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Eichenau:Ein Martyrium

Rolf und Monika Bretschneider mit ihrer Tochter Carolin. Die sitzt im Rollstuhl und trägt ein Stützkorsett, weil sie sonst den Oberkörper nicht aufrecht halten kann. So bleibt ihre Wirbelsäule gerade, die sich noch im Wachstum befindet.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Im August 2017 muss die damals achtjährige Carolin an der Leber operiert werden. Es kommt zu lebensgefährlichen Komplikationen. Das Mädchen aus Eichenau ist seither auf den Rollstuhl angewiesen. Die Eltern streiten sich nun mit der ärztlichen Haftpflichtversicherung

Von Ingrid Hügenell, Eichenau

Carolin war ein lebensfrohes Kind. Trotz ihrer Krankheit sei sie immer "draußen umeinander gesaust mit ihren Freunden", berichtet ihr Vater, Rolf Bretschneider. Die Eltern glauben, sie und die Ärzte hätten die Tuberöse Sklerose gut im Griff. Die angeborene Krankheit kann zu Gewebswucherungen und Fehlbildungen in allen Organen führen. Bei Carolin wird sie im Alter von drei Monaten diagnostiziert - sie hat epileptische Anfälle. Wegen einer leichten Entwicklungsverzögerung besucht Carolin später die Förderschule in Fürstenfeldbruck.

2017 treten an ihrer Leber Tumore auf, die operiert werden müssen - sie könnten sonst bösartig werden. Doch im Anschluss geht irgendetwas fürchterlich schief. Am 3. August 2017 wird Carolin operiert. Erst am 17. April 2018, fast neun Monate später, kann das Mädchen wieder nach Hause zurückkehren. Im Rollstuhl.

Nun ist für Familie Bretschneider alles anders. Carolin, die Anfang Dezember zwölf Jahre alt wurde, ist querschnittgelähmt, vom unteren Brustbereich abwärts. Ihre Eltern Rolf, 53, und Monika, 52, pflegen sie zuhause. Das Mädchen besucht in München die bayerische Landesschule für Körperbehinderte. Wenn dort Präsenzunterricht ist, muss sie um fünf Uhr morgens aufstehen und kommt erst um 17 Uhr wieder heim - eine Strapaze für das behinderte Kind.

Zusätzlich geht es derzeit darum, ob die Haftpflichtversicherung des Krankenhauses für die Kosten aufkommt, die der Familie durch die Behinderung entstehen. Bretschneiders haben ein Haus in Eichenau rollstuhlgerecht umbauen lassen. Diese Ausgaben soll die Versicherung nach Ansicht der Eltern übernehmen, außerdem wollen sie ihre Tochter, ihr einziges Kind, finanziell abgesichert wissen. Doch die Basler Versicherung verzögere die Zahlungen, sagt Rolf Bretschneider. Er sei selbst in der Versicherungsbranche tätig und wisse, wie das laufe. Ermittlungen gegen die behandelnden Ärzte wegen Körperverletzung hat die Staatsanwaltschaft im März 2020 eingestellt. Es lasse sich nicht zweifelsfrei nachweisen, dass Behandlungsfehler zu der schweren Behinderung Carolins geführt hätten, heißt es in dem Bescheid der Oberstaatsanwältin. Bretschneider betont, er habe eigentlich nur die vollständige Akte von der Klinik haben wollen. Zur möglichen Körperverletzung habe die Staatsanwaltschaft von sich aus ermittelt.

Was in der Klinik geschehen ist, ist durch drei ärztliche Gutachten dokumentiert und gut nachvollziehbar. Eines davon hat die Staatsanwaltschaft bei einer Professorin für operative Intensivmedizin der Berliner Charité angefordert. Die anderen beiden, von einem Neurochirurgen und einer Fachärztin für Anästhesie, wurden im Auftrag des Medizinischen Dienstes des Krankenversicherung angefertigt. Die drei Gutachter schildern den Ablauf nach den Akten der Klinik sehr ähnlich. Die etwa fünfstündige Operation in einer Kinderklinik in München wird demnach regelgerecht ausgeführt. Carolin erhält eine Rückenmarksnarkose. Dabei wird eine Nadel zwischen zwei Wirbeln nahe ans Rückenmark herangeführt, Narkose- und Schmerzmittel gelangen direkt an die Nerven. Bei Carolin wird die Nadel in dem Bereich oberhalb der Leber gesetzt. Der Katheder bleibt nach der OP zur Schmerzbehandlung liegen.

