früheren Musiknacht verbreitet haben, wird es in diesem Sommer in Gröbenzell nicht geben. Wegen des Veranstaltungsverbots bis Ende August fallen dieser und viele weitere Kulturevents von Thomas Breitenfellner wegen Corona aus.

(Foto: Günther Reger)

Wann werden die Herde im Flori und in der Alten Schule wieder angeheizt? Welchen Heißhunger haben Sie nach zwei Monaten ohne Gaststättenbesuch?

Im Flori werden wir ab Mittwoch tagsüber öffnen - für Frühstück und Mittagsessen auf unserer schönen Terrasse. Ab Montag, 25. Mai, dürfen wir dann endlich wieder in unser Restaurant und sind dann auch abends wieder für unsere Gäste da. In der Alten Schule starten wir am Dienstag, 26. Mai. Künftig werden wir dort von Dienstag bis Sonntag nicht nur abends, sondern auch immer mittags aufhaben. Wir sind hoch motiviert. Meine Mitarbeiter sind total heiß, sie wollen wieder in die Manege. Persönlich freue ich mich darauf, auch die vielen lieben Kollegen im Landkreis wieder als Gast besuchen zu dürfen. Ein Leben ohne Gastronomie - unvorstellbar!

Vielleich mal der Chronologie nach: Bevor die Lokale schließen mussten, gab es den Kommunalwahlkampf, in dem Ihre Agentur Landrats- und Bürgermeisterkandidaten der CSU in südbayerischen Landkreisen, Städten und Gemeinden mit Kampagnen geholfen hat. Inwieweit war das Thema "Corona" schon vor dem 15. März präsent und was haben Sie nach dem plötzlichen Stillstand des öffentlichen Lebens bis zu den Stichwahlen am 29. März noch ausrichten können?

Mittlerweile haben wir mit der Agentur über 70 Wahlkämpfe bestritten. Und waren auch dieses Mal erfreulicherweise mit sehr vielen Kampagnen in Bayern erfolgreich: Von Neu-Ulm über Rosenheim und Traunstein bis ins Berchtesgadener Land. Zum Endspurt hin mussten wir vieles auf den Kopf stellen. Der klassische Wahlkampf mit Infoständen, Hausbesuchen und Versammlungen war plötzlich nicht mehr möglich, die Online-Aktivitäten wurden noch lebendiger. Die Stichwahl erfolgte ausschließlich per Briefwahl, das hat die Zeitpläne und Wähleransprache beeinflusst. Auch die Themenlage hat sich gedreht: Wirtschaft und Arbeit sind jetzt wieder aktuell. In Zeiten von Vollbeschäftigung hatte sich doch kaum einer dafür interessiert. Die Tonalität hat sich ebenfalls geändert.

Sie waren 15 Jahre Gröbenzeller Gemeinderat und Kreisrat, aber nie mit einer solchen Lage befasst. Was sollten Kommunalpolitiker Ihrer Meinung nach in der Kommunikation jetzt mit den Bürgern berücksichtigen, so lange Infektionsraten das öffentliche Leben bestimmen und natürlich auch die Folgen eines erneuten Lockdown die lokale Wirtschaft enorm beschädigen können?

Ganz unabhängig von der Partei: Markus Söder macht ja in der Krise eine sehr gute Figur. Er fährt einen klaren und konsequenten Kurs. Auf der anderen Seite macht er den Menschen Mut, dass wir diese schwierige Situation gemeinsam packen. Er gibt Orientierung - und das erwarten die Leute in gewisser Weise auch von ihren Kommunalpolitikerin. Ein Beispiel: Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl hat sich sehr schnell bei mir gemeldet. Bei ihm spüre ich, dass er uns mit unserer "Brotspielerei" im Puchheimer Kulturcentrum nicht hängen lassen wird. Das stärkt gerade in diesen Zeiten der Unsicherheit.

Hat sich Ihr Gröbenzeller Bürgermeister Martin Schäfer nicht bei Ihnen gemeldet?

Ich will es ihm nicht zum Vorwurf machen.

Als Veranstalter vieler verschiedener Kulturtermine unter anderem hier im Gröbenzeller Stockwerk wissen Sie ja, was Sie an Umsatz verlieren. Aber wiegt nicht auch der Verlust der gemeinsam erlebten Kulturveranstaltung, der Begegnung von Publikum und Künstler schwer?

