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Serie "Aus Liebe zum Verein" (Folge 3):Richtig drehen will gelernt sein

Die Volkstanzfreunde Eichenau sind ein junger Verein in der Gemeinde. Dessen Mitglieder sollten ein wenig Ahnung vom Tanzen haben und ein gesundes Maß an Heimatgefühl mitbringen

Von Erich C. Setzwein, Eichenau

Es ist ein junger Verein in Eichenau, doch seine Mitglieder sind nicht mehr die Jüngsten. Der Altersdurchschnitt liegt so bei 60, beweglich sind sie allemal, und sieht man einmal von reinen Sportvereinen ab, so sind die Volkstanzfreunde Eichenau ausgesprochen aktiv. Das hat schon allein damit zu tun, dass sich jeden Mittwoch die meisten der 22 Mitglieder zum Übungsabend treffen und zu Volksmusikweisen, die gerade wieder stark im Kommen sind, tanzen. Auch wenn der Hintergrund der Vereinsgründung im vorigen Jahr nicht direkt in einen Zusammenhang mit der neuen Lust am Volkstanz und dem geselligen Beisammensein bei Hoagartn gesetzt werden kann, so sind Vereine wie der Eichenauer doch gerade in Mode. Ob es der Dialekt ist, den viele der Interessenten an Brauchtums-, Volkstanz- oder Trachtenvereinen noch gar nicht sprechen, die Tracht, die bei allen möglichen Anlässen getragen wird oder die Musik, mit der mittlerweile viele bayerische Bands Erfolge feiern - das Bayerische, insbesondere Elemente aus Oberbayern, boomt.

Volkstanzfreunde

Die Mitglieder des Vereins Volkstanzfreunde üben im katholischen Pfarrheim.

(Foto: Günther Reger)

Bei den Eichenauern im Alter zwischen 23 und 80 Jahren, die dem Verein angehören, ist es weniger eine Modeerscheinung gewesen, als sie im Maibaumverein 2011 zusammenkamen, um Volkstänze fürs Maibaumaufstellen 2012 aufzuführen. Der "Tanz in den Mai" sollte zur Geselligkeit und zum Vergnügen beitragen. Markus Schneider, 38 Jahre alt und Vorsitzender der Volkstanzfreunde, war sich aber nicht sicher, ob das im Maibaumverein eine Zukunft haben würde. "Wir haben uns aus organisatorischen Gründen getrennt." So wurde im Januar 2014 aus den Tanzfreunden ein eingetragener Verein. Ähnlich wie beim Maibaumverein, der so lange auch noch nicht existiert, steht bei den Volkstanzfreunden das Heimatbewusstsein im Mittelpunkt, verbunden mit dem Interesse, alte Musik neu zu entdecken, neue Musik von den Musikanten zu hören und dabei Tänze auszuprobieren. Denn das Wissen um Musik und Tanzfiguren bringen die älteren Mitglieder ein. Erfahrene Tanzpaare, die wissen, wie sich wer wann wohin drehen muss und in welchem Takt die Weisen getanzt werden müssen.

Volkstanzfreunde

Rudi Müller legt aus seiner reichhaltigen Sammlung Musik.

(Foto: Günther Reger)

Rudi Müller und seine Frau Monika sind solche Experten. Rudi μMüller hält einen so großen Musikfundus bereit, den die Volkstanzfreunde vielleicht nie vertanzen können. Es sind die Erfahrenen, die den Jüngeren beibringen, wie man zu einem Zwiefachen tanzt oder die Babenhauser Française. Es gibt Mitglieder, die früher jahrelang getanzt haben und nun wieder zum Tanzen gefunden haben. Und es gibt solche, die dieses aktuell sehr verbreitete neue Heimatgefühl zu der Tanzgruppe gebracht hat. "Es ist das Gesellige, das Ungezwungene, das uns anzieht", sagt Vorsitzender Schneider

Volkstanzfreunde

Den Vorstand bilden (unten links von links) Markus Schneider, Uschi Ober, Erwin Niebauer und Alfred Heberl.