Zunächst scheint laut den Gutachten alles gut zu sein. Carolin ist wach, sie kann die Beine bewegen, sitzen. Doch nach zwei Tagen wird sie schwächer, schlapp. Immer wieder hatte sie auch erhöhte Temperatur. Vor allem verliert sie das Gefühl in den Beinen, kann sie nicht mehr bewegen. So beginnt das Martyrium.

Obwohl eine Krankenschwester, auch auf Drängen der besorgten Mutter, die Befunde meldet, geschieht erst einmal - nichts. Vielleicht, weil gerade Wochenende war, wie die Eltern vermuten. Erst zwei Tage später, als Carolin schon gelähmt ist, beginnen Ärzte, das Kind gründlich zu untersuchen.

Die drei Gutachter sind sich einig: Das war viel zu spät. Der neurochirurgische Gutachter schreibt, aus seiner Sicht sei nicht nachvollziehbar, "warum seit dem Auftreten der ersten klinischen Symptome die (...) Diagnostik um fast 48 Stunden verzögert wurde. Es handelt sich dabei um einen Verstoß gegen elementare medizinische Behandlungsgrundsätze". Unverständlich sei auch, warum bei der beginnenden motorischen Schwäche nicht sofort reagiert wurde.

Die Professorin der Charité nennt die "verschleppte Diagnostik der Querschnittlähmung" einen "Kunstfehler", der "potenziell zu weiteren, vermeidbaren Schädigungen des Rückenmarks geführt haben dürfte". Der wesentliche Schaden war ihrer Ansicht nach "schicksalhaft", wenngleich die genaue Ursache unklar ist. Dass so etwas geschehen könnte, war den Eltern bei der Aufklärung vor der Narkose auch mitgeteilt worden.

Zu einer Untersuchung im MRT wird Carolin per Tubus beatmet. Dieser wird zunächst entfernt, aber vier Stunden später muss sie erneut intubiert werden, weil sie nicht atmen kann. "Da habe ich Angst bekommen", erinnert sich Rolf Bretschneider. Wie sich zeigt, ist das Kind mit vier Bakterienarten und einem Hefepilz infiziert, die in Kliniken typischerweise geschwächte Patienten befallen. Nach einer Behandlung mit Antibiotika und Anti-Pilzmitteln tritt zudem ein gefährliches Darmbakterium auf, Carolin bekommt Durchfall und erneut Antibiotika. Das Kind hat Lungenentzündung, Wasser in der Lunge, womöglich ist ein Atmennerv geschädigt. Sie bekommt weiter keine Luft. Am 4. September entschließen sich die Ärzte daher zu einem Luftröhrenschnitt, über den sie beatmet wird - bis zum 12. November, mehr als drei Monate lang.

Mit dem Beatmungsschlauch im Hals wird Carolin am 25. September 2017 zur Rehabilitation in eine Klinik in Vogtareuth bei Rosenheim verlegt. Ihre Mutter ist immer an ihrer Seite. Erst am 17. April 2018, nach über einem halben Jahr, können sie nach Hause. "Das war schon sehr belastend", sagt Monika Bretschneider. "Aber man macht halt weiter. Man denkt nicht viel und macht einfach." Ihre Gefühle lässt sie nicht an sich heran. "Wenn Sie da so Ihr Kind sehen, da kriegen Sie schon Wut und Zorn und Hass. Aber das muss man beiseite schieben."

Schließlich habe es in Vogtareuth auch genug zu tun gegeben. Sie lernt, ihr Kind zu pflegen: den Blasenkatheter wechseln, den Darm entleeren. Carolin hat bis heute keine Kontrolle über ihre Ausscheidungen. "Das machen wir daheim alles alleine", sagt ihre Mutter. Ein Pflegedienst komme nicht. Die Eltern gehen pragmatisch mit der Situation um. Rolf Bretschneiders Eltern ziehen in eine Mietwohnung, damit ihr Haus für Carolins Bedürfnisse umgebaut werden kann, für einen sechsstelligen Betrag. "Es ist so, wie es ist. Wer weiß, was noch kommt", sagt die Mutter. Die Bretschneiders haben Hoffnung, dass sich Carolins Zustand verbessern könnte. Auch wenn die medizinischen Befunde das unwahrscheinlich erscheinen lassen.

© SZ vom 09.01.2021
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