Eichenau:Mein Freund, der Baum

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Eine Waldpädagogin verbringt einen ganzen Vormittag mit einer dritten Klasse im Forst. Es wird gespielt, Wissen vermittelt und am Ende pflanzt jedes Kind beim bayernweiten Projekt Waldschule eine Weißtanne

Von Ariane Lindenbach, Eichenau

Kinderstimmen dringen schon von Weitem aus dem Wald bei Eichenau. Es ist kein permanenter Klangteppich, eher ein pointiertes Gicksen, Kichern und Rufen, das da immer wieder zwischen den teils noch von Nebelschwaden umhüllten Fichten aus dem Wald auf die Wiesen wabert. Drinnen im Forst, direkt am Rand zur Wiese und in unmittelbarer Nähe einer Quelle, wuseln 21 Schülerinnen und Schüler einer dritten Klasse der Eichenauer Starzelbachschule paarweise durch den Wald, wobei immer einer aus dem Gespann die graue Mütze bis tief unters Kinn gezogen hat. Mit höchster Konzentration ist der sehende Part darauf bedacht, dass der blinde Partner nicht gegen einen Baum prallt oder über einen herumliegenden Ast stolpert. Die Sehenden folgen ihren Schützlingen dicht, rufen dazwischen "Stopp" oder "jetzt ducken".

Die Neun- bis Zehnjährigen sind gerade auf der Suche nach "ihrem" Baum - jenem Exemplar, das sie zu Beginn des Spiels auserkoren und ebenfalls blind ertastet haben, um es nach einem geführten Spaziergang mit der Partnerin oder dem Partner wiederzuerkennen. Das Spiel ist eines von mehreren, das die Waldpädagogin Catherine Kiechle mit den Kindern an diesem Vormittag spielt. Sie sollen dadurch mehr erfahren über den Wald und seine Bewohner, ein Bewusstsein für seine Bedeutung entwickeln. Und natürlich sollen die Kinder sich im Freien bewegen, erfahren wie gut ein Aufenthalt in der Natur tut, speziell im Wald. Und vielleicht ein bisschen Bewusstsein entwickeln dafür, dass der Mensch ein Teil davon ist und ohne sie nicht existieren kann. Damit das Ganze möglichst nachhaltig wirkt und ganz nebenbei noch einen positiven Effekt auf die Natur hat, gipfelt der Ausflug in den Wald gegen Mittag darin, dass jedes Kind einen Baum, "seinen Baum", pflanzen darf.

EICHENAU: Aktionstag DIE WALDSCHULE mit der Starzelbachschule

Über Stock und über Steine: Paarweise erkunden die Kinder den Wald, wobei immer eines nichts sieht und vom anderen geführt wird.

(Foto: Leonhard Simon)

Das ganze Programm ist Teil der "Waldschule", einem Projekt der Baywa-Stiftung in München. Seit der Pilotphase 2018 haben 43 bayerische Schulklassen daran teilgenommen und inzwischen fast 1000 junge Bäumchen gepflanzt. Nebenbei haben bayerische Grundschüler viel über Bäume und all die anderen Bewohner im Wald erfahren. Ganz gezielt veranstalten die Mitarbeitenden der Baywa-Stiftung die Waldschule mit Drittklässlern, da in dieser Jahrgangsstufe der Wald Schwerpunktthema im Heimat- und Sachunterricht ist, wie Projektkoordinatorin Katharina Wöhrl erklärt.

Tatsächlich sind die Kinder gerade voll in ihrem Element. Das erste Spiel - das blinde Wiederfinden eines einzelnen Baumes - haben sie alle mühelos gemeistert. "Ich habe ihn wiedergefunden, weil an dem Stamm Efeu hochgewachsen ist", sagt ein Bub. Ein anderer hat sich einen Ast am Boden gemerkt, über den er kurz vorher gestolpert war. Als nächstes fragt Catherine Kiechle in die Runde der hoch konzentrierten Kinder, wie man denn Tannen und Fichten unterscheiden kann. "Die Fichte sticht, die Tanne nicht", erklärt ein Mädchen. Ihre Partnerin ergänzt, dass die Zweige vier bis acht Zentimeter lang sind und herab hängen. Es gibt kaum eine Frage, die die Kinder nicht beantworten können. Für die Waldpädagogin ist das wenig überraschend, nicht nur wegen des Lehrplans der dritten Klassen: "Man merkt auch, ob das eine reine Stadtklasse ist oder eine ländliche." Kinder aus der Stadt seien tendenziell "ein bisschen ängstlich", wenn sie plötzlich im Wald unterwegs seien; auch die Bewegung auf dem weichen, oft unebenen Boden falle ihnen sichtlich schwer. Die Starzelbachschüler hingegen seien es gewöhnt, sich draußen in der Natur zu bewegen, findet Kiechle.

"Absolutes Highlight" ist laut Wöhrl das Pflanzen der Bäume am Ende des Vormittags. Dazu sucht die Baywa-Stiftung zunächst nach einem geeigneten Waldstück. In diesem Falle gehört es Christian Müller. Junge Weißtannen, vielleicht 15 Zentimeter hoch, möchte der Waldbesitzer in seinem Gelände anpflanzen. Sie sollen die Klimakatastrophe besser überstehen können als die Fichten, die für die Waldbauern dieser Region wegen ihres schnellen Wuchses über Generationen der Brotbaum war, erklärt die Waldpädagogin. Inzwischen würden aber nur noch wenige Forstbesitzer an ihr festhalten.

Die Kinder sind vor allen Dingen von der zeitlichen Dimension beeindruckt, die das Leben im Wald bestimmt. Die kleinen Tännchen, erklärt ihnen Kiechle gerade, sind schon drei Jahre alt, die den Wald prägenden Fichten bestimmt ein halbes Jahrhundert - ein Zeitraum, der für die Zehnjährigen vermutlich schwer vorstellbar ist. Mit Hohlspaten und Pflanzhauen graben die Schüler schließlich an lichten Stellen im Wald ein Loch für "ihre" Weißtanne. Vorsichtig setzen sie die jungen Pflänzchen in den weichen, nach Moos und fauligen Blättern riechenden Boden. Ein langer Holzstab, etwa ein Meter, wird das junge Bäumchen stützen, eine sogenannte Wuchshülle vor den hungrigen Mäulern der Rehe schützen. Bis die Weißtannen den oberen Rand erklimmen, werden die Schüler etwa ihr 18. Lebensjahr erreicht haben, sagt Kiechle. Die jungen Baumpflanzer schreckt das nicht ab - im Gegenteil.

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