bedeckt München 18°

Eichenauer demonstrieren:Kritik an der Kirchenleitung

Bei einer Mahnwache vor dem Bischofspalais fordern Mitglieder der Schutzengelgemeinde Eichenau die Versetzung ihres Pfarrers. Sie sehen in ihrer Situation keinen Einzelfall.

Mit einer Mahnwache vor dem Bischofspalais in München wollten am ersten Adventssonntag rund 30 Mitglieder der katholischen Pfarrgemeinde Eichenau ihrer Forderung nach der Versetzung ihres Pfarrers Nachdruck verleihen. Dem Seelsorger Martin Bickl wirft ein Kreis um die beiden ehemaligen Pfarrgemeinderäte Paul-G. Ulbrich und Helga Blaschke "Unvermögen" vor. Von den Diözesanverantwortlichen fühlen sich die Kritiker im Stich gelassen. Die Aktion "ist ein Notschrei, ganz zweifelsfrei", sagte Blaschke.

Einen anderen Pfarrer möchten viele Katholiken der Eichenauer Schutzengelkirche. Dafür demonstrierten sie.

Die Gruppe aus Eichenau will erreichen, dass ihrem Gemeindeleiter Bickl eine Aufgabe übertragen wird, "die von ihm leistbar ist." Sie fordert die Diözesanverantwortlichen dazu auf, die Schutzengelgemeinde einem anderen Seelsorger anzuvertrauen, der "dialog-, kritik-, team- und beziehungsfähig" sei. "Wir nehmen nicht länger hin, dass Kirchenverantwortliche sich verhalten wie Sterbebegleiter für Gemeinden", heißt es in einer Presseerklärung zur Mahnwache.

Die katholische Kirche brauche neue Personenkreise und Formen der Gemeinde- und Gottesdienstleitungen. So sind die Eichenauer der Meinung, dass für die Aufgaben in den Pfarrgemeinden genügend fähig Menschen zu finden sind. Wo das nicht der Fall sei, könne man sich nachbarlich unterstützen.

Ordinariatssprecher Bernhard Kellner bezeichnet es als "menschlich fragwürdig", auf eine Weise, wie es am Sonntag bei der Kundgebung geschah, einen Pfarrer an den Pranger zu stellen. Kellner verweist darauf, dass Gespräche zu den Zuständen in Eichenau geführt wurden und werden. Zudem solle die durch den Rücktritt von elf Pfarrgemeinderäten entstandenen Lücke in dem Laiengremium besetzt werden. Dazu werden im Frühjahr Nachwahlen durchgeführt. Der Sprecher der Ordinariats sagte auch, dass über Personalangelegenheiten grundsätzlich nicht öffentlichen diskutiert werde. Schon gar nicht, wenn die Auseinandersetzung auf eine Weise geführt werde wie von den Kritikern Bickls, die mit der Mahnwache die öffentliche Aufmerksamkeit suchten.

Blaschke und Ulbrich sehen dagegen die Situation in Eichenau nicht mehr isoliert als Einzelfall. Sie verweisen auf dessen überregionale Bedeutung. So fragen sie, "warum sich die Verantwortlichen nicht während der Ausbildungszeit intensiver mit der Eignung von Priesterkandidaten beschäftigen". Auch die Frage nach der "Lebenstauglichkeit" der zukünftigen Pfarrer unter "normalen Lebens- und Berufsverhältnissen" werde nicht gestellt. Die Folgen eines "maroden Klerikalsystems", das "höchst eigenartige Blüten" treibe, müssten dann Gemeinden wie ihre ausbaden. Statt neue Denkwege zuzulassen, verschanze sich die Kirchenleitung hinter Traditionen. Am Personalmangel orientierte Strukturreformen seien ein Zeichen dafür, dass Gläubige in ihren Bedürfnissen nicht ernst genommen würden.

Man riskiere, "dass sich mit dem Verlust von Kirche am Ort immer mehr Menschen verabschieden und Kirche sich zur Sekte entwickelt", lautet ein weiterer Vorwurf der Kritiker aus Eichenau in Richtung Kirchenleitung. Kirche werde nicht mehr als einladend erlebt. Theologisch sei viel Ballast abzuwerfen. Mit aufwendig inszenierten Dialogprozessen ohne Konsequenzen lasse sich kaum noch jemand "täuschen". Ulbrich begründet die Kundgebung vom Sonntag auch mit folgender Erfahrung aus der Auseinandersetzung um den Eichenauer Pfarrer: "Es wird versucht, diejenigen, die das Problem ansprechen, zum Problem zu machen. "

Wiederholt werden die Vorwürfe gegen Bickl, nicht integrativ zu wirken, die Pfarrgemeinde zu spalten und ein vormals reiches Gemeindeleben zum Stillstand gebracht zu haben. Zudem habe der neue Pfarrer nicht wahrnehmen und wertschätzen wollen, was in den vergangenen Jahren in der Schutzengelgemeinde gewachsen war. Sein Handeln sei geprägt von "Ich-Bezogenheit", die eigene Wahrnehmung erschwere die Zusammenarbeit. Im Umgang mit Gemeindemitgliedern spielten "Zuneigung und Abneigung" eine große Rolle, wer in dem "Schwarz-weiß-Raster" des Seelsorgers auf der falschen Seite stehe, habe ein Problem. Es wird auch auf Bickls "problembehaftete Tätigkeit" in anderen Pfarreien verwiesen.

Martin Bickls Vorgänger war Albert Bauernfeind, der den neuen Pfarrverband Fürstenfeld leitet und Dekan für den Landkreis ist. Bickl ist der stellvertretende Dekan. Bauernfeinds Versuche, in dem Konflikt in Eichenau vermittelnd einzugreifen, waren gescheitert. Enttäuscht hatte Bauernfeind im Oktober erklärt, der Streit in der Eichenauer Schutzengelgemeinde lasse sich nur dann lösen, wenn der Pfarrer gehe.

Bickl trat im September 2010 die Stelle in Eichenau an. Er hat dort nicht nur Gegner, sondern auch Unterstützer. In der Pfarrei gibt es zwei Lager, also Befürworter und Gegner, sowie Kirchgänger, die sich nicht in die Auseinandersetzungen einmischen. So stellten sich wiederholt Ministranten mit öffentlichen Erklärungen auf die Seite des Pfarrers. Stefan Kraus, der der Kirchenverwaltung angehört, verlas vor einigen Wochen in einem Gottesdienst in Eichenau eine Stellungnahme pro Bickl. Öffentliche Stellungnahmen lehnte Kraus aber ebenso ab wie der umstrittene Pfarrer. Presseanfragen wurden mit dem Hinweis beantwortet, sich an die Pressestelle des Ordinariats zu wenden.

© SZ vom 03.12.2012

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite