Eichenau Vor dem Bohrer ist es dunkel

Diskussion über Geothermie (von links): Joachim Wassermann, Norbert Seidl, Martin Eberl und Wolfgang Geisinger.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Befürworter und Gegner des Geothermie-Projekts in Puchheim streiten bei einer SPD-Veranstaltung über Haftung und Gewinne

Von Peter Bierl, Eichenau

Auch in Eichenau schlägt das Geothermie-Projekt in Puchheim Wellen. Einige Nachbarn haben Angst vor Schäden an ihren Häusern durch Erdbeben und befürchten, dass sich die Betreiber vor Schadenersatz drücken würden. "Einen solchen Rechtsstreit kann ich mir nicht leisten", sagte ein Zuhörer am Montag auf einer Veranstaltung der SPD in der Starzelbachschule. "Ein Erdbeben, bei dem Häuser wackeln, ist unwahrscheinlich", entgegnete Joachim Wassermann vom Geophysikalischen Observatorium in Bruck.

Einige Viertel von Eichenau sind fast so nah an den Bohrstellen dran wie die Puchheimer, entsprechend ähnlich gelagert sind die Ängste. Etwa 80 Zuhörer waren gekommen, darunter Vertreter der Bürgerinitiative Stopp Geothermie aus Puchheim, um mit dem Geophysiker Wassermann, Bürgermeister Norbert Seidl (SPD) aus Puchheim sowie Wolfgang Geisinger, Geschäftsführer der Geothermie in Unterhaching, zu diskutieren. Die Fragen drehten sich um die Wahrscheinlichkeit von Beben und Schäden, die Haftungsfrage sowie die Wirtschaftlichkeit von Geothermie. Der Klimaschutz spielte keine Rolle. Niemand widersprach Seidl, als er den ökologischen Aspekt betonte. In Puchheim streiten Befürworter und Gegner darüber, ob eine Geothermie-Anlage den Kohlendioxid-Ausstoß verringern würde.

Klar ist, dass Geothermie Erdbeben auslöst. Weit über 600 hat Geisinger in Unterhaching gezählt, nur sechs erreichten eine Stärke von über 2 auf der Richterskala, so dass sie überhaupt von Anwohnern gespürt wurden. In keinem Fall sei ein Schaden aufgetreten. Wassermann erklärte, dass Puchheim zwar in einem Moor entstanden sei, aber nicht auf Moorboden, sondern auf Kies stehe. Käme es wirklich zu stärkeren Beben, würden die Häuser als Ganzes gerüttelt und Schäden zuerst im Dachstuhl auftreten und nicht in den Kellern oder Kellerwannen. Viele Anwohner fürchten Haarrisse in den Wannen, die vor hoch stehendem Grundwasser schützen.

Der Geophysiker stuft das Risiko von starken Erdbeben und Schäden als gering ein, gab aber einem Zuhörer recht, der an die alte Bergarbeiter-Weisheit erinnerte, dass es vor der Hacke dunkel sei, man also nie wissen könne, was einen in der Tiefe erwartet. Zur Haftung führte der Puchheimer Bürgermeister aus, dass zunächst drei Kreise mit je 500 Meter Radius um Bohrlöcher und Bohrenden gezogen würden. In diesen Bereichen werde man Geräte aufstellen, um Erschütterungen zu messen, und den baulichen Zustand von Gebäuden dokumentieren. Komme es zu einem stärkeren Beben, würde das Bergamt einen anderen Einwirkungskreis aufgrund der Lokalisierung des Bebens ziehen. Nur in dieser Zone liegt im Schadensfall die Beweislast bei der Fördergesellschaft.

Die Eichenauer fragten, ob sie den Zustand ihrer Häuser auch dokumentieren lassen können, was Seidl bejahte. Allerdings ist klar, dass aus Kostengründen nicht jedes Gebäude untersucht werden kann. Ohne eine solche Dokumentation dürfte im Schadensfall schwer zu beweisen sein, dass etwa ein Riss nicht schon älteren Datums ist. "Wir werden ein praktikables Verfahren ausarbeiten, nicht hinter verschlossenen Türen, sondern mit der Bürgerinitiative und den Eichenauern", versprach der Puchheimer Bürgermeister deshalb für den Fall, dass das Projekt Geothermie beim Bürgerentscheid in Puchheim am 22. Juli eine Mehrheit bekommt.

Scharfe Kritik übte Claus Ehrenberg, Vorsitzender des Eichenauer Umweltbeirats, der beruflich für die Stadtwerke München mit Geothermie zu tun hat: Der Puchheimer Bürgermeister sei auf Bohrfirmen und Berater hereingefallen, die eine Goldader versprechen. Das Fernwärmenetz in Puchheim sei begrenzt, und die Unternehmen Bayernwerk und Danpower im Ortsteil Planie, die Geothermie-Fernwärme abkaufen und an die Verbraucher verkaufen, wollen ebenfalls Gewinn machen. Seidl solle sich obendrein fragen, warum das Bayernwerk nicht als Partner bei der Fördergesellschaft einsteigen wollte. Der Bürgermeister räumte ein, dass Fernwärme für Verbraucher teurer sei. Den Gewinn für die Stadt als Gesellschafter könne er nicht abschätzen, außerdem handele es sich um Geschäftsgeheimnisse. Zwar könne nur die Hälfte der erwarteten 40 Gigawattstunden genutzt werden, allerdings sei das Puchheimer Fernwärmenetz ausbaubar.