(Foto: Günther Reger)

So außergewöhnlich ist der Volkstanz im Landkreis gar nicht. Die Eichenauer besuchen auch gerne die Volkstanzkreise in Puchheim oder Olching, sie fahren nach Maisach oder ins benachbarte Gilching. Auch im Münchner Westen haben sich solche Gruppen schon zusammengefunden, gerade da, wo man es erwarten würde, gibt es auch die Musiker, die bei Volkstanzveranstaltungen spielen. So hat der Verein für seine erste größere Volkstanzveranstaltung am 24. Oktober in der Friesenhalle in Eichenau die Aubinger Spuileit verpflichtet, eine Gruppe, die weit über die oberbayerische Bezirksgrenze bekannt ist. Bei Gelegenheiten wie diesen lernen die Tänzer andere Volkstanzbegeisterte kennen, tauschen sich aus, lernen voneinander.

Heimatgefühl

Die Immobilien des vorzugsweise oberbayerischen Heimatgefühls stehen entweder auf der Glentleiten bei Großweil unweit der Garmischer Autobahn oder gegenüber dem Bahnhof von Neuhaus-Fischhausen auf dem Gelände von Museumsdorfbesitzer Markus Wasmeier. An dem einen Ort pflegt der Bezirk Oberbayern Traditionelles, an dem anderen ein Skiweltmeister seine Liebe zum Oberland. Und an diesen Orten wird auch der Volkstanz gepflegt. So Ende Juni, als Wasmeier zum ersten Volkstanztag in sein Bauernhofmuseum einlud. Längst sind solche Veranstaltungen keine exklusiven Events mehr, sondern Treffpunkte für einheimische Tanzinteressierte wie für Touristen, die sich in Dirndl und Lederhose unters "Volk" mischen. Wer etwa in München auf sich hält, schleppt sich zu studentisch-nachtschlafener Zeit um sechs Uhr früh an den Chinesischen Turm zum Kocherlball. Wo früher nur die Hausangestellten sich vor Arbeitsbeginn einmal im Jahr vergnügten, drängen sich heute die Feierwütigen wie auch die Traditionalisten. Für sie werden sogar eigene Tanzkurse angeboten - dem Volk wird das Tanzen beigebracht. Da machen auch jene mit, die sich sonst von jeglicher Bayerntümelei fernhalten. Dieses neue Heimatgefühl, das in einer sich in digitalen Einheiten zergliederten Welt neu einstellt, versuchen auch Medien zu nutzen. In gedruckter Form übernimmt das zum Beispiel eine Zeitschrift, die sich MUH nennt, und in der Kulturelles und Politisches aus dem modernen wie aus dem historischen Bayern erzählt wird. Auch der Bayerische Rundfunk schickt Signale bayerischen Heimatgefühls über seinen auf DAB-Radios zu empfangenden Heimatkanal ins Land. Ein Hersteller hat sogar eine eigene Heimattaste in seinem DAB-Radioapparat integriert. Welche Bedeutung sogar die bayerische Staatsregierung der Heimat zumisst, zeigt sie in einem eigenen Ministerposten. Dessen Inhaber, derzeit ein Franke, ist für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und für die kulturelle Überlieferung zuständig. ecs

So ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass mal der ein oder andere Tänzer "von außerhalb" vorbeischaut, wenn im ersten Stock des katholischen Pfarrheims geübt wird. Es ist das Provisorische an der Musikanlage von Rudi Müller, das den Saal im Ortszentrum nicht als Tanzstudio erscheinen lässt, sondern als Übungsraum für diese Abende. Es ist ja auch nicht Voraussetzung, perfekt tanzen zu können oder zumindest die höheren Weihen von Walzer, Slowfox oder Tango erhalten zu haben. Statt dessen sollten nur Grundkenntnisse vorhanden sein, den Walzer oder die Polka sollte ein Mittänzer schon mal getanzt haben oder wissen, wie ein Dreher geht. In die Feinheiten führt dann schon Vortänzer Müller ein. So etwa, wenn er zur Babenhauser Française anleitet. Ein Tanz, der etwa 200 Jahre alt ist und in dem die Tänzer nicht für sich tanzen, sondern sich in Reihen gegenüberstehen und gemeinsam Tanzfiguren ausführen. Der höfische Charakter zeigt sich in den Verbeugungen und galanten Wechseln. Erhalten haben sich in Bayern die Münchner Française mit einem eigenen Ablauf sowie eben die Babenhauser Française, bei denen ein Tanzleiter die Kommandos gibt. In Eichenau kommen sie mit Musik von einer CD, wobei sich der Außenstehende über die Begriffe "Schöne Klee", "Komplimente", "Schöne Dame" oder "Balancé" wundert. Doch die Schöne Klee hat nichts mit einer grünen Wiese zu tun, mit der Schönen Dame ist auch nicht weibliche Schönheit gemeint, sondern es handelt sich um verballhornte französische Begriffe. Das "Schöne" kommt vom französischen chaine, das Kette heißt, und Klee kommt von anglaise, also englisch. Es wird also die Tanzfigur "englische Kette" gebildet. Die schöne Dame ist demnach die Damenkette. Markus Schneider verrät, wo man solches Wissen außerhalb des Tanzsaals im Pfarrzentrum herbekommt, nämlich aus dem Internet, wo Tanzinteressierten ein Lexikon namens dancilla.com zur Verfügung steht.

Tanzen, meint Schreiber, sei ein Training für Körper und Geist. Bei den Schrittfolgen und Figuren, die die Mitglieder am Übungsabend zeigen, kann man das gut nachvollziehen. Da machen die Älteren mit ihrer Erfahrung eine gute Figur, sie sind Vortänzer und Vorbilder zugleich. Dumm anstellen kann sich bei den Tanzfreunden niemand. Wer sich traut, wird "einfach mitgenommen". Es gibt keine Anfängerkurse, jeder kann jederzeit einsteigen. Und sollte jemand zwar tanzen, aber nicht singen können - auch kein Problem. Singt er eben bei den Tänzen mit Gesang nicht mit.

Mit derzeit 22 Mitgliedern, davon 20 aktiven, gehört der Verein eher zu den kleineren. Man wolle aber wachsen, sagt Schreiber, es dürfe sich jeder angesprochen fühlen, der Freude an der Bewegung und ein gewisses Heimatbewusstsein habe. Freilich dürfe man sich auch nicht scheuen, die Tänze öffentlich aufzuführen. Denn irgendwann verlassen die Volkstanzfreunde ihren provisorischen Übungsraum auch, um sich zu zeigen. So etwa am 24. Oktober von 18.30 Uhr an in der Friesenhalle an der Hauptstraße.

Die Mitglieder müssen aber nicht nur üben, sie haben auch ein aktives Vereinsleben. Darunter verstehen Schreiber und seine Mitstreiter Rosi und Jakob Stemp, Monika und Rudi Müller und die Vorstandskollegen Alfred Heberl, Uschi Ober und Erwin Niebauer die Feste im Sommer und an Weihnachten, das gemeinsam Singen von Liedern oder sich über das Suchen und Finden alter Texte und Kompositionen zu unterhalten.

Damit wollen sie eine Tradition schaffen, die es in Eichenau in dieser Art noch nicht gab. Das rein Lokale geht über ein Netzwerk in eine regionale Verbundenheit zu anderen Volkstanzgruppen ein, so verbreitet sich Traditionelles und Neues gleichermaßen. Von außen betrachtet sind die Volkstanzfreunde Gleichgesinnte ohne Ideologie, dafür mit einer guten Portion Gefühl ausgestattet. Für die Takte der Musik, für die Bewegung und für die Heimat, in der sie tanzen.

© SZ vom 25.08.2015

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