Fürstenfeldbruck:Faszination Geschichte

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Knipping Andreas aus Eichenau ist Vorsitzender des Historischen Vereins und Fachmann für Eisenbahnfragen. (Foto: Andreas Knipping)

Andreas Knipping hat etliche Bücher zur Geschichte der Eisenbahn publiziert. Jetzt führt er den Historischen Verein an.

Von Peter Bierl, Eichenau

Geschichte und Lokomotiven haben Andreas Knipping schon in der Jugend fasziniert. Seit den 1970er-Jahren publiziert der gelernte Jurist informative Bücher zur Geschichte der Eisenbahn, insbesondere im Ersten und Zweiten Weltkrieg, sowie der Dampflokomotive. Unlängst wählten die Mitglieder des Historischen Vereins den 71-Jährigen zum neuen Vorsitzenden. Er tritt die Nachfolge von Ulrike Bergheim an, die den Verein acht Jahre lang geleitet hat.

"Ich muss meinen Mut zusammen nehmen, ich werde es schon schaffen", sagt Knipping zu der neuen Aufgabe. Denn so sehr er auch mit Geschichte vertraut ist, der Verein ist Neuland. Knipping hat immer wieder mal Veranstaltungen besucht, ist aber erst zwei Wochen vor seiner Wahl Mitglied geworden. Er hat sich nicht um das Amt gedrängt, bekam aber jede Menge Aufforderungen und Zuspruch. Fasziniert ist Knipping vom großen Engagement seiner Vorgängerin, die ein weites Spektrum an Themen in die Vereinsarbeit gebracht hat, vornehmlich die NS-Zeit, um die der Historische Verein lange einen Bogen gemacht hat.

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Geboren ist Knipping in München, 1961 zog die Familie nach Gröbenzell. Damals fuhren noch Pferdefuhrwerke auf den Kiesstraßen durch die Siedlung. "Das ist eine versunkene Welt", sagt er. Nach dem Jurastudium zog Knipping wieder nach München, später mit seiner Frau in eine Reihenhaus in Eichenau. Dort gehörte er von 2014 bis 2020 für die SPD dem Gemeinderat an. Sein Sohn Raphael, 30, ist ein politisch engagierter Fotojournalist.

Knippings Interesse für Politik und Geschichte kam durch die Lektüre des Spiegel und die Auseinandersetzungen um die Ostpolitik Willy Brandts, die seinerzeit von CDU und CSU heftig bekämpft wurde. Besonders bewegt war Knipping vom Kniefall Brandts in Warschau vor dem Mahnmal an die Helden des Warschauer Ghettoaufstands.

In Gröbenzell trat Knipping 1972 in die SPD ein. In Obergiesing, seinem Stadtviertel ab 1981, war die SPD noch eine Arbeiterpartei. Beeindruckt hat ihn ein alter Genosse, der am 7. November 1918 neben Kurt Eisner (USPD) in München demonstriert hatte. Dieser außerparlamentarische Protest leitete den Sturz der Monarchie ein, daraus ging am folgenden Tag der Freistaat Bayern hervor.

Nach dem Studium arbeitete Knipping als Referent in der Landesversicherungsanstalt Oberbayern, war Dozent an der bayerischen Beamtenfachhochschule und wechselte 1996 als Richter ans Sozialgericht. Dort war Knipping mit Streitigkeiten im Zusammenhang mit der Kriegsopferversorgung, aber auch dem Ghettorentengesetz befasst, den bescheidenen Beträgen, die überlebenden jüdische Opfern der Shoah zustanden. Da ging es vor allem auch darum, Lebens- und Leidensgeschichten zu rekonstruieren. Eher durchgewunken wurden von Behörden Rentenzahlungen an NS-Verbrecher und ihre Hinterbliebenen. Knipping bekam etwa den Rentenanspruch der Witwe von Adolf Eichmann auf den Tisch.

Virtuelle Ortsbegehungen geplant

2019 ging Knipping in den Ruhestand. Seitdem hat er noch einige Bücher mehr publiziert, etwa einen Bildband zur Geschichte der Eisenbahn in Deutschland von 1835 bis heute. Das Mandat im Eichenauer Gemeinderat ging an die "grüne Welle" verloren, wie er es ausdrückt. Dafür übernahm er ein Jahr später den Vorsitz der Schiedsstelle Bayern der Eingliederungshilfe, die in Landshut angesiedelt ist. Sie ist zuständig für Finanzierungskonflikte zwischen Einrichtungen für behinderte oder psychisch kranke Menschen einerseits und den sieben Bezirken, die in Bayern für die Finanzierung der Einrichtungen zuständig sind.

Für die künftige Vereinsarbeit ist Knipping klar, dass Wissensvermittlung vom Rednerpult an ein bildungsbürgerliches Auditorium an generationsbedingte Grenzen stößt. Er möchte moderne digital gestützte Angebote mit virtuellen Ortsbegehungen und eingespielten Interviews unterstützen, auch wenn ihm selbst die technische Kompetenz fehlt. Thematisch gibt es für Knipping keine Grenzen. Die Entwicklung von Kleingarten- und Flüchtlingssiedlungen zu Wohlstandsvororten in Gröbenzell, Puchheim Bahnhof und Eichenau sei inzwischen ein Thema für historische Betrachtungen. 2024 wird die Polizeischule in Fürstenfeld, die mit dem Historischen Verein intensiv zusammenarbeitet, 100 Jahre alt werden. Das wäre Anlass genug für den Rückblick auf "teilweise sehr düstere Zeiten".

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