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Eichenau:Gelungenes Online-Plenum

Lange Nacht der Demokratie

Im Anzug im Büro, im Jogginganzug im Kinderzimmer oder mit einem Glas Wein am Küchentisch: die Teilnehmer der Nacht der Demokratie.

(Foto: Céline Lauer/oh (Screenshot))

Die "Lange Nacht der Demokratie" in Eichenau zeigt, wie Bürger und Politik die Digitalisierung zum Austausch nutzen können

Von Amelie Sittenauer, Eichenau

Dank der Digitalisierung waren Bürgerbeteiligung und politische Debattenkultur wohl nie zugänglicher und niederschwelliger als heute. Wer über Demokratie diskutieren will, muss das Haus nicht mehr verlassen. Und so saß zur "Langen Nacht der Demokratie" der Gemeindebücherei Eichenau mancher Gast im Anzug in seinem Büro vor dem Bildschirm, andere Zuschauer in ihren Kinderzimmern, und wieder andere in bequemen Klamotten und mit einem Glas Wein am Küchentisch. Nicht weiter ungewöhnlich im Jahr 2020.

Knapp fünfzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden sich auf der Videokommunikationsplattform Zoom ein, um mit Celine Lauer, Kulturreferentin der Gemeinde Eichenau, dem Eichenauer Bürgermeister Peter Münster, und den geladenen Gästen über den Zustand der Demokratie zu diskutieren. Geladen waren die CSU-Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler, der CSU-Landtagsabgeordnete Benjamin Miskowitsch, der FW-Landtagsabgeordnete Hans Friedl, Grünen-Gemeinderat Markus Hausberger, Mia Feder, Mitarbeiterin von hassmelden.de, und der Philosoph und Politikwissenschaftler Timo Greger.

Getreu dem Motto der Veranstaltung "Demokratie ist, wenn alle mitmachen können", sollte es aber nicht bei einer Podiumsdiskussion bleiben, bei der die Wenigen sprechen und die Vielen schweigen. Die Veranstalter wollten die ganzen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation nutzen, um die Demokratie vielstimmig und vielschichtig zu ergründen und auch um Bürger und Repräsentantinnen miteinander in Kontakt zu bringen. In die Diskussion waren deshalb Videobeiträge von Personen des öffentlichen Lebens eingebettet, in denen diese ihre persönlichen Definitionen, Vorstellungen und Überlegungen zum Thema Demokratie darlegten und zugleich - passend zur Gemeindebücherei - eine Buchempfehlung gaben. Als dritte Komponente sollte darüber hinaus auch die Chatfunktion der Videoplattform genutzt werden, über die sich die Teilnehmenden mit Kommentaren und Fragen aktiv an der Diskussion beteiligen konnten.

Gleich zu Beginn der Diskussion stellte die Eichenauer Poetin Fee Brembeck in ihrem voraufgezeichneten Videobeitrag eine Leitfrage: "Wer ist denn überhaupt der Demos in der Demokratie? Wer ist das "Volk" in der Volksherrschaft? Mit wem identifizieren sich manche dort gar so leichtfertig?". Nach diesem ersten Impuls hangelte man sich in einem Dreiklang aus Diskussion, Chat und Videos anschließend durch die aktuellen politischen Debatten. Von Hass im Netz und der Wirksamkeit von Widerrede in sozialen Medien, über den Umgang mit sogenannten Corona-Skeptikern und der Rolle des Parlaments in Pandemiezeiten bis hin zum Stand der Gleichberechtigung von Frauen in der Politik. Dabei ging es auch mal kontrovers zu, zum Beispiel bei der Frage, wer denn jetzt verantwortlich sei für die niedrige Prozentzahl von Frauen in der Politik, die Wähler oder doch die Parteien. Dass mit den unterschiedlichen Repräsentationsebenen auch spezifische Herausforderungen bei jedem der Themen einhergehen, führte das breite Spektrum der anwesenden Repräsentanten, vom Gemeinderat bis zur Bundestagsabgeordneten, sehr anschaulich vor Augen.

Ganz wie von den Veranstaltern erhofft, verlief die Diskussion aber keineswegs ausschließlich auf der Ebene der gewählten Vertreter und Expertinnen ab. Von Anfang an fand parallel eine reger Austausch der Bürgerinnen und Bürger im Chat des Online-Plenums statt.

In Meinungsumfragen bezogen die Zuschauer Stellung dazu, wie sie mit Hass im Netz umgehen, ob sie denken, dass die Meinungsfreiheit gefährdet ist, oder welche Themen durch die Pandemie in Vergessenheit geraten sind. Die vielfältigen Videobeiträge, unter anderem vom Landesschülersprecher Josua Grasmüller, der Grünen-Landtagsabgeordneten Katharina Schulze, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Schrodi und Philosoph Julian Nida-Rümelin, ergänzten dies durch zusätzliche Blickwinkel, Analysen, Erfahrungsberichte und natürlich Buchempfehlungen.

Die "Lange Nacht der Demokratie" hat gezeigt, dass lebendiger Austausch nicht nur vor Ort stattfinden kann. Über den Abend hinweg ergab sich aus den zusammen gedachten Formaten ein diverses Stimmungsbild, das die Lebensrealitäten der vielen Interessierten darstellte, ohne die eigentliche Diskussion vollends zu überladen. Jede der vielen Zoomkacheln war gleich groß, Diskutanten rückten näher an die Zuschauenden, Repräsentanten näher an die zu Repräsentierenden. Der Wille zum Austausch, zum Konsens, das war eine der Schlussfolgerungen für eine lebendige Demokratie, wurde von der Veranstaltung selbst gleich eindrucksvoll umgesetzt.

© SZ vom 20.11.2020
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