Und wie! Wenn wir wenigstens wüssten, wann es wieder losgehen kann. Ich habe echte Entzugserscheinungen - und weiß, dass es vielen Kulturfans genauso geht. In ein paar Wochen würden wir mit 4000 fröhlichen Gästen die 16. Gröbenzeller Musiknacht feiern. Das schmerzt echt. Ach, lassen Sie uns über was anderes reden...

Thomas Breitenfellner.

(Foto: Robert Haas)

Hätte es für Sie als Veranstalter Möglichkeiten gegeben, so etwas wie Kultur to-go anzubieten, ohne gegen das Veranstaltungs- und Kontaktverbot zu verstoßen? Denken Sie darüber nach, bei der nächsten Ausgangsbeschränkung dennoch etwas präsentieren zu können, auch gegen Bezahlung?

Wenn ich mich anstrengen würde, fiele mir vielleicht irgendetwas ein. Aber ganz ehrlich: Darauf habe ich überhaupt keine Lust. Ich will Menschen zusammenbringen. Ich will den frechen Zwischenruf des Zuschauers hören - und die schlagfertige Reaktion des Künstlers darauf. Ich will das Lachen und den spontanen Beifall erleben. Ich will, dass sich Jung und Alt an der Bar begegnen. Live is life.

Ist es nicht wahnsinnig schwierig, Veranstaltungen zu planen, so lange die Landkreise die Notbremse bei den Lockerungen ziehen können, sobald es mehr als 50 Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner gibt?

Schwierig? Nein, unmöglich. Ich weiß, dass Großveranstaltungen bis 31. August nicht gestattet sind. Dazu zählen zum Beispiel Volksfeste. Aber was ist mit einem Kabarettabend? Mit dem kleinen Konzert? Kann mir keiner sagen. Liegt alles brach.

Seit zehn Jahren geben Sie das Magazin "Gustl" heraus und haben natürlich jetzt sicher das Problem, dass vieles von dem, was Sie sonst ankündigen und über das Sie berichten, nicht stattfinden kann. Und wahrscheinlich fehlen wie bei anderen Publikationen auch die Anzeigenkunden. Wie wird der nächste Gustl aussehen?

Mitte Juni erscheint der Sommer-Gustl. Wir stellen die Ausgabe unter die Überschrift "Zuversicht & Zusammenhalt". Wir wollen Mut machen, der heimischen Wirtschaft unter die Arme greifen. Die Botschaft ist klar: "Leute, unterstützt unsere Betriebe vor Ort!" Das Anzeigengeschäft ist zwar schwieriger als sonst, aber nicht hoffnungslos. Seit zwei Wochen hellt sich die Stimmung auf. Und viele Betriebe wissen, was sie an uns haben. Gerade jetzt.

Vielleicht noch mal zu der Breitseite, die Ihre Firmengruppe getroffen hat: Welche Instrumente haben Sie nutzen können, um die Betriebe am Leben zu halten?

Die Kurzarbeit ist ein sehr wirksames Mittel, das hilft uns sehr. Bis heute mussten wir keine Kündigungen aussprechen. Auch Soforthilfe haben wir erhalten. Die Absenkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent war für die Gastro immens wichtig. Ich hoffe sehr, dass diese Regelung doch noch dauerhaft beschlossen wird und nicht nur für ein Jahr. Sonst sehe ich schwarz.

Sie sind ja wirklich breit aufgestellt in dem, was Sie beruflich tun, aber eine solche Krise kann existenzbedrohend sein, wenn man nicht Bäcker, Metzger oder ein systemrelevanter Supermarktbetreiber ist. Nun klingen Sie aber immer noch recht positiv. Können Sie anderen, die in einer ähnlichen Lage sind und auch wie Sie eine Familie haben, einen Tipp geben, wie sie diesen Widrigkeiten begegnen können, ohne zu verzweifeln?

Auf keinen Fall in Selbstmitleid verfallen. Nicht mit der Situation hadern, sondern sie auch als Chance begreifen. 2020 ist wirtschaftlich beschissen, 2021 wird es vielleicht auch noch sein. Aber es kommen wieder bessere Zeiten. Ganz bestimmt.

© SZ vom 16.05.2020
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